5. Januar 2008 - 3:56 / Film 

Roberto Rossellini gehörte neben Vittorio de Sica und Luchino Visconti zu den Wegbereitern des italienischen Neorealismus. Gefeiert wurde er für "Roma città aperta" und "Paisà", doch die Dramen, die er in den 50er Jahren mit seiner Ehefrau Ingrid Bergman drehte, wurden zwiespältig aufgenommen und wenig beachtet wurden seine vom TV produzierten didaktischen Spielfilme der 60er und 70er Jahre. - Das Kino Kunstmuseum Bern widmet dem italienischen Meisterregisseur im Januar und Februar 2008 eine Retrospektive.

Als ältester, am 6.5. 1906 geborener Sohn des Architekten der ersten römischen Kinos kam Roberto Rossellini schon früh mit dem Film in Kontakt. Beeindruckt und geprägt hat ihn vor allem King Vidors "The Crowd" ("Ein Mensch der Masse", 1928), der zum wichtigen Vorbild für den italienischen Neorealismus insgesamt wurde. Nach einem abgebrochenen Studium und diversen anderen Berufen kam Rossellini zunächst als Atelierarbeiter und Techniker zum Film und über die Freundschaft zu Vittorio Mussolini, dem Sohn des Duce, gelang es ihm in der Branche Fuß zu fassen. Mit "La nave bianca" (1941), "Un pilota ritorna" (1942) und "L"uomo della croce" (1943) konnte er seine ersten Filme drehen, die zwar der faschistischen Kriegspropaganda zugeordnet werden, aber doch schon in ihrer Nüchternheit den zukünftigen Rossellini-Stil zeigen.

Weltberühmt machte ihn und den italienischen Neorealismus "Roma città aperta" (1944/45) und "Paisà" (1946), die zusammen mit »Deutschland im Jahre Null« (1947), die "Trilogie des Krieges" bilden. In einem quasidokumentarischen Stil zeichnet Rossellini darin Momentaufnahmen des Krieges. Alltägliche Beobachtungen und durchschnittliche Schicksale stehen im Mittelpunkt. In "Roma città aperta" wird im Stil einer Chronik vom römischen Widerstand gegen die Nazis berichtet, in "Paisà" wird in sechs Episoden, deren Bogen sich von der Landung der Amerikaner in Sizilien bis zum Widerstand der Partisanen in der Po-Ebene spannt, ein Panorama Italiens entworfen und der Krieg als universelle Tragödie dargestellt. Und in "Deutschland im Jahre Null" wird schließlich ein Zwölfjähriger in der Trümmerlandschaft Berlins zum Vatermörder.

Rossellini verzichtet auf inszenatorische Finessen. Er will den Zuschauer nicht manipulieren, sondern beschränkt sich in seinem zu radikaler Einfachheit tendierenden Stil auf das Zeigen. Wie sehr sich das Kino Rossellinis von dem anderer Regisseure unterscheidet, offenbaren gerade die Stoffe, die mehrfach verfilmt wurden. Sein "Francesco, giullare di Dio" ("Franziskus, der Gaukler Gottes", 1949) ist in seiner Demut, seiner Heiterkeit und seiner äußeren Armut der einzige wahrhaft franziskanische Film und sein »Il Messia« (1975) verzichtet sowohl auf Spektakel à la Hollywood als auch auf Interpretation à la Pasolini, sondern beschränkt sich auf die werkgetreue filmische Umsetzung der Evangelien.

Auf die Erkundung der äußeren Wirklichkeit in der "Trilogie des Krieges" folgte mit "Stromboli, terra di Dio" (1949), "Europa 51" (1952) und "Viaggio in Italia" ("Liebe ist stärker" / "Reise in Italien", 1953), in denen seine damalige Ehefrau Ingrid Bergman die Hauptrolle spielte, die Erkundung der Psyche. Dabei lösen sich in dieser "Trilogie der Einsamkeit" die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf und in der wiederum mit Bergman besetzten Stefan Zweig-Verfilmung "La paura" ("Angst", 1955) spiegelt sich die private und künstlerische Krise des Regisseurs. Von der italienischen Kritik abgelehnt, lösten diese Filme in Frankreich teilweise Begeisterung aus und Jacques Rivette schrieb über "Viaggio in Italia": "Durch das Erscheinen dieses Films sind alle Filme plötzlich um zehn Jahre gealtert."

Nach zwei Dokumentarfilmen in Indien und zwei weiteren Filmen über den italienischen Widerstand ("Il generale Della Rovere" / "Der falsche General", 1959; "Era notte a Roma" / "Es war Nacht in Rom", 1960) entdeckte Rossellini die pädagogischen Möglichkeiten des Fernsehens und betrieb in großen quasidokumentarischen Spielfilmen eine kulturhistorische Untersuchung der Menschheitsgeschichte. Neben dem fast fünfstündigen, von seinem Sohn Renzo inszenierten "L"età del ferro" (1964) entstanden in dieser Periode auch "La prise de pouvoir par Louis XIV" ("Die Machtergreifung Ludwigs XIV.", 1966), die "Atti degli Apostoli" ("Die Apostelgeschichte", 1968) und biographische Filme über "Socrate" (1970), "Blaise Pascal" (1971), "Sant"Agostino" (1972) und "Descartes" (1973).

Auch in diesem wenig gezeigten und noch zu entdeckenden Spätwerk blieb sich Rossellini, der am 3. Juni 1977 starb, trotz der historischen Sujets treu: Er verzichtete konsequent auf Dramatisierung und Spektakel und strebte wie in seinen neorealistischen Anfängen Wahrhaftigkeit an.

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