Der Nachlass des jugoslawischen Fotografen Jovan Ritopečki wurde nun erstmals wissenschaftlich erschlossen.
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat eine neue Bilddatenbank mit rund 3.500 digitalisierten Aufnahmen veröffentlicht. Diese eröffnet Einblicke in die Arbeits- und Lebenswelten jugoslawischer Migrant:innen in Österreich in den 1970er- und 1980er-Jahren. Im Fokus steht dabei vor allem die bislang wenig beachtete Welt der Frauen.
In den frühen 1970er Jahren begann der jugoslawische Fotograf und Reporter Jovan Ritopečki (1923–1989), das Leben jener Menschen zu dokumentieren, die als sogenannte Gastarbeiter:innen aus Jugoslawien nach Österreich kamen. Über zwei Jahrzehnte hinweg begleitete er sie mit der Kamera – zwischen Wohnküche und Werksgelände, in Vereinslokalen, bei Behörden oder im öffentlichen Raum. Entstanden sind Tausende von Fotos und Reportagen, die heute eine visuelle Chronik dieser Migrationsgeschichte darstellen.
Die Historikerin Vida Bakondy hat nun rund 3.500 Aufnahmen aus Ritopečkis Fotonachlass digitalisiert und erschlossen. Im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekts „Picturing Migrants’ Lives“ am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) analysierte sie nicht nur Ritopečkis Fotografien, sondern auch ihre Entstehungs- und Publikationskontexte. Damit schließt Bakondy eine bedeutende Lücke in der österreichischen Migrations- und Mediengeschichte.
„Ritopečkis Fotos sind von einer Haltung getragen, die die Menschen vor der Kamera als Individuen ernst nimmt”, sagt Bakondy. Seine fotografische Sprache war geprägt von Nähe und Empathie. Ritopečki selbst kam 1966, im Jahr des Anwerbeabkommens zwischen Österreich und Jugoslawien, nach Wien. Als Fotojournalist mit Migrationsbiografie bewegte er sich zwischen österreichischen und jugoslawischen Medien und hielt zugleich als visueller Chronist das Leben seiner Community fest. Neben Auftragsbildern aus der Arbeitswelt thematisierte er auch die Härte der Lebensbedingungen und strukturelle Diskriminierung, der viele Migrant:innen ausgesetzt waren.
Während weibliche Arbeitsmigration in der öffentlichen Wahrnehmung damals kaum eine Rolle spielte, rückte Ritopečki Migrantinnen ins Bild. Seine Aufnahmen zeigen sie bei der Arbeit, in der Freizeit oder zu Hause, lachend, rauchend, tanzend – fern von Stereotypen der Fremdheit oder der Opferrolle. „Das Besondere an Ritopečkis Fotografien jugoslawischer Migrantinnen ist, dass er nicht nur explizit feminisierte Arbeitsbereiche dokumentiert, sondern auch, dass in den veröffentlichten Zeitungsberichten Geschichten von Frauen präsentiert werden, die die Vielfalt ihrer persönlichen Lebenslagen und Migrationserfahrungen widerspiegeln. Einige kamen allein, andere schlossen sich bereits in Österreich lebenden Familienmitgliedern an und wieder andere waren verheiratete Frauen, die sich in Österreich niederließen und dort Familien gründeten“, erklärt Bakondy.
Das Bildrepositorium entstand in enger Zusammenarbeit mit Martina Scholger und Suzana Sagadin vom Institut für digitale Geisteswissenschaften der Universität Graz und wird in das bestehende Visual Archive Southeastern Europe (VASE) eingebunden.