Susanne Wenger (* 1915 in Graz; † 2009 in Òṣogbo, Nigeria) gilt als eine der zentralen Künstlerinnen Österreichs nach 1945 und als frühe Wegbereiterin des Surrealismus. Ihr Œuvre, das Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Batiken umfasst, überschreitet ästhetische Kategorien und verbindet Kunst, Spiritualität und Mythos. Nach mehr als zwanzig Jahren kehrt das Werk von Susanne Wenger mit der Ausstellung „Àdùnní Olórìṣà” nach Graz und in jenes Haus zurück, in dem ihr noch zu Lebzeiten im Jahr 2004 eine Ausstellung gewidmet wurde und in dem sie das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark für ihr Lebenswerk sowie in der Folge das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erhielt. In Zusammenarbeit mit der sich um die Bewahrung ihres Werkes verdienstvoll einsetzenden Susanne Wenger Foundation in Krems präsentiert die Halle für Kunst Steiermark in einer sorgsam zusammengestellten Auswahl das facettenreiche Œuvre der Künstlerin.
Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs – ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus und insbesondere die Ermordung befreundeter Künstler:innen wie Karl Drews und Herbert Eichholzer – prägten ihre künstlerische Entwicklung nachhaltig. Aus diesen Erlebnissen heraus entwickelte sie eine transzendente, mythologisch aufgeladene Formsprache. Nach ihrer Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste Wien und einem Aufenthalt in Paris reiste sie 1950 mit dem Linguisten und damaligen Ehemann Ulli Beier nach Nigeria. Nach Stationen in den Städten Ìbàdàn, Ẹdẹ und Ìlóbùú lebte sie bis zu ihrem Tod fast sechzig Jahre lang als Künstlerin und Òrìṣà-Priesterin der Yorùbá-Religion in Òṣogbo. Dort schuf sie in den heiligen Hainen am Fluss Ọ̀ṣun gemeinsam mit der Gruppe New Sacred Art Movement monumentale Skulpturen und Schreine, die den spirituellen Ort mit einem Gesamtkunstwerk verbanden. Seit 2005 werden die „Sacred Ọ̀ṣun Òṣogbo Groves” als UNESCO-Weltkulturerbe geführt. Mit ihrer Beteiligung an der von Adriano Pedrosa kuratierten Biennale in Venedig im Jahr 2024 erfährt Wenger nun vermehrt die internationale Anerkennung, die ihr zusteht – mit Ausstellungsbeteiligungen in Institutionen wie der Tate Modern, dem Haus der Kunst in München oder dem Museum of Contemporary Art in Belgrad. In Österreich blieb die Rezeption bislang vergleichsweise verhalten.
Die Halle für Kunst Steiermark präsentiert in einer sorgsam zusammengestellten Auswahl nun das facettenreiche Œuvre der Künstlerin. Neben beeindruckenden Batiken werden auch ausgewählte Malereien und Zeichnungen gezeigt. Hervorzuheben sind ihre frühen Buntstiftzeichnungen „Traumgesichte”, die 1943/44 während des Krieges in Wien entstanden. Diese von übergroßen Insekten und einem monströsen Hasen bevölkerten Bildwelten bewegen sich zwischen Traum und Albtraum und spiegeln eine innere Auseinandersetzung mit Angst, Ohnmacht und psychischer Bedrängnis wider.
Im Zentrum der Ausstellung stehen jedoch Wengers großformatige Textilarbeiten – farbintensive Werke, die Mythen von Schöpfung, Tod, Opfer und Wiedergeburt vereinen. Seit den 1970er-Jahren entwickelte Wenger eine eigenständige Technik, die Elemente von Batik, Textilmalerei und Indigofärbung zu einem „spontanen Fluss” verbindet. Diese detailreichen Wachsbatiken, die sie als textile Cloth Paintings bezeichnet, zeichnen sich durch eine besondere Ausdruckskraft aus. Den späteren Arbeiten gingen die sogenannten Àdìrẹ-Batiken aus den 1950er- und 1960er-Jahren voraus. Sie basieren auf einer traditionellen Yorùbá-Technik und sind mit natürlich gewonnenem Indigo gearbeitet. In ihnen wird die Verbindung zwischen europäischer Moderne und der Mythologie des Yorùbá-Kulturkreises deutlich, der einen zentralen Bezugspunkt ihres Schaffens darstellt. Wengers Batiken verknüpfen Yorùbá-Symbole mit einer abstrakt-organischen Formsprache. Charakteristisch sind fließende Linien, rhythmische Kompositionen und natürliche Farbtöne wie Indigo, Braun, Ocker und Rot, die eine tiefe Verbundenheit mit den spirituellen Kräften der Erde ausdrücken. Dabei sind ihre Textilarbeiten weit mehr als nur dekorative Stoffe. Ihre Motive verweisen auf die Òrìṣà, die Gottheiten der Yorùbá-Religion, und entfalten ein reichhaltiges, narrativ verflochtenes Bildgefüge.
Neben den eindrucksvoll präsentierten Textilarbeiten zeigt die Ausstellung auch Malereien aus späteren Jahren. Nach einer längeren Pause wandte sich Wenger Mitte der 1960er Jahre wieder der Ölmalerei zu. In ihrer Serie „Icons of Great Sadness” (1993–1995) suchte sie mit ihrer Kunst eine Erweiterung der Realität und eine Transformation des gesellschaftlichen Bewusstseins. In diesen Gemälden verschmelzen Figuration und Abstraktion, Raum und Zeit scheinen aufgehoben, während sich zugleich Einblicke in ihr inneres Erleben eröffnen.
In Nigeria war Susanne Wenger als Àdùnní Olórìṣà bekannt – ein Ehrenname aus der Yorùbá-Kultur. Àdùnní bedeutet „diejenige, die man gerne um sich hat“ und Olórìṣà bezeichnet eine in die Gottheiten Òrìṣà Eingeweihte. Mit dieser Anrede wird Wengers enge spirituelle Verbindung zur Gottheit Ọbàtálá sowie ihre herausragende Rolle als Künstlerin und Priesterin im kulturellen Leben von Òṣogbo gewürdigt. Die Ausstellung lädt dazu ein, das tiefgründige Werk und das beeindruckende Leben von Susanne Wenger bzw. Àdùnní Olórìṣà als künstlerisches und spirituelles Vermächtnis von beeindruckender Aktualität neu zu entdecken.
Susanne Wenger
Àdùnní Olórìṣà
Kuratiert von Sandro Droschl
Bis 19.04.2026