Eine umfassende Retrospektive würdigt Erna Rosenstein (1913–2004), eine zentrale Protagonistin der polnischen Nachkriegsavantgarde, erstmals in Österreich.
Ihre Werke zeugen von der Widerständigkeit einer Künstlerin, die unbeirrt an ihren politischen Überzeugungen und künstlerischen Idealen festhält – und das vor dem Hintergrund der Shoah und der historischen Umbrüche in Polen. Über sechs Jahrzehnte hat Rosenstein einen multimedialen Bildkosmos entwickelt, der die enge Verflechtung von Gegenwart und Erinnerung, von kollektivem und persönlichem Erleben sichtbar macht.
In den frühen 1930er-Jahren verbringt Rosenstein zwei Jahre in Wien, wo sie an der Frauenakademie studiert, sich einer kommunistischen Jugendorganisation anschließt und die Februarkämpfe 1934 unmittelbar erlebt. Aus dieser Zeit sind keine Werke der Künstlerin erhalten. Sie gingen verloren oder wurden angesichts der Verfolgung im von Nazideutschland besetzten Polen vernichtet.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs findet Rosenstein zu einer expressiven Bildsprache, um kollektive Gewalterfahrungen, aber auch Fragen der Mittäterschaft zu artikulieren. Während des Stalinismus in Polen widersetzte sie sich der Doktrin des Sozialistischen Realismus und hielt an einer vom Surrealismus und subjektiven Erfahrungen geprägten Kunstauffassung fest. Als eine Form der Erinnerung und Aufarbeitung thematisiert sie über Jahrzehnte hinweg den gewaltsamen Tod ihrer Eltern. Dabei blieb sie konsequent einem figürlichen Ausdruck verpflichtet – selbst als ihre Bildsprache ab den späten 1950er-Jahren durch biomorphe, abstrakte Kompositionen bestimmt war.
Rätselhaft-poetische Werktitel eröffnen Raum für Erinnerung, Trauma und persönliche Erzählung und zeugen von der engen Verbindung, die Wort und Bild für die Malerin und Dichterin eingehen. Zugleich entfalten ihre Assemblagen eine Poesie des Alltäglichen, indem Rosenstein gefundene, gebrauchte und weggeworfene Objekte zu unerwarteten und teils ironischen Konstellationen fügt.
Die rund 80 Werke – Gemälde, Zeichnungen und Assemblagen sowie ausgewählte Gedichte – die in der Ausstellung im Unteren Belvedere versammelt sind, erzählen von Verfolgung und Flucht, von Verlust und Trauer, aber auch von Resilienz, künstlerischer Unabhängigkeit und dem beharrlichen Willen zur Erneuerung.
Erna Rosenstein, 1913 in Lwiw (heute Ukraine) geboren, schloss sich noch während ihrer Schulzeit in Krakau der illegalen Internationalen Organisation zur Hilfe für Revolutionäre (MOPR) an. Durch das Studium an der Wiener Frauenakademie von 1932 bis 1934 sollten, so das Ziel ihrer Eltern, politische Distanz geschaffen werden. Rosenstein war jedoch sowohl in Österreich als auch nach ihrer Rückkehr nach Polen, wo sie an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau studierte, weiterhin politisch aktiv. Während des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Polens sah sich Rosensteins Familie als Jüdinnen und Juden nationalsozialistischer Verfolgung ausgesetzt. Auf der Flucht wurden Rosensteins Eltern im Beisein der Künstlerin ermordet; sie selbst überlebte verletzt und verbrachte die restlichen Kriegsjahre unter falschen Identitäten im Untergrund. In den Jahren 1947/48 bereiste sie die Schweiz, England und Frankreich. In Paris besuchte sie eine Reihe surrealistischer Ausstellungen und lernte ihren zukünftigen Ehemann, den Kritiker und Übersetzer Artur Sandauer, kennen. Mit ihm lebte sie ab 1949 in Warschau. Zu Beginn der 1950er-Jahre arbeitete Rosenstein fern vom öffentlichen Kunstbetrieb, nachdem sie sich gegen die Doktrin des Sozialistischen Realismus ausgesprochen hatte und beharrlich an einer surrealistisch geprägten Bildsprache festhielt. Im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit ist sie erneut mit Wellen der Repression konfrontiert, die 1968 in einer staatlich gesteuerten, antisemitischen Kampagne gipfeln. Dennoch entscheidet sich die Künstlerin zu keinem Zeitpunkt für einen Bruch mit der Kommunistischen Partei oder das Exil, sondern avanciert zu einer der bedeutendsten Vertreter:innen der polnischen Nachkriegskunst. Als Gründungsmitglied der zweiten Krakauer Gruppe, der Künstler:innen wie Tadeusz Kantor, Maria Jarema oder Tadeusz Brzozowski angehören, nimmt sie an den maßgeblichen Ausstellungen für zeitgenössische Kunst in Polen sowie an Präsentationen polnischer Kunst im Ausland teil.
Erna Rosenstein
Jenseits der Stille
3. Juli 2026 bis 10. Jänner 2027