Die Retrospektive im Foto Arsenal Wien ist eine der umfassendsten Ausstellungen über das Werk des japanischen Fotografen, die je gezeigt wurde. Sie ist die fünfte Station dieser internationalen Wanderausstellung, die bereits in São Paulo, Berlin, London und Helsinki mit großem Erfolg präsentiert wurde. Die britische Zeitung The Guardian kürte sie zur besten Fotoausstellung des Jahres.
Ein Hund im Schatten. Sein Fell ist struppig, sein Maul ist leicht geöffnet und sein Blick ist misstrauisch. Während grelles Licht seinen Rücken streift, verschwinden Teile seines Gesichts in tiefem Schwarz. Dieses Foto aus dem Jahr 1971 wurde zur Ikone und markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Fotografie. Es stammt von Daido Moriyama (* 1938 in Osaka, Japan), einem der bedeutendsten Street Photographers unserer Zeit. Er hat die Bildsprache der Fotografie herausgefordert und erweitert und damit eine neue Sicht auf die Welt eröffnet.
Moriyama wurde berühmt für seine grobkörnigen, unscharfen und schrägen Aufnahmen, die eine radikal neue Perspektive auf gesellschaftliche Umbrüche, Sehnsucht, Tabus und das Theater des Alltags eröffnen. Der gelernte Grafikdesigner fotografiert seit den 1960er-Jahren das Leben auf den Straßen Japans: Passanten, urbane Szenen, flüchtige Momente. In einer Zeit, in der das Land nach den nicht zuletzt atomaren Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs eine rasante Modernisierung erlebte, fand er seine Themen. Er dokumentierte den Einzug der westlichen Konsumkultur in Massenmedien und Werbung. Sein Werk ist eine Elegie auf eine Zeit tiefgreifender Transformation. Mit seinen spontanen Aufnahmen reagierte er auf die amerikanische Besatzung sowie auf die Widersprüche und die Vitalität einer Gesellschaft, die sich von Trauer zu Euphorie bewegte.
Doch Moriyama ist nicht nur Beobachter, sondern wird Teil dessen, was er fotografiert. „Seine extreme Nähe und Vertrautheit mit den Menschen, Situationen und Themen, die er dokumentiert, machen seine Fotografien einzigartig und revolutionär”, erklärt Felix Hoffmann, der künstlerische Leiter von Foto Arsenal Wien. Früh schon setzte sich Moriyama – beeinflusst von Künstlern wie Andy Warhol und William Klein – mit Fragen der Reproduzierbarkeit und Verbreitung von Bildern auseinander. Seine Faszination für Fragmentierung und seine Experimente mit Negativen, Vergrößerungen und Auflösungen machen ihn zu einem Pionier der modernen Fotografie.
Die Retrospektive zeichnet Moriyamas fotografisches Werk und seine konzeptuellen Auseinandersetzungen mit den Medien nach – von seinen frühen Arbeiten für japanische Magazine über sein wachsendes Misstrauen gegenüber dem Fotojournalismus bis hin zu seinem Beitrag zur „Provoke“-Bewegung. Ihren Höhepunkt findet diese Entwicklung in seinem radikalen Fotobuch „Farewell Photography” (1972). Anfang der 1980er-Jahre überwand Moriyama eine persönliche und kreative Krise. In seinem nachfolgenden Werk entwickelte er eine visuelle Lyrik, in der er über Identität, Erinnerung, Geschichte und die Grenzen der Fotografie reflektierte. Viele dieser Arbeiten entstanden für japanische Magazine und Bücher, also für jene Medien, die im Nachkriegsjapan die zentrale Bühne für Fotografiedebatten bildeten. Neben seinen charakteristischen Schwarz-Weiß-Fotografien wandte sich Moriyama auch der Farb- und Digitalfotografie zu. Die Ausstellung schließt mit dem Magazin Record, dem Höhepunkt seiner lebenslangen Auseinandersetzung – eine Publikation, die Moriyama bis heute herausgibt.
„Diese Ausstellung basiert auf drei Jahren Forschung im Archiv von Daido Moriyama und ist die erste große Retrospektive, die sein fotografisches Werk und seinen konzeptuellen Umgang mit dem Medium anhand seiner bahnbrechenden Publikationen nachzeichnet. Sie zeigt, dass die von ihm aufgeworfenen Fragen zu Medienmanipulation, Überwachung und Bildfetischismus bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben“, so Kurator Thyago Nogueira.
Daido Moriyama. Retrospective
Eröffnung: 30. Januar 2026
31. Januar – 10. Mai 2026