Roger Humbert – Konkrete Fotografie in der Schweiz

Über sieben Jahrzehnte hinweg hat sich Roger Humbert, einer der bedeutendsten Vertreter der "Konkreten Fotografie" in der Schweiz, mit seinen Erforschungen des Lichts beschäftigt. Diese reichen von analogen Fotogrammen über klassische Fotografien bis hin zu digitalen Lichtkompositionen.

Die Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz präsentiert neben den kameralosen Fotografien aus der analogen und digitalen Phase, für die Humbert bekannt wurde, auch Serien, mit denen er die gegenständliche Welt dokumentierte – etwa auf Reisen durch Frankreich, Italien, die Niederlande, China und die USA oder in seinem näheren Umfeld rund um Basel. Noch als 90-Jähriger experimentierte er mit der digitalen Aufzeichnung von Licht. Die Ausstellung spannt den Bogen von seinen frühen Lichterkundungen bis zum experimentellen Spätwerk und eröffnet somit fotografische Seh- und Denkräume, die im Dialog mit den Bildwelten seiner Untersuchungen der gegenständlichen Welt neu entdeckt werden können.

Roger Humbert (1929–2022) wurde bekannt für seine experimentellen Lichtaufnahmen. Sein Leitsatz „Ich fotografiere das Licht” beschreibt das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt, von Materialität und Bewusstsein in seiner künstlerischen Forschungsarbeit. Seine Fotogramme sind Ausdruck einer sinnlich-technischen und theoretischen Auseinandersetzung mit Licht, Wahrnehmung und Erkenntnis. Es sind Bilder „für den geistigen Gebrauch”, wie Max Bill es einst formulierte, die Humbert mehrheitlich in der nächtlichen Einsamkeit der Dunkelkammer produzierte. Durch das nicht wiederholbare Spiel mit Schablonen und Rastern, Prismen und Filtern – vordigitale Bildgeneratoren sozusagen – entstanden einzigartige Fotogramme und Luminogramme. Seit 1949 arbeitete er mit dieser Technik, die er über Jahrzehnte hinweg verfeinerte und auf ungewöhnlich große Formate ausweitete. In den 2010er-Jahren erweiterte er seine Lichtforschungen um digitale Verfahren und schuf leuchtend farbige, gegenstandslose Kompositionen.

Ab den 1950er-Jahren lotete Humbert mit seinen Fotogrammen und Luminogrammen die Grenzen der Fotografie aus, um sich, wie er selbst schrieb, „innerhalb der Fotografie restlos vom Gegenständlichen zu verabschieden und damit ein neues Kapitel einzuleiten”. Die Ausstellung „Ungegenständliche Photographie” von 1960 im Gewerbemuseum Basel zeigte seine Lichtstrukturen und ist ein frühes Zeugnis des zunächst noch tastenden Erkundens eines neuen Bereichs der ungegenständlichen Fotografie. Diesem folgten bald weitere Arbeiten und eine Gruppenbildung innerhalb der damaligen Fotoszene. Mit René Mächler, Rolf Schroeter und Jean-Frédéric Schnyder fand Humbert Gleichgesinnte, mit denen er die „Konkrete Fotografie” in der Schweiz etablierte.

Die Fotogramme sind ein wichtiger und umfangreicher Teil seines Werks, machen jedoch nur einen Bruchteil dessen aus, was Humbert in seiner fast sieben Jahrzehnte umspannenden fotografischen Tätigkeit belichtet und erforscht hat. In den 1950er- und 1960er-Jahren entstanden in Basel und auf Reisen präzise komponierte Schwarzweißfotografien im quadratischen Format. Darin arbeitete er mit den Kontrasten von Schärfe und Unschärfe, Licht und Schatten sowie einer klaren Linienführung. Auch auf späteren Exkursionen – unter anderem nach China, Ägypten und in die USA – konzentrierte sich Humbert nicht auf touristische Motive, sondern erstellte sorgfältig reduzierte Farbdiaserien. Die Serie der China-Bilder, die in der Ausstellung als Projektion gezeigt wird, ist zugleich die umfangreichste und zeichnet sich durch einen pointierten Einsatz von Farbe aus.

Bereits im Jahr 2007 übergab Humbert einen großen Bestand seiner Fotogramme und Luminogramme als Vorlass der Fotostiftung Schweiz. Nach seinem Tod kamen weitere Abzüge und umfangreiches Dokumentationsmaterial hinzu, darunter Notizen, Briefe, Artikel und Kritiken. Seither wurden verschiedene Initiativen ergriffen, um das Wissen über Humberts Werk zu erweitern und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach der Erschließung, Digitalisierung und Online-Stellung seines Vorlasses erschien 2011 Katharina Langs Studie „Roger Humbert und die konkrete Fotografie – Einordnung seines Werks (1945–1974)”. 2014 fand dann die Ausstellung „Roger Humbert. Konkrete Fotografie im Rappaz Museum in Basel statt. Schließlich beteiligte sich die Fotostiftung Schweiz 2017 an der Publikation Konkrete Fotografie als Programm, die Humberts analoge und digitale, kameralose Bildexperimente vergleichend in den Blick nahm.

Die Ausstellung bietet einer neuen Generation von Bildproduzent:innen und -konsument:innen die Möglichkeit, ihre eigenen Bildexperimente, etwa mithilfe von Programmen auf Basis generativer künstlicher Intelligenz, in Beziehung zu historischen Positionen zu setzen. Humberts Arbeiten zeigen, dass Bewegungen wie die „Konkrete” und auch die „Generative Fotografie” bereits ähnliche Anliegen und Denkweisen vorwegnahmen – jedoch unter sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen und technischen Bedingungen.

Roger Humbert
Fotografien für den geistigen Gebrauch
Bis 15. Februar 2026