27. Oktober 2020 - 2:12 / Ausstellung / Retrospektive / Malerei 
29. Oktober 2020 17. Januar 2021

Das Museum Haus Konstruktiv richtet dem belgischen Maler auf zwei Stockwerken eine umfassende Retrospektive aus; es ist seine erste Ausstellung in der Schweiz. Zu sehen sind ausgewählte Werke aus seinem Œuvre, das neben Gemälden auch Skizzenhefte, Kunst-am-Bau-Projekte und Buchcover-Illustrationen umfasst.

Quadrate und Rechtecke, Polygone mit gebogenen Kanten, Kreise und Kreissegmente, gespiegelt, vervielfacht und in verschiedenen Farbkontrasten einander gegenübergestellt, das sind die zentralen Elemente in den Kompositionen, die Léon Wuidar seit den 1960er-Jahren entwickelt.

Seit über sechzig Jahren widmet sich Léon Wuidar dem Medium Malerei. Der ausgebildete Zeichenlehrer, der 1955 als Autodidakt zu malen begann, benennt mehrere Schlüsselmomente, die ihn dazu motiviert haben, Kunst zu machen: 1952 entdeckte er in einer Zeitschrift zwei abstrakte Gemälde von Ben Nicholson, für die er sich wegen ihrer reduktionistischen Formensprache begeisterte. Ebenso faszinierten ihn die ägyptische Kunst, die er durch Bücher kennenlernte, und die Arbeiten der belgischen Surrealisten Paul Delvaux und René Magritte, die er in einer Ausstellung in Liège sah. Auch der Besuch der Retrospektive von Paul Klee im Palais des Beaux-Arts in Brüssel 1957 und die Liebe zur Architektur wirken bis heute nach.

1955 begann Wuidar erste Stillleben und Landschaftsbilder zu malen, in denen er ver- schiedene figurative Stilrichtungen erprobte. Um 1963 näherte er sich zusehends der geometrischen Abstraktion, auch wenn diesen Gemälden noch etwas Surreales anhaftet; so lassen sich in den im Museum Haus Konstruktiv präsentierten Werken figurative Motive wie etwa ein (Horus)Auge, ein Vogel oder eine spinnenähnliche Kreatur erahnen ("Arlequin à l’œil, 21 mai 66 , Au fou, mai 1968 und Grand Air, 21 avril 65; février 1968"). Charakteristisch für die Malereien aus dieser Zeit sind Grau-, Braun- und Schwarztöne, die kontrastierend auf hellere Ocker-, Weiss-, Rostrot- und Rosatöne treffen.

In den Arbeiten, die Ende der 1960er-Jahre und in den 70ern entstanden, dominieren stilisierte architektonische Elemente wie Säulen, Dächer oder Fenster. Exemplarisch dafür steht das Gemälde "Les images quotidiennes, 24 sept. 69". Gleichzeitig kristallisierte sich eine Verselbstständigung der Formen heraus, die in geometrischen Kompositionen aus Linien, Kurven, Dreiecken, Diagonalen, Ovalen, Vier- oder Vielecken mündete, die gespiegelt, wiederholt oder auf der Bildfläche verschoben sich zu einer Gesamtkomposition vereinen. Hinzu kam ein die Bildfläche umrandender gemalter Rahmen aus ein bis zwei Farbbahnen, die harmonisch auf die innerbildliche Farbgebung abgestimmt sind. Die Werke aus dieser Schaffensphase, die ein breites Farbspektrum aufzeigen, verdeutlichen Wuidars Interesse an der konstruktiv-konkreten Kunst sowie an Architektur, Raum, Volumen, Perspektive und Licht. Fasziniert war er insbesondere von der brutalistischen Architektur, was beispielhaft in "Tige, 20 julliet 77" zum Ausdruck kommt. Wichtige Impulse hierfür erhielt er von dem belgischen Architekten Charles Vandenhove, den er Mitte der 1960er-Jahre kennengelernt hatte und mit dem er bis zu dessen Tod 2019 freundschaftlich verbunden blieb. 1972 entwarf Vandenhove Wuidars Atelierhaus in Esneux. Auch lud er Wuidar mehrfach zu künstlerischen Interventionen an seinen im Stil des Brutalismus entworfenen Bauten ein, unter anderem am Universitätsspital CHU Liège, für dessen In- nenbereich er eine emaillierte Täfelung kreierte.

Ab den 1980er-Jahren wird Wuidars Formenvokabular noch minimalistischer, seine Farbpalette indessen verschiebt sich von natürlichen zu leuchtend bunten Farbtönen. Er beginnt, seine Arbeiten nur noch mit einem Datum zu betiteln, wohingegen die Werktitel der früheren Arbeiten Verweise auf die reale Welt beinhalten. Wuidar äussert sich dazu wie folgt: "Diese Titel [der früheren Arbeiten] waren, glaube ich, gut gewählt, aber sie sagten schon zu viel aus. Ich zog es vor, sie wegzulassen und dem Betrachter die Freiheit zu lassen, zu sehen, was er will. Ich denke, dass das Datum als Titel sogar enttäuschend und ein wenig traurig ist. Es hat allerdings den Vorteil, dass sich das Bild in einem Catalogue raisonné gut einordnen lässt."

Der feine Humor, der in dieser Aussage mitschwingt, blitzt in so manchem Werk der Ausstellung auf – insbesondere in den seit den 1990er-Jahren entstandenen, gelegentlich in Pastellfarben gemalten Arbeiten und Buchumschlägen, die auf ausgeklügelten Wortspielen basieren. Zu ihnen bemerkt Wuidar: "Es gefällt mir, für jeden Buchstaben die richtige Form zu finden, die er im Zusammenhang mit meinen Gemälden annehmen kann."

Wortspiele, ein eigenes Alphabet, Notizen zu Fragen der Farbgebung und zahlreiche piktogrammartige Entwürfe sind in den zauberhaften Carnets vereint, die in der Ausstellung in Vitrinen präsentiert werden. Seit den 1970er-Jahren hält der Künstler viele seiner Überlegungen sowie potenzielle Malereikompositionen im Miniaturformat von 3 x 4 cm tagebuchartig fest. Die Mehrheit dieser Entwürfe bleibt unrealisiert, andere hingegen werden in grösseren Formaten – das Spektrum reicht von 30 x 22 cm über 50 x 60 cm bis hin zu 120 x 120 cm – mit Ölfarbe auf Leinwand umgesetzt. Die Carnets liefern Wuidar selbst einen wichtigen Überblick über die verschiedenen Entwicklungsstufen seines Schaffens und bilden somit ein Herzstück seiner künstlerischen Praxis.

Die Retrospektive im Museum Haus Konstruktiv zeichnet künstlerische Entwicklung nach und präsentiert sein bis anhin noch wenig bekannte Œuvre erstmals dem Schweizer Publikum. Mit der Ausstellung wird zugleich der streng systematischen Kunst der Zürcher Konkreten eine freiere Interpretation konkreter Malerei gegenübergestellt. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in englischer Sprache, mit zahlreichen Abbildungen, einem eingehenden Textbeitrag von Sabine Schaschl und einem Interview, das Hans Ul- rich Obrist mit Léon Wuidar geführt hat.

Léon Wuidar, geboren 1938 in Liège, lebt und arbeitet in Esneux.

Léon Wuidar
Eine Retrospektive
29. Oktober bis 17. Jänner 2021

Haus Konstruktiv
Selnaustrasse 25
CH - 8001 Zürich

W: http://www.hauskonstruktiv.ch/

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  •  29. Oktober 2020 17. Januar 2021 /
Léon Wuidar, Auvent 1969. © 2020, ProLitteris, Zurich; the artist and White Cube
Léon Wuidar, Auvent 1969. © 2020, ProLitteris, Zurich; the artist and White Cube
Léon Wuidar, 9 décembre 85 1985. © 2020, ProLitteris, Zurich; the artist and White Cube
Léon Wuidar, 9 décembre 85 1985. © 2020, ProLitteris, Zurich; the artist and White Cube
Léon Wuidar, 18 novembre 82 , 1982. © 2020, ProLitteris, Zurich; the artist and White Cube
Léon Wuidar, 18 novembre 82 , 1982. © 2020, ProLitteris, Zurich; the artist and White Cube
Portrait of Léon Wuidar. Courtesy the artist and White Cube
Portrait of Léon Wuidar. Courtesy the artist and White Cube