12. September 2013 - 4:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Alfred L. Werker (und in den Credits ungenannt: Anthony Mann) schildern in ihrem Film noir semidokumentarisch die Jagd der Polizei auf einen ebenso raffinierten wie kaltblütigen Mörder. Der stark fotografierte und kompakt erzählte Thriller aus dem Jahr 1948 ist bei Koch Media in der Reihe "Film noir Collection" auf DVD erschienen.

Ein Off-Erzähler führt in die Geschichte ein, betont, dass der Film auf einem realen Fall beruht, stellt die wuchernde Großstadt Los Angeles vor, führt den Zuschauer in die Polizeizentrale und schließlich zu einem Officer, der gerade Dienstschluss hat. Damit kann sich der Erzähler – zumindest vorübergehend – zurückziehen, und die Geschichte sich quasi selbst erzählen lassen.

Als der Polizist auf dem Heimweg einen verdächtigen Mann kontrolliert, zieht dieser die Waffe und schießt. Der Polizist wird so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus stirbt. Die Polizei beginnt fieberhaft nach dem Mörder zu fahnden, erkennt aber rasch, dass sie es hier mit einem Profi zu tun hat, der kaum Spuren hinterlässt.

Wie langwierig die Ermittlungen sind, vermittelt nicht nur der Erzähler, sondern zeigen Alfred L. Werker und Antony Mann, der zahlreiche Szenen gedreht hat, in den Credits aber nicht genannt wird, auch konkret, wenn mit Hilfe zahlreicher Zeugen ein Phantombild erstellt wird. Eher durch Zufall kommt man schließlich dem Verbrecher auf die Spur und das Netz um ihn zieht sich zu…

Die Nacht – das ist die Tageszeit, zu der vielfach der Film noir spielt und viele tragen diese auch im Titel wie Raoul Walshs "They Drive by Night" (1940) oder Nicholas Rays "They Live by Night" (1948). Und auch Werker/Manns Film spielt vielfach bei Nacht, die der auf den Film noir spezialisierte Kameramann John Alton auch großartig in Szene zu setzen vermag.

Meisterhaft arbeitet Alton mit Licht und Schatten, bricht das Licht durch Jalousien, wählt expressive Untersichten. Großartig gefilmt ist die finale Verfolgungsjagd durch die Abwasserkanäle von Los Angeles – gleichzeitig mit Carol Reeds "The Third Man" entstand dieser Film, eine Beeinflussung des einen durch den anderen scheint unwahrscheinlich.

In der semidokumentarischen Schilderung der Polizeiarbeit gibt es keinen Helden, nicht einmal einen echten Protagonisten, sondern ein Kollektiv ist hier am Werk, das nicht große Taten vollbringt, sondern mühsame Kleinarbeit leistet. Als Individuum tritt am stärksten der Mörder hervor: ein Einzelgänger, der keine Skrupel kennt, auf der anderen Seite aber sich liebevoll um seinen Hund kümmert.

Nichts erfährt man in diesem 1948 gedrehten Schwarzweißfilm über die Motivation des Verbrechers, nur angedeutet wird die Traumatisierung durch den Zweiten Weltkrieg als Auslöser seiner kriminellen Energie – und doch sind die Nachwirkungen des Kriegs präsent von der deutschen Waffe, die der Mörder verwendet bis zu den teilweise aus Armeebestand resultierenden elektronischen Geräten, die er einem Elektrohändler zur Vermietung anbietet.

Erklärt wird aber nichts, so ansatzlos "He Walked by Night" beginnt, so abrupt endet er. Schnörkellos und realistisch ist das inszeniert, konzentriert sich ganz auf die Arbeit der Polizisten, die kein Privatleben zu haben scheinen, und die Aktionen des Mörders. Obwohl man den Täter von Anfang an kennt, folgt man gespannt diesem knapp 80-minütigen Katz- und Mausspiel. Als Vorlage diente dieser Film in seiner semidokumentarischen Inszenierung für die US-Fernsehserie "Polizeibericht" ("Dragnet"), die mit Unterbrechungen von 1951 bis 2004 produziert wurde.

An Extras bietet die bei Koch Media in der Reihe "Film noir Collection" erschienene DVD neben einer Bildergalerie vor allem ein sehr informatives zwölfseitiges Booklet von Thomas Willmann, an Sprachversionen verfügt die DVD neben der englischen auch über eine deutsch synchronisierte Fassung, sowie über englische Untertitel.



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