9. Februar 2022 - 7:05 / Aktuell / Literatur / Köpfe 

Der 1942 in Graz geborene österreichische Schriftsteller Gerhard Roth ist am Dienstag Abend im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer schweren Krankheit verstorben. Roth war Träger des österreichischen Staatspreises für Literatur und hinterlässt ein Monumentalwerk, in dessen Zentrum die beiden Buchzyklen "Archive des Schweigens" und "Orkus" stehen.

Auf Wunsch seines Vaters begann Gerhard Roth an der Grazer Karl-Franzens-Universität ein Studium der Medizin. 1963 heiratete er Erika Wolfgruber (* 1939), mit der er drei Kinder hat. 1967 brach er sein Studium ab und begann eine Tätigkeit als Organisationsleiter im Rechenzentrum Graz, nachdem er dort zunächst Operator und ab 1970 schließlich Organisator war. 1972 wurde er Mitglied im Forum Stadtpark, nachdem im gleichen Jahr seine erste literarische Buchveröffentlichung erschien. Aus dieser Zeit datieren seine Bekanntschaften mit Gerhard Rühm, H.C. Artmann und Peter Handke, mit dem er sich befreundet.

1972 reiste Roth gemeinsam mit Wolfgang Bauer und ein Jahr später zusammen mit Alfred Kolleritsch in die USA. 1975 folgte die dritte und 1978 die vierte Nordamerikareise aus Anlass der Verfilmung seines Romans "Der große Horizont" (1974) und des Autorenporträts "Ich war süchtig nach Bildern" (1979). 1976 trennte er sich von seiner Frau und zog mit seiner zukünftigen Frau Senta Thonhauser (die er 1995 heiratete) als freier Schriftsteller nach Obergreith in die Südsteiermark. Von 1973 bis 1978 war er Mitglied der Grazer Autorenversammlung. 1977 schied er aus dem Rechenzentrum Graz aus und wechselte vom Suhrkamp Verlag zum S. Fischer Verlag, der bis heute sein Werk betreut.

1979 ging er im Rahmen des Förderprogramms „Auswärtige Künstler zu Gast in Hamburg“ nach Hamburg. 1980 wurden erstmals (seine) Fotografien zum Roman "Der Stille Ozean" im Kulturhaus Graz ausgestellt. Seit 1982 ist Gerhard Roth mit Günter Brus befreundet, der später einige seiner Bücher illustrierte. Seit 1986 lebt er abwechselnd in Wien und in Kopreinigg in der Südsteiermark als Sommerwohnsitz.

Gerhard Roth meldete sich als Erzähler, Dramatiker und Essayist immer wieder kritisch zur österreichischen Vergangenheit und politischen Gegenwart zu Wort. Ab 1978 arbeitete er an dem siebenbändigen Zyklus "Die Archive des Schweigens", der in der Südsteiermark und in Wien angesiedelt ist, und den er 1991 abschloss. Mit dem Fotografen Franz Killmeyer entstanden Bild-Text-Kompositionen. Ab 1993 arbeitete er an dem Zyklus Orkus, der 2011 abgeschlossen wurde. Insbesondere dieses Werk Roths ist der "nicht nachlassenden Sorgfalt des Wahrnehmens und Formulierens" wegen als eine "Prosa der Aufmerksamkeit" (Andreas Dorschel) gerühmt worden. In "Orkus" zog er auch ein persönliches Fazit: "Meine sogenannten Fehler haben mein Leben entschiedener verändert als meine guten Eigenschaften. Sie haben mich hineingeführt in den Mittelpunkt der Existenz und wieder herausgeschleudert an die Peripherie, wo ich mich immer noch in dem Wechselspiel von Verrücktheit und Normalität, Einbildung und Sachlichkeit, Wahrheit und Lüge übe, als liege mein gesamtes Leben erst vor mir."

Sein letztes großes Projekt war seine Venedig-Trilogie, in der Roth noch einmal sein immenses kulturgeschichtliches Wissen in die Waagschale warf, um sich im Rahmen einer packenden Handlung durch die Gassen und Zeitläufte der Lagunenstadt zu schlängeln.
(Quellen: Wikipedia u.a.)