21. Dezember 2019 - 17:49 / Aktuell / Geschichte 

Im Nachlass von Gottlieb Marktanner-Turneretscher, Leiter der vereinigten zoologischen, botanischen und phytopaläontologischen Abteilung des Joanneums von 1898–1920, ist eine Sammlung von Kieselalgen enthalten, die rund 4.500 wissenschaftliche mikroskopische Präparate umfasst.

Bei Arbeiten an der Sammlung wurden erst kürzlich unter diesen Tausenden wissenschaftlichen Präparaten 38 kunstvoll gestaltete Salonpräparate entdeckt. 15 dieser Präparate stammen aus den im ausgehenden 19. Jahrhundert berühmten Werkstätten für mikroskopische Präparate von Eduard Thum (1847–1926), Leipzig, Johann Dietrich Möller (1844–1907), Wedel/Holstein, und Jean Claudius Tempère (1847–1926), Paris. 23 Salonpräparate wurden von Gottlieb Marktanner-Turneretscher selbst hergestellt. Eine Anleitung dafür erhielt er von Eduard Thum, wie eine in der Abteilung verwahrte Postkarte von Thum an Marktanner-Turneretscher beweist.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde es in großbürgerlichen Kreisen modern, regelmäßige Treffen "interessanter Zeitgenossen" – Künstler, Philosophen, Wissenschaftler – zu organisieren. Das Arrangieren dieser "Salons" oblag der Dame des Hauses. Es wurde aber nicht nur diskutiert, es wurden auch exotische Raritäten im weitesten Sinne vorgestellt. Darunter befanden sich sogenannte "Salonpräparate" – kunstvoll arrangierte Legeplatten, die entweder formschöne geometrische Muster oder figurale Darstellungen wie etwa Blumensträuße, Blumenkörbchen oder Vögel zeigten. Diese bestanden aus Kieselalgen, Flügelschuppen von Schmetterlingen und kleinen Hartteilen mariner Tiere. Die Motive knüpften thematisch und ästhetisch an die Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts an.

Arrangiert wurden die Kunstwerke am Deckglas mithilfe eines geschliffenen Pferdehaars, der sogenannten "Legeborste". Als Kleber wurde wahrscheinlich aufgelöste Hausenblase oder auch Schellack verwendet. Der Durchmesser dieser Kunstwerke lag bei 1–2 mm, sie wurden durch spezielle schwach vergrößernde Mikroskope betrachtet, wobei die einzelnen Elemente dann in prachtvollen Interferenzfarben erschienen. Der Preis dieser Präparate war erheblich: Er lag um 1880 zwischen 400 und 800 Mark (zum Vergleich: 1913 lag der Preis eines Einfamilienhauses nebst Grundstück bei 6000 Mark). Heute werden besonders schöne Präparate mit Preisen von bis zu 24.000 € gehandelt.

Salonpräparate in der Sammlung des Naturkundemuseums
Naturkundemuseum, Joanneumsviertel, 8010 Graz

Universalmuseum Joanneum
Mariahilferstraße 2-4
A - 8020 Graz

W: https://www.museum-joanneum.at

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"Deux oiseaux chassant une mouche",  arrangierte Schmetterlingsschuppen, Hersteller Jean Claudius Tempère, Paris (1847-1926)
"Deux oiseaux chassant une mouche", arrangierte Schmetterlingsschuppen, Hersteller Jean Claudius Tempère, Paris (1847-1926)
Salonpräparat "Kaiser-Boukett",  arrangierte Schmetterlingsschuppen und Kieselalgen in Form einer Vase mit Blumen und fliegenden Insekten, Hersteller Eduard Thum, Leipzig (1847-1926)
Salonpräparat "Kaiser-Boukett", arrangierte Schmetterlingsschuppen und Kieselalgen in Form einer Vase mit Blumen und fliegenden Insekten, Hersteller Eduard Thum, Leipzig (1847-1926)
"Kaiser-Boukett",  Ausschnitt
"Kaiser-Boukett", Ausschnitt
"Kaiser-Boukett",  Ausschnitt
"Kaiser-Boukett", Ausschnitt
"Kaiser-Boukett",  Ausschnitt
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"Quadrat",  arrangierte Kieselalgen mit Kalkrädern von Seegurken, Hersteller Gottlieb Marktanner-Turneretscher, Graz (1858-1920)
"Quadrat", arrangierte Kieselalgen mit Kalkrädern von Seegurken, Hersteller Gottlieb Marktanner-Turneretscher, Graz (1858-1920)
"Rosette",  arrangierte Kieselalgen, Hersteller Johann Dietrich Möller, Wedel/Holstein (1844-1907)
"Rosette", arrangierte Kieselalgen, Hersteller Johann Dietrich Möller, Wedel/Holstein (1844-1907)