12. April 2009 - 3:53 / Ausstellung / Archiv 
4. Februar 2009 19. April 2009

Die Ausstellung "Scapa Memories" im Museum Tinguely ermöglicht einen Einblick in die exzentrische Sammlung von Ted Scapa. Der bekannte Schweizer Cartoonist, der 1931 in Holland geboren wurde, zeichnete für die internationale Presse, bevor er über dreissig Jahre lang den Benteli Verlag in Bern leitete. Durch die Kindersendung "Das Spielhaus" im Schweizer Fernsehen DRS wurde Scapa in den 1960er und 1970er Jahren zur bekannten öffentlichen Persönlichkeit. Heute lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler und veranstaltet Creativity Workshops.

Die Ausstellung ist Scapas Verhältnis zur Kunst gewidmet. Er führt durch seine Sammlung, die einen sehr persönlichen Dialog zwischen Tradition und Moderne darstellt. Für ihn ist das Leben mit Kunst ein vitales Bedürfnis. Was er im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat, folgt keiner bewussten Strategie, sondern eher der Intuition. Dieses kulturelle Biotop, in dem Ted Scapa und seine Frau Meret seit einem halben Jahrhundert leben und arbeiten, spiegelt die Sicht- und Erlebnisweise wie Scapa die Welt und die Kunst wahrnimmt.

Scapas Lieblingswort "Kreativität" ist gleichzeitig seine Message, die auch als Auswahlkriterium für die Zusammensetzung seiner Sammlung Gültigkeit hat. Eine weitere wichtige Antriebskraft seiner überbordenden Sammelleidenschaft sind Memories, seine Erinnerungen an zahlreiche Begegnungen mit Künstlern aus aller Welt, seien sie persönlicher Art über längere Zeiträume hinweg oder rein zufällig aus einer spontanen Begeisterung entwachsen. Mit den Jahren entstand daraus ein inspirierendes Sammelsurium, das ganz der ungebändigten Kreativität des Künstlers und Menschen Scapa entspricht, der selbst auch Lampen und Teppiche entworfen hat.

Durch seine immense verlegerische Tätigkeit (circa 1500 Titel) konnte er eine Vielzahl von Künstlern, Galeristen, Sammlern und Museumsleuten kennenlernen, ein Elixier, das ihn immer beflügelte. Er war nicht nur mit Cracks wie Joan Miró oder Aimé Maeght vertraut, sondern pflegte auch enge und herzliche Beziehungen zu einer riesigen Gemeinde, die auch an seiner legendären Gastfreundschaft teilhatten. Über die Katalogproduktionen lernte er die Meister der monumentalen Druckgrafik kennen, wie beispielsweise die deutschen "Neuen Wilden" Georg Baselitz, Markus Lüpertz, A. R. Penck, Jörg Immendorff, die Schweizer Martin Disler, Peter Stämpfli oder Alfred Hofkunst.

In Scapas Sammlung, die wie eine Wunderkammer anmutet, stehen farbenfrohe Briefzeichnungen und eine Maschinenskulptur seines Freundes Jean Tinguely wie selbstverständlich neben Ritualobjekten und Gebrauchsgegenständen unterschiedlichster Kulturen und Epochen. Zu ihnen gesellen sich monumentale Druckgrafiken bekannter Künstler des 20. Jahrhunderts, wie zum Beispiel von Antoni Tàpies oder Frank Stella, ebenso wie chinesische Tonskulpturen oder Holzskulpturen, Masken und Reliefs aus Afrika.

In seinem Schloss-Eldorado am Murtensee bevölkern die Skulpturen, Objekte und Grafiken sein Wohn- und Esszimmer, die Fensternischen und sämtliche Gesimse, die Tische und Schränke, Türstürze und Treppenabsätze, sie quellen von der Küche bis ins WC. Die Grafik an die Wände geschichtet, platziert er die kleinen wie die übergrossen, meist nackten afrikanischen Frauen und Männer, die Masken und Trommeln akkurat vor den Bildern, manchmal farbig und formal abgestimmt, dann wieder krud, wohl aus Platzmangel. Immer wieder kommt eine Neuerwerbung hinzu und das Gesamtkunstwerk verschiebt sich, ohne Einbussen.

Diese "Wunderkammer" dient Ted Scapa auch als Inspirationsquelle und Antriebskraft für seine eigene künstlerische Arbeit. Ihn faszinieren die ausdrucksstarken und oft skurrilen Gesichter der aussereuropäischen Kunstobjekte gleichermassen wie die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die die Vervielfältigungstechnik der Druckgrafik den Künstlern der Moderne bietet. Seiner grandiosen Unbekümmertheit ist es dabei ziemlich egal, ob die afrikanischen Figuren original oder nach alten Vorbildern gefertigt sind. Es zählt nicht der Entstehungszusammenhang, geschweige denn irgendeine wissenschaftsgeprüfte Herkunft. Für ihn ist der Umstand ebenso wichtig, dass sich eine handwerkliche Kunstfertigkeit erhalten hat, die Überleben garantiert, ohne Ausdruckskraft verloren zu haben.

So hat der Künstler Ted seinen ureigenen Zugang zur Kunst und dem Kunstvermittler Ted, der mit seinem "Spielhaus" mit den Kindern einer ganzen Nation ursprüngliche Kreativität wiederbelebt hat, ist eine gelungene Reproduktion soviel wert wie ihre optimale Vermittlung. Als Verleger, als Büchermensch und Druckexeget ist ihm die vervielfältigte Kunst seit je die nächste. In der Ausstellung im Museum Tinguely werden rund 120 Exponate aus Scapas Sammlung gezeigt wie auch ein Film von Roy Oppenheim, der Scapas Leben und sein besonderes Verhältnis zur Kunst dokumentiert.


Zur Ausstellung erscheint die Publikation "Scapa Memories. Eine Sammlung", beim Kehrer Verlag, Heidelberg. Vorwort von G. Magnaguagno und Texte von T. Scapa und R. Oppenheim (ca. 96 Seiten, ca. 70 Abbildungen)

Scapa Memories. Eine Sammlung
4. Februar bis 19. April 2009

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1
CH - 4002 Basel

W: http://www.tinguely.ch/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



Ähnliche Beiträge


Ted Scapa … und so nebenbei 16. Februar 2017 - 1:35

  •  4. Februar 2009 19. April 2009 /
6837-683701.jpg
Esszimmer: Werke von Martin Disler, Keith Haring, Bernar Venet u.a. © 2009, ProLitteris, Zürich und bei den Künstlern; © Foto: Christian Baur, Basel
6837-683702.jpg
Wohnzimmer: Werke von Georg Baselitz, Jean Tinguely u.a. © 2009, ProLitteris, Zürich und bei den Künstlern; © Foto: Christian Baur, Basel
6837-683703.jpg
Wohnzimmer: Werke von Christo und Jeanne-Claude, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz u.a. © 2009, bei den Künstlern; © Foto: Christian Baur, Basel
6837-683704.jpg
Ted Scapa, Vallamand 2008. © Foto: Christian Baur, Basel