7. Oktober 2020 - 15:41 / Aktuell / Literatur 

Die österreichisch-US-amerikanische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin und Überlebende des Holocaust Susanne Ruth Klüger ist in der Nacht auf Dienstag kurz vor ihrem 89. Geburtstag nach langer Krankheit im Kreis ihrer Familie in Kalifornien gestorben. Dies hat ihr österreichischer Verlag Zsolnay in Wien bekannt gegeben.

Klüger kam am 30. Oktober 1931 als Tochter eines jüdischen Frauenarztes in Wien zur Welt. Gemeinsam mit ihrer Mutter wurde sie im September 1941 im Alter von zehn Jahren von den Nazis ins KZ Theresienstadt deportiert, dann nach Auschwitz-Birkenau und später nach Christianstadt.

Die Lyrik half ihr eigenen Angaben zufolge schon als Jugendliche, die Gefangenschaft zu überleben. Als damals Zwölfjährige dichtete sie im Vernichtungslager Auschwitz: "Fressen unsere Leichen Raben?/Müssen wir vernichtet sein?/Sag, wo werd ich einst begraben?/Herr, ich will nur Freiheit haben/und der Heimat Sonnenschein." Auf einem Todesmarsch von Lager zu Lager gelang ihr mit ihrer Mutter die Flucht.

Krüger lebte nach dem Ende des Krieges gemeinsam mit ihrer Mutter in Bayern, 1947 wanderten sie in die USA aus. In New York und in Berkeley im US-Bundesstaat Kalifornien studierte sie Bibliothekswissenschaften und Germanistik. Sie wurde Expertin für mittelalterliche Literatur, Hochschullehrerin und Literaturkritikerin. Jahrzehntelang veröffentlichte Klüger nur als Wissenschaftlerin.

Ins literarische Fach wechselte sie erst Ende der 1980er Jahre nach einem Verkehrsunfall im deutschen Göttingen, bei dem sie lebensgefährlich verletzt wurde. Erst danach begann sie, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben. In ihrer 1992 veröffentlichten Biografie "Weiter leben – eine Jugend" schilderte sie ihre Kindheit in Wien, ihre Jugend in Konzentrationslagern und die Nachkriegszeit in Bayern. Diese Autobiografie wurde in zehn Sprachen übersetzt.

Im zweiten, 2008 veröffentlichten Teil "Unterwegs verloren" beschrieb sie ihre Emigration in die USA. Zu den bekanntesten weiteren Werken Klügers zählen "Frauen lesen anders" (1996), "Katastrophen. Über deutsche Literatur" (1997) und "Was Frauen schreiben" (2010). Unter dem Titel "Zerreißproben" (2013) versammelte sie erstmals ihre seit 1944 entstandenen Gedichte.

Zuletzt erschienen von Ruth Klüger die Publikationen "Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten" (Mandelbaum, 2016) und "Gegenwind. Gedichte und Interpretationen" (Zsolnay, 2018). Klüger schrieb auch unter dem Namen Ruth Angress.

Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik (1997), den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (2001), die Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen (2003), den Roswitha-Preis (2006), den Lessing-Preis (2007) und den Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Exil (2011).