Die Kunsthalle Wien präsentiert eine große Werkschau des Künstlers. Die Ausstellung umfasst über 100 Arbeiten, darunter Gemälde, Collagen, Skulpturen und Videos, die neun verschiedene Werkgruppen aus den letzten zwanzig Jahren bilden. Es ist die erste institutionelle Ausstellung von Hawkins’ Werken seit über zehn Jahren und die erste in Österreich.
Innerhalb der letzten drei Jahrzehnte hat Hawkins eine einzigartige Praxis entwickelt, die auf der Lust am Betrachten und der Dynamik von Begehren basiert. Seine Arbeitsweise, bei der er Collagen als Mittel zur Strukturierung und Entwicklung seiner Kompositionen nutzt, wurde als „promiskuitiv referenziell“ beschrieben. In seinen Werken, die sich unter anderem mit Themen aus der Geschichte der künstlerischen Repräsentation in Skulptur, Malerei, Literatur und darstellender Kunst befassen, zitiert er frei aus der Popkultur. Die Werkschau konzentriert sich auf Arbeiten, die zwischen 2011 und 2025 entstanden sind und von denen viele zum ersten Mal in einem institutionellen Kontext gezeigt werden.
Jedes Werk offenbart eine bestimmte besessene Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen, wie griechischen und römischen Statuen oder Porträtaufnahmen japanischer männlicher Haarmodels. Hawkins’ fanatischer Ansatz erinnert dabei an die oft private Tätigkeit des Sortierens von Ephemera in Sammelalben. In jüngerer Zeit collagierte er Videomaterial, das auf Online-Subkulturen und im Internet geteilte Memes anspielt. Die Ausstellung gibt einen Überblick über einen Schaffenszeitraum, der mit akribisch kommentierten Kompositionen aus ausgeschnittenen und eingeklebten Bildern beginnt, über Keramikreliefs und Acrylgemälde führt und in Videos mündet, die mit künstlicher Intelligenz bearbeitet wurden, um etwas zu erzeugen, das als „queere Exorzismen” beschrieben werden kann. Für diese Ausstellung produziert Hawkins aus Vergrößerungen seiner Bilder auch Tapeten. Diese ermöglichen es ihm, verschiedene Kapitel seiner Forschung zu überlagern und gegenüberzustellen.
Eine frühe Gemäldeserie interpretiert die biblische Geschichte von Salome neu. Dieses Thema wurde unter anderem in Gemälden von Caravaggio, Gentileschi und Tizian sowie in Bühnenwerken von Oscar Wilde und Richard Strauss behandelt (dessen Oper in Wien ursprünglich verboten war). Hawkins erzählt die Geschichte als albtraumhafte Fabel über Homophobie neu. Sie spielt vor dem Hintergrund eines Vergnügungsparks mit Bordell, in dem abgetrennte Köpfe männliche Prostituierte heimsuchen, die um Kunden werben. Mehrere andere Werkgruppen basieren auf Hawkins' Studien über das Leben und die Obsessionen verschiedener Künstler:innen, darunter der japanische Choreograf Tatsumi Hijikata, der französische Schriftsteller Antonin Artaud und der amerikanische Maler Forest Bess.
Eine neuere Werkreihe zeigt Hollywood-Stars in dichten, farbenfrohen Gemälden. Hawkins kombiniert dabei Schnappschüsse von Paparazzi mit Porträts von Schauspielern in historischen Kostümen und verwendet auffällige Kragen oder eine übertriebene Darstellung der Haut, um die körperlosen Köpfe zu verankern. Einige Werke zeugen von einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Spätwerk des französischen Malers Pierre Bonnard und wechseln zwischen Porträts und Stillleben mit reich gedeckten Tischen voller Früchte hin und her. Hawkins greift Bonnards Farbgebung auf, um eine Gruppe von Jungen in fruchtbaren Landschaften voller Blütenwolken, Katzen und Schmetterlingen neu zu inszenieren.
Richard Hawkins (* 1961 in Mexia, Texas) lebt und arbeitet in Los Angeles, wo er als Professor für Malerei und Zeichnen am ArtCenter College of Design in Pasadena tätig ist. Einzelausstellungen hatte er in der Tate Liverpool (2014), Le Consortium, Dijon (2013), The Art Institute of Chicago und dem Hammer Museum, Los Angeles (beide 2010), dem De Appel Arts Centre, Amsterdam (2007) und dem Kunstverein Heilbronn (2003). Seine Werke wurden auch in Gruppenausstellungen gezeigt, darunter im Artists Space, New York (2023), im Bonner Kunstverein (2019), im Kunstinstituut Melly, Rotterdam (2014) und in der Whitney Biennial 2012, New York. Hawkins’ Werke befinden sich in zahlreichen öffentlichen Sammlungen, darunter im Art Institute of Chicago, im Museum of Contemporary Art und im Hammer Museum in Los Angeles, im Museum of Modern Art und im Whitney Museum of American Art in New York, im Walker Art Center in Minneapolis, in der Tate Modern in London und im Stedelijk Museum in Amsterdam.
Richard Hawkins: Potentialities
26. November 2025 bis 6. April 2026