29. April 2009 - 3:20 / Ausstellung / Archiv 
21. März 2009 3. Mai 2009

Nils Nova entgrenzt mit seiner Kunst den Raum der Erinnerungen von dem der Erfahrung. In "Schatten voran" zeigt der Luzerner Künstler seine bislang größte, zweischenklige Installation. Gesammelte, bearbeitete und eigene, performative Fotografie, Malerei und Tapete werden als ästhetisch widerständiges und inhaltlich verflochtenes Erinnerungs- und Projektionsmaterial gegeneinander geführt. Das Mögliche erscheint wahr, und die Wahrheit ist eine, aber sie hat viele Gesichter, wie Hanna Arendt Franz Kafka zitiert.

In der Ausstellung "Schatten voran" geht es nicht allein, wie in "The eye of the Beholder" (2008) und in "Similar Encounter" (2008) zur Perfektion gebracht, um Spiegelungs- und Brechungsverfahren oder den spielerische Angriff auf den Raum als Materie. Auch wenn Nils Nova schon im Eingangsbereich die Hälfte der Halle so verschoben wiedergibt, dass eine panoramaähnliche Fiktion entsteht, bei der nicht mehr klar ist, welcher Teil Referenzraum und welcher das Original ist, geht es in dieser Soloausstellung nicht allein darum, uns vom erinnerten Raum zu entwöhnen, um ihn neu in Bewegung zu versetzen.

Vielmehr findet Nova auf der formalen Ebene mittels der Figur der "Skulptur" (weniger im historischen als im phänomenologischen Sinn) ein Medium, welches einerseits die bekannten Strategien der Täuschung im Raum zulässt – was wir auf der Skulptur sehen, finden wir anders und anderswo im Ausstellungsraum wieder – und das andererseits dieses künstlerische Anliegen in einer Art überhöhtem Selbst-Kommentar jäh beendet. Haben wir das Werk einmal ganz umwandert, negiert die Rückseite – diese Zuschreibung ist gewagt oder gar falsch – der Skulptur als schwarze Fläche jedwede Bezüglichkeit zur Aussenwelt oder Innenwelt des Raumes. Sie führt uns vielmehr in eine rezeptive Eigenbezüglichkeit.

Nova treibt hier die Methode der "Ent-Fixierung alles Angenommenen" eine Idee weiter, quasi ins andere Extrem, auf die andere Seite der Geschichte - im wortwörtlichen Sinn. Es gelingt dem Künstler, die Installation sowohl als reaktive als auch als autistisch negative Figur zu thematisieren. Die hier gezeigte monochrome Malerei kommuniziert Leere, das Ende jeder Wiederholung, das Ende der Dialektik. Die Bewegung und die Zeit halten ein und fallen uns in den Rücken. Hier gibt es keine Augen, die unser Urteil suchen und wir stehen nicht an am Bildhaften einer nicht "haltbaren" Realität. Wir sind allein, vielleicht auch frei.

Irgendwie klingt da auch Roland Barthes""das Neutrale" an, als "dritten Begriff", der die binäre Opposition - das klassische Ordnungsprinzip des Strukturalismus - unterläuft. Das Neutrale entzieht sich der Spannung und dem Konflikt und läßt sich in zahlreichen Phänomenen wiederfinden: in der Müdigkeit, der Stille, in sozialen Bildern wie dem Apolitischen, in Haltungen wie dem Skeptizismus sowie schließlich im Sexuellen, in der Figur des Androgynen; das Neutrale ist aktiv und kraftvoll und dem ethischen Diskurs verpflichtet. Die Ausstellung spielt auch im Titel mit dem "mittleren Bereich": Schatten voran ist erscheint als Konglomerat der beiden Phraseologien "Schatten der Vergangenheit" und "Mit dem Kopf" voran und folgt damit der Logik des Wedernoch.

Nils Nova kreiert im Ausstellungsraum einen sehr persönlichen Moment zwischen Regelhaftigkeit und Auslassung, sich im Kreis drehender Zu- und Absage, der auch politisch interpretiert werden muss. Die Möglichkeit oder der Traum der Auflösung einer (historisch oder gesellschaftlich) fixierten Identität ist ein Schwerpunktthema in der post-kolonialistischen Theorie, wie auch der Avant-Garde, und auch in der postmodernen, linken Demokratiebewegung ist diese Idee als Gegenwehr gegen die Warenlogik des Kapitalismus von Bedeutung. Hanna Arendt hat nach einer "nicht-subjektiven Fundierung von Politik" gesucht, einem anti-totalitären Ort als Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Ein Ort, an dem Geschichte persönliche und politische, nicht festgeschrieben ist, und somit weniger Gefahr laufen soll, als Instrument des Terrors irgendeiner Art missbraucht zu werden.


Nils Nova - Schatten voran
21. März bis 3. Mai 2009

Kunsthalle Luzern
Löwenplatz 11
CH - 6004 Luzern

T: 0041 412 08 09
F: 0041 412 08 07
E: info@kunsthalleluzern.ch
W: http://www.kunsthalleluzern.ch/

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