13. Januar 2009 - 6:04 / Walter Gasperi / Filmriss
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Erstmals seit "Titanic" sind Kate Winslet und Leonardo DiCaprio wieder gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. Wieder sind sie ein Paar, aber Romantik kommt nicht auf, denn der Brite Sam Mendes zeichnet in seiner meisterhaften Verfilmung von Richard Yates Roman mit vernichtendem Blick das Bild des uniformierten und visionslosen amerikanischen Kleinbürgertums der 1950er Jahre.

Zum Song "The Gypsy" lernen sich die Schauspielstudentin April (Kate Winslet) und der Hafenarbeiter Frank Wheeler (Leonardo DiCaprio) kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs kennen. Der Song verweist schon auf April als Zigeunerin, als Nicht Angepasste und Frau mit großen Träumen, während Frank ohne viel zu denken brav seinen Job macht. Und noch ehe "The Gypsy" vorüber ist, sind die beiden verheiratet und ihre Schauspielträume nach einem Misserfolg auf der Bühne auch schon vorüber. Wenn sich dann April in der Garderobe abschminkt, dann zeigt das Mendes so deutlich und lange, dass klar ist, dass sie sich hier praktisch ihr ganzes Leben und all ihre Träume gleichzeitig mit dem Make-up abschminkt. Ein heftiger Ehestreit auf einem nächtlichen Highway folgt und man spürt, dass das sicher nicht der erste ist.

Rund 10 Jahre sind inzwischen vergangan und das Paar zieht um in die "Revolutionary Road", in ein gepflegtes Einfamilienhäuschen mit ordentlichem Garten. Der Aufbruch freilich den der Straßennamen ebenso wie der Eigenname "Wheeler", aber auch der auf den Frühling verweisende Vorname April verheißen, findet hier nicht statt.

Vielmehr macht sich eine bleierne Schwere breit und meisterhaft und beklemmend vermittelt die Kamera von Roger Deakins in blassen Farben, in Grautönen in der Arbeitswelt und Beigetönen im häuslichen Bereich, in fahlem, flachem Licht, in der Einförmigkeit der grauen Anzüge und Hüte der Angestellten Uniformität und Monotonie, die innere Leere und den Tod im Leben. – Wie kaum je sonst im Kino, sieht und spürt man hier, wie eine Hölle auf Erden bei gleichzeitigem materiellem Wohlstand aussehen kann.

Doch April hat noch nicht ganz aufgegeben, möchte nochmals ausbrechen und überredet ihren Mann zu einem Neustart in Paris, doch dann kommt eine Schwangerschaft dazwischen.

Man kennt diese Schilderungen der amerikanischen Klein- und Vorstadt aus den Filmen von Douglas Sirk, aus "All I Desire", auch wenn dieses Melodram rund 50 Jahre früher spielt, oder aus "There´s Always Tomorrow". Und auch dort sind es die Frauen, die einen Ausbruch versuchen, während die Männer wie die von ihnen produzierten Spielzeugroboter emotionslos funktionieren ("There´s Always Tomorrow"). Und man kennt diese Geschichte natürlich aus Todd Haynes "Far From Heaven". Gab es dort den Fernsehverkäufer so steigt Frank Wheeler hier am Ende zum Computerverkäufer auf – auch das eine neue Branche.

Fern von jedem Paradies ist das Paar von Beginn an und auch am Meer zeigt sich kein blauer, sondern ein grauer Himmel. Die Konsequenz und Stringenz mit der Sam Mendes diesen Niedergang, diese Auflösung einer Ehe durchbuchstabiert verleiht seinem Film ebenso wie die präzise zeitliche und räumliche Verankerung und die exzellente Besetzung Intensität und Geschlossenheit. Nichts ist hier mehr vom romantischen Paar aus Titanic geblieben. Kaum ein Lächeln kommt über Kate Winslets Gesicht, eine leidende Frau ist sie fast von Anfang bis Ende und lässt dann doch in einer Szene durchschimmern, welcher emotionale Vulkan sie ist und welche Lebensgier und Lebenslust in ihr schlummern.

Doch auch wenn Winslets April die tragische Figur ist, so ist DiCaprios Frank dennoch nicht ihr negativer Gegenpart. Denn dieser Frank liebt Frau und Familie sichtlich, ist aber in den gesellschaftlichen Zwängen gefangen, die hoffnungslose Leere seines Lebens zwar erkennend, aber auch akzeptierend und nicht fähig Träume zu entwickeln und aus dem monotonen Alltagstrott auszubrechen. DiCaprio überzeugt mit seinem zurückhaltenden Spiel und begeistert durch Wandlungsfähigkeit, wenn er in den Szenen, in denen sich sein Frust in Aggressivität entlädt, mit enormem körperlichem Einsatz agiert.

Kein Zufall sind in dieser mustergültigen, auf alle Schnörkel verzichtenden und sich ganz auf das Ehepaar konzentrierenden Verfilmung des 1961 erschienenen Romans von Richard Yates die wiederholten Blicke durch die von Holzsprossen durchzogenen Fenster des Hauses. Denn dieses Paar sitzt in einem inneren Gefängnis – und wer nicht brav mitspielt, wie beispielsweise der Sohn der Maklerin, wird in die Psychiatrie abgeschoben. Es ist freilich gerade dieser Mathematik-Professor (Michael Shannon), der an der Uniformität und Leere des amerikanischen Kleinbürgertums zerbrochen ist, der Frank und April schonungslos den Spiegel vorhält.

Nach "American Beauty" blickt Sam Mendes somit mit "Revolutionary Road" wieder vernichtend und böse auf Amerika. An die Stelle der Satire ist aber ein trockenes, zurückhaltend inszeniertes Drama getreten, so bitter, dass einem auch in Szenen mit bösem Witz das Lachen im Hals stecken bleibt. So genau Mendes freilich die Zeit evoziert, so universell und zeitlos ist dieses Ehedrama in der Frage nach dem wahren Leben und dazu auffordernd, hineinzuspringen und Träume trotz der Gefahr des Scheiterns zu leben statt im monotonen Alltagstrott dahinzudämmern und sich dem Small-Talk mit den Nachbarn hinzugeben.

Wird am Samstag, den 9.7. um 22 Uhr als Open-Air Kino am Spielboden Dornbirn gezeigt (Deutsche Fassung)

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