11. Juli 2020 - 4:13 / Ausstellung / Sammlung 
1. Juli 2020 28. Februar 2021

"Der Welt (m)eine Ordnung geben" beschreibt die Sammeltätigkeit des Wiener Anwalts Ernst Ploil. Seiner umfassenden Kollektion widmet die 2019 eröffnete Landesgalerie Niederösterreich in Krems nun eine Ausstellung.

Ein programmatischer Schwerpunkt der neuen Landesgalerie Niederösterreich ist das Sammeln. Nach der Präsentation der Sammlung des Wachauer Selfmademans Franz Hauer rückt die Ausstellung "Schiele – Rainer – Kokoschka" die Kollektion des Wiener Anwalts und Kunstsammlers Ernst Ploil ins Rampenlicht. "Jedes Museum hat seine Gründungsgeschichte. Jene der Landesgalerie Niederösterreich ist untrennbar mit Ernst Ploil und seiner Sammlung verknüpft. Das betrifft durchaus mehrere Dimensionen und hat vieles zur Folge, das die Landesgalerie heute unverwechselbar macht. Durch beinahe alle Ausstellungsflächen ergänzen Werke der Sammlung Ploil die Themenpräsentationen des Hauses", hält Christian Bauer, künstlerischer Direktor der Landesgalerie Niederösterreich, fest. Als dauferhaftes Symbol für das Miteinander zwischen dem Architektenduo Bernhard und Stefan Marte und dem Sammler findet sich der Pavillon des US-Künstlers Dan Graham auf der Terrasse des Hauses.

Seit einem halben Jahrhundert beschäftigt sich Ploil als Sammler und Leihgeber, als Autor und Gutachter intensiv mit bildender wie mit angewandter Kunst. Zentraler Gedanke seiner Sammeltätigkeit ist die Idee des Gesamtkunstwerks, ausgehend von der Wiener Moderne der Zeit um 1900. Genau jene Zeit, in der die Stadt ein intellektuelles und kreatives Kraftzentrum Europas war und eine Einheit mit Niederösterreich bildete. Ploil entwickelt seine Sammlung auf methodische Weise und hält stets die Gleichwertigkeit der einzelnen Kunstgattungen im Blickfeld. Daraus entstand eine spartenübergreifende Sammlung österreichischer wie internationaler Kunst. Bedeutende Leihgaben an die Albertina, die Österreichische Galerie Belvedere oder das Leopold Museum sind eine Folge davon. Die Sammlung Ploil umfasst Möbel, Kunstgewerbe, Skulpturen, Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde vom ausgehenden 19. bis zum Beginn unseres Jahrhunderts.

Lötz-Vasen, Möbel aus dem Klimt-Atelier, der Symbolismus in Egon Schieles Werken oder minimalistische Gemälde Gerhard Richters, Josef Albers‘ und Ad Reinhardts: Ploil bemüht sich, den tieferen Sinn seiner Kunstwerke und deren Wirkung auf ihn selbst zu ergründen. Zudem verfasst er selbst Beiträge in internationalen Kunstbüchern und Katalogen.

Für die Auswahl der rund 180 Werke umfassenden Kremser Ausstellung und deren Gestaltung ist der Kunsthistoriker und Kunsthändler Herbert Giese verantwortlich. Ihn verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft mit Ploil. Als Generalist bietet Giese eine ebenso spannende wie erkenntnisreiche Sicht auf die Sammlung. "Die Schau ist ein kunsthistorischer Parcours durch die Kollektion. Dabei ging es mir darum, Brüche, Gegensätze und unerwartete Verbindungen sichtbar zu machen", so Giese. Diese Leitidee wird gleich im Eingangsbereich im Erdgeschoss verdeutlicht, wo die Werkgruppe Endlich zwei gute Skulpturen von Franz West und Kolo Mosers Blick aus dem Garten auf den Wolfgangsee – wider Erwarten – einander gegenübergestellt werden.

Ein erkennbarer methodischer Weg Ploils ist das Aufspüren von Gemeinsamkeiten. In Herkunft und Alter unterschiedliche Werkgruppen beschäftigen sich mit der Untersuchung von Farbe und Form; suchen und untersuchen mögliche Ordnungsprinzipien im Kunstgewerbe (beispielsweise bei Kolo Moser) wie im Möbel (Josef Hoffmann), in der Skulptur (Dan Flavin) wie in der Malerei (Josef Albers).

Ein anderer methodischer Weg des Sammlers Ploil ist die Beschäftigung mit dem "grundsätzlich Gegensätzlichen", den verschiedenen "Kunstwollen". Mit dem expressiven, scheinbar Unkontrollierten (zum Beispiel bei Arnulf Rainers "face farces") einerseits und dem nur vermeintlich kühl Gestalteten (etwa bei Gerhard Richter).

Einen dritten Untersuchungsansatz in der Sammlung Ploil bietet die symbolistische Erzählung (bei Anton Romako oder Egon Schiele, aber auch bei Rudolf Wacker und Franz Sedlacek), deren – oft versteckte – Inhalte zu spannenden Recherchen und unterschiedlichen Interpretationen führen. So "lesen" Sammler, Museumsdirektor und Kurator etwa die in der Ausstellung vertretene Prozession Egon Schieles auf drei völlig unterschiedliche Weisen, die – jede für sich – ihre Richtigkeit hat.

KünstlerInnen: Josef Albers, Ferdinand Andri, Richard Artschwager, Joannis Avramidis, Leopold Bauer, Adolf Beckert, Wilhelm Bernatzik, Albert Birkle, Hans Bischoffshausen, Herbert Boeckl, Hans Bolek, Hertha Bucher, Chuck Close, Marcel Duchamp, Albin Egger-Lienz, Gisela Falke, Dan Flavin, Gerhart Frankl, Liam Gillick, Roland Goeschl, Ferdinand Ludwig Graf, Albert Paris Gütersloh, Franz Hagenauer, Felix Albrecht Harta, Xenia Hausner, Josef Hoffmann, Franz Hofstötter, Robert Holubetz, Donald Judd, Moritz Jung, Ludwig Heinrich Jungnickel, Wassily Kandinsky, Kiki Kogelnik, Oskar Kokoschka, Anton Kolig, Maria Lassnig, Berthold Löffler, Adolf Loos, Morris Louis, Agnes Martin, Karl Massanetz, Georg Merkel, Carl Moll, Sarah Morris, Kolo Moser, Arnold Nechansky, Barnett Newman, Kurt Ohnsorg, Max Oppenheimer, Dagobert Peche, Michael Powolny, Markus Prachensky, Karl Prantl, Arnulf Rainer, Ad Reinhardt, Gerhard Richter, Kitty Rix, Anton Romako, Egon Schiele, Carl Schuch, Franz Sedlacek, Jutta Sika, Hans Staudacher, Wilhelm Thöny, Franz von Zülow, Rudolf Wacker, Franz West, Fritz Wotruba

Schiele – Rainer – Kokoschka
Der Welt (m)eine Ordnung geben
1. Juli 2020 bis 28. Februar 2021
Kurator: Herbert Giese

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

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  •  1. Juli 2020 28. Februar 2021 /
Maria Lassnig, o.T. 1951, Kohle auf Papier, 43 × 61 cm, Sammlung Ploil, Foto: Christoph Fuchs © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien 2020
Maria Lassnig, o.T. 1951, Kohle auf Papier, 43 × 61 cm, Sammlung Ploil, Foto: Christoph Fuchs © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien 2020
Oskar Kokoschka, Entwurf zu einer Wiener Werkstätten-Postkarte, 1908, Sammlung Ploil © Fondation Oskar Kokoschka/ Bildrecht, Wien, 2020, Foto: Christoph Fuchs
Oskar Kokoschka, Entwurf zu einer Wiener Werkstätten-Postkarte, 1908, Sammlung Ploil © Fondation Oskar Kokoschka/ Bildrecht, Wien, 2020, Foto: Christoph Fuchs
Sammler Ernst Ploil © Raffael F. Lehner
Sammler Ernst Ploil © Raffael F. Lehner
Adolf Loos, Kaminuhr, um 1902, Sammlung Ernst Ploil, Wien © Christoph Fuchs
Adolf Loos, Kaminuhr, um 1902, Sammlung Ernst Ploil, Wien © Christoph Fuchs
Egon Schiele, Selbstporträt mit Pfauenweste, 1911 © Ernst Ploil, Wien
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Arnulf Rainer, Farbstreifen aus der Serie Face Farces, 1972, Ernst Ploil, Wien © Arnulf Rainer, Foto: Christoph Fuchs, Wien
Arnulf Rainer, Farbstreifen aus der Serie Face Farces, 1972, Ernst Ploil, Wien © Arnulf Rainer, Foto: Christoph Fuchs, Wien