Retrospektive Gertrud Kohli: Die Kunst als Lebenskonzept

Während sich die im liechtensteinischen Ruggell lebende und arbeitende Künstlerin Gertrud Kohli in ihren frühen Arbeiten noch in farbenprächtigen, oft großformatigen Bildern der sie umgebenden Landschaft und Natur annäherte, hat sich ihre Farben- und Formensprache im Laufe der Jahre stark gewandelt. Anfang der Jahrtausendwende setzte sie einen radikalen Schritt und arbeitete vorwiegend in Schwarz-Weiß. Anlässlich ihres 80. Geburtsages widmen ihr das Küefer-Martis-Huus in Ruggell sowie der Alte Pfarrhof in Balzers im Rahmen einer Doppelausstellung eine umfangreiche Retrospektive mit Werken aus allen Schaffensperioden. Wobei im Pfarrhaus der Schwerpunkt mehr auf das zeichnerische und grafische Werk, wie etwa Aktzeichnungen, Naturstudien, Frottagen oder auch abstrakte Farbräume gelegt wird, während in Ruggel das rein malerische Schaffen mit Bezügen zu Natur und Landschaft im Umfeld dieses Ortes in den Mittelpunkt rückt.

Um ihr bildnerisches Werk zu verstehen, kommt man nicht herum, sich mit der Biografie der Künstlerin auseinanderzusetzen. Sie habe schon früh gewusst, dass bei ihr Kunst das Ziel sei und dieses Ziel nur über Umwege zu erreichen sei. So reiste sie 1963, achtzehn Jahre jung, mit gerade einmal 150 Dollar in der Tasche nach Amerika, - ohne Rückflugticket. In Philadelphia paßte sie bei einer Familie gegen Logis und etwas Entgelt auf zwei Kinder auf und besuchte in ihrer Freizeit zwei Jahre lang die S. Fleisher Art Memorial School Philadelphia. Zudem graste sie sämtliche Museen Philadelphias und New Yorks ab. Was sie sah, habe alles übertroffen. Kohli: „Es war die lehrreichste Zeit mit Kunst, Theater und Musik, während es in Liechtenstein damals kein Kunstmuseum, kein Theater, keine Bibliothek, keine Galerie, keine Musik- und keine Kunstschule gab.“ In den US-Metropolen erhielt sie die Chance, als junge angehende Künstlerin eingehend die Impressionisten oder auch Mondrian und Picasso sowie die modernen Abstrakten wie etwa Mark Rothko, Barnett Newman, Frans Kline, Sam Francis oder einen Jackson Pollock zu studieren.

Philadelphia war damals einwohnermässig eine von Schwarzen dominierte Stadt. Die Künstlerin sah, wie die reichen Weißen mit diesen sowie sozial Schwächeren umgingen und wie sie auch Rücksichtslos Raubbau an der Natur betrieben. Die Eindrücke zweier Jahre in den USA brannten sich bei ihr ein. So entwickelte sich Gertrud Kohli zu einem überaus politisch interessierten Menschen, der sich stets für Gerechtigkeit, vor allem den sozial schwächeren gegenüber, und auch für den Schutz der Natur stark machte. Themen wie Natur, Gesellschaft, Herkunft, Identität und Politik bilden denn auch zentrale inhaltliche Elemente in ihrem Werk.

Die beiden Ausstellungen in Balzers und Ruggell bieten einen feinen retrospektiven Einblick in das sowohl formal als auch inhaltlich breit angelegte Oeuvre von Gertud Kohli. In den frühen Arbeiten standen farbenprächtige, oft großformatige Bilder, mit denen sie sich der sie umgebenden Landschaft und Natur annäherte, im Vordergrund. Wobei es ihr aber nie um das reine Abbilden ankam. Den Werken geht immer eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema voran. Die reale Landschaft löst sich teils völlig in abstrakte Farbräume auf. Es sind farbliche Reflexionen über die Schönheit der Ruggeller Riedlandschaften. Gleichzeitig werden die Bildträger aus Leinwand oder Sperrholz aber auch zum farblichen Spiegel innerer Projektionen. Stets versucht die Künstlerin, sich auf dasjenige zu konzentrieren, was hinter der Oberfläche liegt und das Gesamte auf das Wesentliche zu reduzieren. Anschauliche Beispiel dafür wären etwa „Irisherz“ (1988), „Irisschilf“ (1987) oder „Rietboden“ (1987). Mit der Zeit wurde das Bedürfnis nach klaren Farbflächen und lichteren Räumen „Antrieb für die Suche nach einem symbolischen Raum“ (Kohli) und somit zu einer „Hinführung zum Inhalt des Lebens“, so die Künstlerin.

Völliger Bruch mit der Farbe

Um die Jahrtausendwende herum kam es zu einem abrupten Bruch mit der Farbe. Angefangen hatte es 1996 mit dem tödlichen Motorradunfall ihres Gemahles, der bei ihr zu einer zweijährigen Malblockade geführt hatte. Danach bewirkte eine Art Allergie gegen Acrylfarben eine arge Verschlechterung des Blutbildes und einen starken Gewichtsverlust. Und dann noch das Schockerlebnis des Angriffs auf die New Yorker Twin-Tower des World Trade Centers im Jahre 2001. Das alles hat dazu geführt, dass sie fortan ausser mit dem Zeichenstift nur noch mit Chinatinte auf Japanpapier arbeitete. Die Farbe ist radikal dem Schwarzweiss gewichen. 
Das führte zwangsläufig zu noch stärkerer Reduktion der Bildinhalte, die mitunter an kalligraphische Formensprachen erinnern. Beispiele dafür wären etwa „Schmelzwasser“ oder „Ewiges Kommen – Gehen“. In einem Statement der Künstlerin in einem der beiden Kataloge, die zu den Ausstellungen erscheinen, heisst es: „Das Malen ist wie ein- und ausatmen. Die Linien der Pinselzüge fliessen einen Atemzug lang – ins Weiss der Materie. Es gleitet weiter, die Spur wird feiner und endet, nicht immer, wie ein Hauch im fragilen durchsichtigen Papier, weiter, immer weiter … in ruhigen Atem – Zügen.

Die Ausstellung dauert noch 14. Dezember.