Saodat Ismailova – Topografie kollektiver (Alb-)Träume

Die Kunsthalle Bern präsentiert die erste Einzelausstellung der usbekischen Künstlerin und Filmemacherin Saodat Ismailova in der Schweiz. Ihre Filme und Installationen entfalten sich entlang der Bruchlinien zentralasiatischer Landschaften, die von Ritualen und Mythen, sich wandelnden Grenzen sowie oft unsichtbaren imperialen Kräften geprägt sind. Die Ausstellung erstreckt sich über beide Etagen der Kunsthalle und vereint sieben raumgreifende Videoinstallationen. Im Zentrum steht die neue Auftragsarbeit „Amanat” (2026). Der Titel leitet sich vom arabischen „amānah” (Anvertrautes/Vertrauen) ab und beschreibt eine Leihgabe auf Zeit – ein Erbe, das es zu schützen und weiterzugeben gilt.

Nach Stationen im Swiss Institute in New York und bei LUMA Arles bildet die Ausstellung in der Kunsthalle Bern den Abschluss des gemeinsamen Projekts. Ausgangspunkt ist Ismailovas langjährige Auseinandersetzung mit Arslanbob, einem über 60 000 Hektar großen Walnusswald im Süden Kirgisistans. Seit 2022 reiste die Künstlerin wiederholt in die abgelegene Region, deren Bevölkerung seit Generationen mit dem Wald und seiner Ernte lebt. Die dem Ort zugeschriebene Mystik und halluzinogene Wirkung eröffnen der Künstlerin einen Zugang zu den komplexen politischen Geschichtsschreibungen Zentralasiens.

Geprägt von kulturellen Spannungen und dem Zerfall der Sowjetunion erscheint Arslanbob in Ismailovas Werk zugleich als konkrete Landschaft und als psychischer Erfahrungsraum, in dem individuelle Visionen und die Geschichte kollektiver Erfahrungen ineinandergreifen. Die sowjetische Vergangenheit wird zur Topografie kollektiver (Alb-)Träume. Dabei klingt auch der Verlust vorsowjetischer Mythen und Überlieferungen an, ebenso wie die Frage, wie Geschichte fortlebt, wenn ihre Erzählungen nur noch bruchstückhaft zugänglich sind. In Film, Klang, Skulptur und Textil lässt Ismailova unterschiedliche Zeitlichkeiten nebeneinander bestehen, ohne sie in einer einzigen Erzählung aufzulösen, und legt offen, wie sich unterschiedliche Regime der Wahrheit in die kollektive Vorstellungskraft einschreiben. Der Schlaf zieht sich als zentrales Motiv durch die Ausstellung: als verletzliche Schwelle, an der sich die Wirklichkeit in Fantasie und Mythos auflösen kann, sodass andere Formen des Wissens, wie etwa das Unterbewusste, an die Oberfläche treten können. Traditionelle Kurpacha-Matratzen aus Kirgisistan und Usbekistan laden die Besucher:innen ein, Platz zu nehmen und die Ausstellung auf intime, körperliche Weise zu erleben. Anstatt die Arbeiten durch eindeutige Bezüge zu rahmen, schafft Ismailova einen offenen Assoziationsraum.

Bedeutungen bilden sich hier nicht unmittelbar, sondern treten schrittweise hervor – wie Fragmente eines Traums, die erst im Erinnern Kontur gewinnen. Vielleicht liegt auch darin eine Bedeutung von „amānah”: Was uns überliefert wird, gehört niemals ganz uns. Es ist etwas, das uns für eine Zeit anvertraut wird, damit wir es weitertragen und an andere weitergeben.

Saodat Ismailova
Amanat – As We Sleep
11. September – 22. November 2026