1. April 2008 - 4:28 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Mit dem Lidschlag seines linken Auges diktierte der nach einem Schlaganfall vollkommen gelähmte Chefredakteur der Modezeitschrift "Elle" einer Logopädin seine Gedanken und Erinnerungen. – Julian Schnabel hat dieses Buch, das als unverfilmbar galt, verfilmt und erzählt radikal aus der Perspektive des in seinem Körper Eingesperrten.

Unscharf sind die ersten Bilder, alles andere als sauber kadriert und weichen für Augenblicke auch immer wieder purem Schwarz. – Erst als ein Doktor direkt ins Kameraauge spricht und die Situation erläutert, wird klar, was vor sich geht: Nach einem Schlaganfall lag der Angesprochene zwei Wochen im Koma. Jetzt erwacht er, bleibt aber im so genannten "Locked-in-Syndrome": Alles kann er zwar sehen und hören, ist aber vollkommen gelähmt und kann weder essen noch sprechen. Zugenäht werden muss gleich auch das rechte Auge, da es verletzt ist und Infektionsgefahr besteht. Einziges Fenster zur Welt ist das linke Auge, in dem förmlich auch Janusz Kaminskis Kamera sitzt. – Ebenso einfach wie genial ist diese Erzählweise, versetzt sie doch den Zuschauer direkt in die Position des Kranken und lässt ihn klaustrophobisch dessen Einengung erfahren.

Keine Spielereien sind hier die unscharfen Einstellungen und abgeschnittenen Köpfe, sondern einfach die Wiedergabe der Wahrnehmung Jean-Dominique Baubys (Mathieu Amalric). Eine Physiotherapeutin und eine Logopädin sollen mit ihm arbeiten und mit Hilfe von letzterer lernt er sich mit dem Lidschlag des linken Auges – die einzige Bewegung, die ihm möglich ist – zu verständigen: Ein Blinzeln bedeutet "Ja", zwei Blinzeln "Nein" und bald spricht die Logopädin auch langsam das Alphabet vor, wobei die Buchstaben nach Häufigkeit ihres Vorkommens angeordnet sind. Kommt sie zum entsprechenden Buchstaben, blinzelt Bauby einmal und langsam fügen sich so die Buchstaben zu Worten und die Worte zu Sätzen. – Schnabel verkürzt kaum, sondern macht diesen mühseligen und von beiden Seiten unendliche Geduld erfordernden Kommunikationsprozess erfahrbar.

"Ich möchte sterben" ist einer der ersten Sätze, die Bauby formuliert, doch "Schmetterling und Taucherglocke" ist kein Film über Sterbehilfe wie Alejandro Amenabars "Das Meer in mir", sondern zeigt vielmehr, wie das Leben in dieser totalen körperlichen Einengung weiter gehen kann. Denn mag sich Bauby in seinem Körper auch wie in einem dieser altertümlichen Taucheranzüge mit Glasglocke fühlen, so ermöglichen ihm doch die Phantasie und die Erinnerungen aus diesem Gefängnis zu entkommen und wie ein Schmetterling Freiheit und Schönheit des Lebens zu genießen.

Und immer wieder geht es in diesem Film ums Gefängnis, um die Einengung des Lebens, sei es im mehrfachen Hinweis auf Alexandre Dumas´ Roman "Der Graf von Monte Christo" oder im Besuch eines Mannes, der vier Jahre in Beirut in Geiselhaft verbrachte. Der Geist aber ermöglicht Bauby den Ausbruch – und so befreit sich auch der Film langsam aus der eingeengten konkreten Wahrnehmung des Kranken und lässt sowohl Metaphern und Phantasien wie der in seinem Anzug eingesperrte Taucher in der Tiefsee oder die Wunderwelt der Schmetterlinge aufsteigen als auch konkrete Erinnerungsbilder: vom Job als Chefredakteur der "Elle", den Bauby von 1991 bis zum Schlaganfall im Dezember 1995 ausübte, vom Skifahren oder einer Südseeinsel, von einem Trip mit einer Geliebten nach Lourdes, vom guten Essen und Trinken oder einem Besuch bei seinem Vater. – In vollen Zügen hat dieser gut 40-Jährige das Leben genossen.

Schnabel bleibt dabei konsequent in der Perspektive Baubys, springt zwischen Erinnerungen und Gegenwart hin und her und feiert in dieser Kontrastierung zwar die sinnlichen Genüsse eines aktiven Lebens, erzählt aber auch von der Überwindung der Depression und vom Gewinnen neuen Lebensmutes trotz totaler körperlicher Einschränkung.

Nicht chronologisch wird hier eine Lebensgeschichte nachgezeichnet, sondern aus einzelnen Schnipseln fügt sich das Bild eines Menschen. So bewegend, aber auch voll trockenem Humor in der Art wie Bauby das Geschehen um ihn herum kommentiert Schnabel dabei von einem konkreten Schicksal erzählt, so sehr weitet sich "Schmetterling und Taucherglocke" zu einem universellen Film über Leben und Tod, aber auch über Väter und Söhne: In einer der bewegendsten Szenen rasiert Bauby seinen Vater, der später seinem gelähmten Sohn telefonisch erklären wird, dass er sich in der Wohnung eingesperrt fühlt und nicht vom vierten Stock hinunter kommt, und wenig später wird Baubys Sohn am Strand seinem Vater den Speichel, der ihm aus dem Mund läuft abwischen. – Persönliche Erfahrungen Schnabels sind sichtlich in diese Szenen eingeflossen, denn gewidmet hat er den Film seinem Vater, der während der Dreharbeiten im Alter von 92 Jahren starb.

Läuft derzeit im Parktheater Lindau (Deutsche Fassung)

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

Taskino
Mühletorplatz 1
A - 6800 Feldkirch

T: 0043 (0)5522 72 895
F: 0043 (0)5522 75 578
E: office@saumarkt.at
W: http://www.taskino.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



3728-3728schmetterlingundtaucherglockefoto.jpg
Taskino
Mühletorplatz 1
A - 6800 Feldkirch

T: 0043 (0)5522 72 895
F: 0043 (0)5522 75 578
E: office@saumarkt.at
W: http://www.taskino.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse