Kurt Bracharz

17. Dezember 2018 - 4:04

In Bob Woodwards heuer erschienenem Buch über Trump, "Furcht. Trump im Weißen Haus" wird ein vier Jahre zurückliegender internationaler Zwischenfall aus heutiger Sicht so dargestellt: "Im Jahre 2014 hatte Nordkorea mit einem Angriff auf Sony Pictures Entertainment, der die Veröffentlichung einer Filmsatire über Kim Jong-Un stoppen sollte, seine Cyberwar-Fähigkeiten auf mächtige Weise demonstriert.

In dem Film, einer Komödie mit dem Titel "The Interview", reisen zwei Journalisten nach Nordkorea, um den jugendlichen Diktator zu töten. Ermittler stellten später fest, dass nordkoreanische Hacker drei Monate lang in Sonys Netzwerken gelauert und darauf gewartet hatten loszuschlagen. Am 24. November kaperte Nordkorea Sonys Bildschirme. Um die Schockwirkung zu vergrößern, zeigten die Schirme ein bedrohliches rotes Skelett, das auf den Betrachter zukommt. Dabei standen der Text "Gehackt von GOP" – die als Guardians of Peace umgedeutete Abkürzung für die republikanische Grand Old Party – und die Mitteilung: "Wir hatten euch gewarnt, und das ist erst der Anfang." Nordkoreanische Hacker zerstörten mindestens 70 Prozent der Computer von Sony Entertainment. Der Norden, der Tausende von Hackern beschäftigte, wandte nun regelmäßig Cyberprogramme an, um in globalem Rahmen Banken und andere Institutionen um Hunderte Millionen Dollar zu bringen."

Das ist sehr summarisch dargestellt, aber "Furcht" ist ja auch kein Filmbuch. "The Interview" ist ein Film hauptsächlich von Seth Rogen (Drehbuch, Regie, Produktion, Darsteller) und Evan Goldberg (Drehbuch, Regie, Produktion), die zweite Hauptrolle neben Rogen spielte der mittlerweile sehr bekannt gewordene James Franco. Die beiden "Journalisten" eines schrägen Unterhaltungssenders wollen Kim Jong-Un eigentlich nicht umbringen, sondern interviewen, nachdem sie erfahren haben, dass er zwei Lieblings-TV-Sendungen habe, nämlich "The Big Bang Theory" und eben ihre Promi-Talkshow "Skylark Tonight". Die CIA drängt ihnen dann Rizin auf, mit dem sie Kim Jong-Un per Händedruck töten sollen. Das Ganze ist mehr Klamotte als Komödie, enthält aber ein paar durchaus sehenswerte Witze wie zum Beispiel das Eminem-Interview auf "Skylark Tonight". Der nordkoreanische Diktator stirbt im Verlauf der Filmhandlung tatsächlich, ohne noch einen Nuklearangriff starten zu können, aber nicht am Rizin.

Die Premiere war am 14. Dezember 2014 in Los Angeles. Am 16. Dezember drohten die "Guardians of Peace" mit Anschlägen auf Kinos und erinnerten an den 11. September 2000. Der Film hätte ab dem 25. Dezember von den großen US-Kinoketten gezeigt werden sollen, wurde aber als zu riskant von ihnen abgelehnt, worauf Sony am 17. Dezember bekannt gab, den Kinostart nicht durchführen und den Film gar nicht veröffentlichen zu wollen. Dem widersprach am 19. Dezember 2014 der Chef von Sony Pictures, Michael Lynton: Der Film solle auf DVD und per Video-on-Demand veröffentlicht werden, es sei lediglich die Kinoveröffentlichung abgesagt worden. Man wünsche sich, dass die amerikanische Öffentlichkeit diesen Film sehen könne. Am 25. Dezember 2014 wurde der Film in den USA in 331 unabhängigen Kinos sowie online veröffentlicht, in Deutschland am 5. Februar 2015, in Österreich am folgenden Tag.

In den Monaten vor der Premiere hatte es einen regen Wortwechsel zwischen Politikern wegen "The Interview" gegeben. Im Juli 2014 hatte sich der nordkoreanische UN-Botschafter beim damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon mit dem Argument beschwert, die Darstellung der Ermordung eines aktuellen Regierungschefs sei nicht nur eine "Kriegshandlung", sondern auch eine "unverhohlene Unterstützung von Terrorismus". Als sich Barack Obama für eine Veröffentlichung des Films ausgesprochen hatte, ließ ihm die nordkoreanische Nationale Verteidigungskommission mitteilen, er verhalte sich wie "ein Affe im Urwald" und versprach den Amerikanern "unentrinnbare tödliche Schläge". Als Sony erklärte, den Film nicht veröffentlichen zu wollen, sprach Senator John McCain von einem "beunruhigenden Präzedenzfall", der die Täter ermutigen würde, die Cyberwaffe noch aggressiver einzusetzen, und der republikanische Rechtsaußen Newt Gingrich sagte: "Diese Woche haben die USA ihren ersten Cyber-Krieg verloren." Am 19. Dezember erklärte Barack Obama, "kein Diktator an irgendeinem Ort" dürfe eine Zensur in den Vereinigten Staaten durchsetzen können. Am nächsten Tag wurde Nordkorea offiziell des Cyberangriffs beschuldigt, stritt ihn aber ab.

Das alles ist also gerade mal vier Jahre her. Am zweiten Adventsonntag lief auf RTL II im Hauptabendprogramm, also ab 20.15 Uhr, die deutsche Synchronfassung von "The Interview", und kein Hahn, weder ein nordkoreanischer noch sonst einer, krähte danach. Sic transit gloria mundi.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)