27. Dezember 2008 - 3:19 / Ausstellung / Archiv 
26. September 2008 6. Januar 2009

Das Leopold Museum zeigt ab Herbst 2008 die erste umfassende Ausstellung des deutschen Hauptvertreters der Neuen Sachlichkeit in Österreich. Ca. 130 Werke von Christian Schad (1894-1982), davon etwa 50 Gemälde und ca. 45 Vergleichsbeispiele seiner Zeitgenossen, u.a. von Jean Cocteau, Otto Dix, Laszlo Moholy-Nagy, George Grosz, Jeanne Mammen u.v.a., zeigen die Bedeutung des Oeuvres von Christian Schad im internationalen Kontext.

Obwohl Christian Schads entscheidender Beitrag zur Neuen Sachlichkeit mit weltbekannten Hauptwerken einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet, wird sein von Kubismus und Dadaismus beeinflusstes Frühwerk in der Schau ebenso eine Rolle spielen wie sein von abstrahierenden Tendenzen geprägtes Werk der Fünfziger Jahre. Sein vielfältiges grafisches OEuvre zeigt einen bis ins hohe Alter experimentierfreudigen Künstler, der in den unterschiedlichsten Techniken brillierte und mit seinen bekannten "Schadographien" oder seinen seltenen Resopal-Bildern immer wieder Neuland betrat.

Spannend ist auch der Vergleich der Werke Schads mit jüngeren Vertretern dieser Kunstauffassung, der zu einer Neubewertung seiner oft verkannten Spätwerkes, in dem er in den Siebziger Jahren noch einmal zum Realismus zurückkehrt, anregt: Neben die von Schad meisterhaft beherrschte realistische Malerei treten vor allem in Werken der Sechziger und Siebziger Jahre verfremdende, symbolistische Elemente. Parallel zu internationalen Kunstströmungen dieser Zeit wie der Pop Art oder dem "Phantastischen Realismus" entstehen so Spätwerke, die den über Siebzigjährigen auf der Höhe der Zeit. Seine Gemälde der 20er/30er Jahre dienen bis heute Künstlern als Vorbild.

Beeinflusst durch expressionistische Bilder Oskar Kokoschkas, Wassilij Kandinskys und Robert Delaunays, die er während seiner Studienzeit vor 1914 in München gesehen hatte, schuf Christian Schad während einer Reise nach Volendam 1914 seine ersten expressionistischen Gemälde. Sein bevorzugtes Thema war schon damals der Mensch. Nach Kriegsausbruch 1914 musste er nach Deutschland zurückkehren. Im August 1915 emigrierte er zunächst nach Zürich, wo er aus der Freundschaft zu dem österreichischen Juristen und Schriftsteller Walter Serner wichtige Impulse bezog. Mit ihm zusammen gab Schad am Oktober 1915 die Zeitschrift "Sirius" heraus, die Schad illustrierte.

Durch Serner kam Schad in Kontakt zu den Zürcher Dadaisten im Umkreis des Cabaret Voltaire, darunter Hugo Ball und Hans Arp. Schads Gemälde aus der Zürcher Zeit haben Grisaille-Charakter und zeigen Einflüsse des Kubo-Futurismus. Häufig finden sich Caféhaus- und Cabaretszenen; das Porträt der Diseuse Marietta ist ein Markstein in seiner künstlerischen Entwicklung, da er nicht nur Farben, sondern auch Schrift mit einbezieht.

1917 übersiedelt Schad nach Genf, wo seine ersten dadaistischen Arbeiten entstehen. Er erfindet die Schadographien - Photogramme, die mit objets trouvés und Schrift gestaltet sind. Kinder als Modelle schätzte Schad besonders wegen der großen Augen, die als Stilmerkmal auch in seinen späteren neusachlichen Bildern zum Markenzeichen wurden. 1918 schuf er mehrere Porträts von psychisch Kranken in der Genfer Bel-Air-Klinik, wovon der "Sonntägliche Clown" das prägnanteste ist. Empfindung und Stimmung sind dabei wesentlicher Inhalt, die ausdrucksstarken Hände und die Gestaltung des Hintergrundes gehen auf Kokoschka zurück.

In den Jahren 1919 und 1920 entstanden eine Reihe von Schadographien und dadaistischen Holzreliefs, von denen nur noch wenige erhalten sind. Neben Hugo Ball und Hans Arp beeinflusste ihn auch Alexander Archipenko. Schad beteiligte sich an mehreren Dada-Ausstellungen in Genf.

Im März 1920 war Schad wegen Geldmangels gezwungen, nach München zurückzukehren. Die Schrecken des Krieges hatte er nicht miterlebt, dadaistische Bilder erschienen ihm "absurd" und expressionistische Kunst überholt. Er reiste im Sommer 1920 nach Rom und dann weiter nach Neapel, wo er mit Unterbrechungen bis 1925 lebte. 1923 heiratete er in Orvieto eine Italienierin. Vor allem der italienische Realismus, vertreten durch Künstler wie Ubaldo Oppi und Felice Casorati und die Gruppe Novecento italiano, beeinflusste ihn stark. Sein Realismus war stärker an ihnen orientiert als an der sozialkritischen Ausprägung der Neuen Sachlichkeit in Deutschland. Die ersten realistischen Bilder entstanden in Neapel, neben Porträts vor allem Caféhaus- und Theaterszenen, das er für seine Lebendigkeit besonders schätze. Im Winter 1921/22 bereiste Schad Deutschland, wo er einige Porträtaufträge bekam und auch in Kontakt mit deutschen Malern der Neuen Sachlichkeit kam. Zurück in Italien besuchte er 1924/25 Museen in Rom, wo er sich mit der italienischen Renaissancemalerei auseinander setzte und daher wichtige Impulse bezog, was Farbauftrag, den "magischen Blick der Augen", die Klarheit der Formen, die Transparenz der Farben und die erotische Ausstrahlung anging. Raffaels "Fornarina", Werke von Botticelli und Mantegna wären zu nennen. Einen großen Bekanntheitsgrad brachte ihm international sein Porträt von Papst Pius XI. 1925 ein.

1925 übersiedelte Schad nach Wien, wo er bis 1928 blieb. Dort hatte er über seine Eltern Zugang zur Aristokratie, wichtige Porträts entstanden. Viele Porträts malte er dabei vor einer fiktive Pariser Kulisse, darunter sein wohl bekanntestes Werk: das "Selbstporträt im durchsichtigen grünen Hemd mit Modell". Gefördert wurde er durch die Wiener Galeristin Lea Bondi, die Schad in ihrer "Galerie Würthle" ausstellte. Nach der Trennung von seiner Frau ging Schad 1927 nach Berlin, wo er bis 1942 blieb.

In Berlin entstanden die meisten seiner bedeutenden neusachlichen Porträts, wobei seine Freundin Maika sein bevorzugtes Modell war. Neben Porträts von Größen der Gesellschaft (wie z.B. Egon Erwin Kisch) stellte er wiederholt auch schöne Frauen aus einfachen Verhältnissen und Figuren aus dem Artistenmilieu dar. Die kühle Ausstrahlung, gepaart mit psychologischer Durchdringung und einer makellosen Oberfläche, wurde zu seinem Markenzeichen, seine Frauenbilder zum Schönheitsideal einer Epoche. Die Lasurtechnik, die er benutze, hatte er von den Alten Meistern abgeschaut.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden einige seiner Werke heftig kritisiert, gleichzeitig war Schad aber auch mit weich gezeichneten weiblichen Idealporträts auf Titelseiten von Zeitschriften und sogar auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" vertreten. Das "Ende der Neuen Sachlichkeit" wird sichtbar, seine Werke nehmen wieder mehr expressive Tendenzen auf, Landschaftsbilder entstehen.

1942 übersiedelte er nach Aschaffenburg, wo er mehrere Aufträge bekommen hatte. Dort blieb er entgültig nach der Zerbombung seines Berliner Ateliers. Seine Porträts nähern sich stärker denn je dem Renaissancevorbild an, mit bedingt durch seine Tätigkeit als Kopist des Altarbildes von Matthias Grünewald für die Aschaffenburger Stiftskirche. Bis etwa 1951 lebt er unter sehr eingeschränkten Verhältnissen.

Schads Werk der Nachkriegszeit ist wenig bekannt und wurde von etlichen Kritikern als qualitativer Rückschritt bewertet. Das hat u.a. damit zu tun, dass in dieser Zeit in Deutschland das Informel als einzig moderne Kunst galt, Schad jedoch mit wenigen Ausnahmen stets gegenständlich blieb. Ein Ziel der Ausstellung wird sein, dieses Urteil zu revidieren. Seine Freundschaft mit Francis Picabia, seine Verehrung für Jean Cocteau (von dem er sogar ein Theaterstück bearbeitete und dessen Linienführung ihm deutliches Vorbild war) und Schads Tätigkeit als Kurator einer Ernst Ludwig Kirchner Ausstellung hinterließen Spuren in seinen Werken. Diese werden ab Ende der 40er Jahre linearer, vor allem in den sog. Resopal-Bildern der 50er Jahre treten bereits Elemente der Pop-Art hervor. In seinen Bildern und Zeichnungen wendet er gestalterische Prinzipien wie etwa die Mehransichtigkeit an, die aus einer Beschäftigung mit dem Werk Picassos hervorgehen.

Ab 1954 schafft Schad wieder Holzschnitte und Lithographien, teilweise beeinflusst durch seine Beschäftigung mit dem Werk Ernst Ludwig Kirchners. Die Holzschnitte kombiniert er häufig mit farbigen Linoldrucken, die flächenhaft unterlegt sind. In Erinnerung an sein dadaistisches Frühwerk, das durch Ausstellung vor allem in Amerika recht bekannt war, empfindet er in Holzschnitttechnik seine Reliefs der Schweizer Zeit nach. Eine bislang unpublizierte Serie von Collagen entsteht Ende der 60er Jahre, parallel zur Kunst der Pop Art. Seine stark vereinfachten Holzschnitte der 70er Jahre finden ebenfalls ihre Entsprechung in der amerikanischen Pop Art und Gebrauchsgrafik.

Daneben bleibt Schad vor allem in den wenigen Gemälden, die damals entstehen (etwa ein bis zwei pro Jahr) der realistischen Malweise treu, die jedoch zunehmend durch Collage-artige Malweise, die Kombination von Motiven und symbolistische Inhalte geprägt wird. Ausstellungen in Ost-Berlin in den 50er Jahren steigern dort seinen Bekanntheitsgrad und gelten einigen DDR-Künstlern als Vorbilder. Schad lehnt jedoch eine Berufung an die Ost-Berliner Kunstakademie ab. In Aschaffenburg beschäftigt er sich unter anderem mit James Joyce’ "Ulysses" und ostasiatischer Philosophie, aber auch Zeitgeschichte (etwa die Währungsreform) fließt in seine Bilder ein. Mit den 60er Jahren kehrt er zum "Magischen Realismus" zurück, indem er auch thematisch an die Berliner Zeit anknüpft. Es entstehen Bilder wie "Engel im Separée" oder "Pavonia", die symbolhaft die Sexualität im Boheme-Milieu zum Thema haben.

Sein symbolbefrachtetes Selbstporträt "Umgebung", die Allegorie "Das Geld" (1970) oder "Werdandi" (1978/80) - aber auch seine späten Porträts wie etwa "Michael" oder die letzten Bettina-Porträts - übertreffen an Klarheit der Darstellung noch die Werke der 20er Jahre und dienen bis heute Künstlern wie etwa Michael Triegel als Vorbild.

Ein eigenes Kapitel ist den sog. Schadographien gewidmet. Diese hatte Schad durch die Verwendung von objets trouvés und der Einbeziehung von Schrift als künstlerisches Medium in seiner Genfer Zeit als eigenen Beitrag in die Kunstbewegung des Dadaismus eingebracht. Bereits seit den 30er Jahren war er dafür vor allem in Übersee in zahlreichen Ausstellungen – meist ohne dass er davon erfuhr – gefeiert worden. Zahlreiche Künstler von Rang, darunter Man Ray oder Chargesheimer, ahmten diese Technik nach.

In der Nachkriegszeit wendet sich Schad erneut der Schadographie zu, neue Serien entstehen. Da nur wenige frühe Schadographien erhalten bzw. leihfähig sind, werden in diesem Abschnitt der Ausstellung Schads frühe und späte Schadographien Werken anderer Künstler gegenübergestellt, um dieses ungewöhnliche künstlerische Medium gesondert zu beleuchten.


Christian Schad - Retrospektive
26. September 08 bis 6. Jänner 09

Leopold Museum
Museumsplatz 1, MQ
A - 1070 Wien

T: 0043 1 525 70-1523
F: 0043 1 525 70-1500
E: office@leopoldmuseum.org
W: http://www.leopoldmuseum.org/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  26. September 2008 6. Januar 2009 /
5065-5065maika.jpg
Maika, 1929. Öl auf Leinwand, 65 x 53 cm. Privatsammlung, © Christian-Schad-Stiftung, Aschaffenburg
5065-5065marietta.jpg
Marietta, 1916. Öl auf Leinwand, 61 x 41,5 cm. © Christian-Schad- Stiftung, Aschaffenburg
5065-5065mexikanerin.jpg
Mexikanerin, 1930. Öl auf Leinwand, 81 x 66 cm. Museen der Stadt Aschaffenburg; © Christian-Schad-Stiftung, Aschaffenburg