Rossinis exaltierte Reise nach Reims bei den Salzburger Pfingstfestspielen

Regisseur Barrie Korsky inszeniert Rossinis rasante Komödie voller Slapstick und Klamauk mit Tempo, Irrwitz und großer Freude als „wunderbaren Nonsens mit fantastischer Musik“. Diese bringt Dirigent Gianluca Capuano mit seinen „Les Musiciens du Prince Monaco“ und den Sängerinnen und Sängern brillant und mitreißend auf die Bühne.

Rossini komponierte den drei Stunden langen Einakter „Il viaggio a Reims“ 1825 für die Feierlichkeiten der Krönung von Karl X. in Paris. Nach vier Aufführungen geriet das Stück aber in Vergessenheit und die erhaltenen Fragmente wurden erst in den 1970er Jahren wiederentdeckt und rekonstruiert, was auch dem musikalischen Leiter viele Freiheiten lässt. „Obwohl zur Feier eines Königs geschrieben, ist ‚Il viaggo a Reims‘ vor allem eine Feier von Rossinis musikalischem und komischem Genius. Und die umwerfende Musik ist auch der Hauptgrund, warum wir dieses Stück auf der Bühne zeigen“, sagt Barrie Korsky und sieht in der Oper eine Art exquisites Konfekt. Doch ist es wohl eher eine Pralinenschachtel, die hier geöffnet wird, und hie und da genossen, kann diese durchaus Vergnügen bereiten.

Der Rahmen (von Handlung sprechen wir besser nicht): Distinguierte Damen und Herren aus allen Ländern Europas sind im Kurhotel „Zur Goldenen Lilie“ in der französischen Provinz gestrandet. Es ist der Tag, an dem sie nach Reims weiterreisen wollen, um die Geburtstagsgala der berühmten Mezzosopranistin La Ceci (nomen est omen) zu besuchen, und der Anfang einer übermütigen Parade an Kuriositäten und kompromittierenden Situationen, Enthusiasmus und Eitelkeit, Liebeleien und Eifersucht – „Ein Gesamtkunstwerk von Wahnsinn auf der Bühne“, wie Korsky meint, denn auch Rossinis Musik sei eine Musik des Deliriums.  

Schrill und farbenprächtig sind die Kostüme, hochgetürmt die Frisuren und einfallsreich die wechselnden Bühnenbilder: zu Beginn die Hotel-Lobby mit dem sich immerfort drehenden Karusselleingang und den Schwingtüren die Personen blitzartig erscheinen und wieder verschwinden lassen. Da fällt Gräfin Folleville (Mélissa Petit) in Ohnmacht, weil die Kutsche mit ihrer Festgarderobe verunfallt ist; Hotelbesitzerin Madame Cortese (Tara Erraught) beruhigt. In der Nachtszene gehen perspektivisch gereihte Zimmertüren schnell getaktet auf und zu und zeigen Personen in unterschiedlichem Zustand der Entkleidung von Zimmer zu Zimmer huschen. Unter fragwürdigem Vorwand versucht sich Chevallier Belfiore (Edgardo Rocha) an die römische Dichterin Corinne heranzumachen, diese gibt die große Cecilia Bartoli persönlich.

Nach der Pause ein stillstehendes Gemälde: Entsetzen, denn ohne Pferde, keine Reise nach Paris! Die Frustration weicht mit dem Vorschlag die Postkutsche zu nehmen und in der Zwischenzeit ein großes Festmahl im Hotel auszurichten. An der üppigen Tafel mit Hirsch und Kunz (Eber) lädt der stattliche Trombonock (Misha Kiria) die Gäste ein, Trinksprüche aus ihrer jeweiligen Heimat darzubringen. Herrlich, die Finalszene wird zu einer Abfolge von musikalischen Scherzen, eine Art Song Contest des 19. Jahrhunderts, meint Korsky. Und dann das Telegramm von La Ceci, die bedauert, dass die Gäste nun doch nicht die Kathedrale von Reims erreichen werden … als Überraschung schickt sie eine riesige Geburtstagstorte …

Gelegenheit sich zu überessen gibt es im Sommer noch einmal bei den Salzburger Festspielen. Ausgelassene Stimmung beim Schlussapplaus, alle sind johlend aufgestanden, und es gab tatsächlich noch eine Zugabe! 

Il Viaggio a Reims | Gioachino Rossini
ossia l’Albergo del Giglio d´Oro
Dramma giocoso in einem Akt (1825)
Libretto von Luigi Balochi, teilweise basierend auf dem Roman Corinne, ou L’Italie von Madame de Staël

Gianluca Capuano, Musikalische Leitung 
Barrie Kosky, Regie 
Rufus Didwiszus, Bühne 
Victoria Behr, Kostüme 
Franck Evin, Licht 
Christian Arseni, Dramaturgie

Cecilia Bartoli, Corinna 
Marina Viotti, Marchesa Melibea 
Mélissa Petit, Contessa di Folleville 
Tara Erraught, Madama Cortese 
Edgardo Rocha, Cavalier Belfiore 
Dmitry Korchak, Conte di Libenskof 
Ildebrando, D’Arcangelo Lord Sidney 
Florian Sempey, Don Profondo 
Misha Kiria, Barone di Trombonok 
Peter Kellner, Don Alvaro 
Giovanni Romeo, Don Prudenzio 
Helena Rasker, Maddalena 
Salvatore Taiello, Don Luigino 
Galia Bakalov, Delia 
Federica Spatola, Modestina 
Rodolphe Briand, Zefirino 
Rafał Pawnuk, Antonio
Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo 
Les Musiciens du Prince – Monaco