4. September 2019 - 5:23 / Film / Retrospektive 
11. September 2019 15. Oktober 2019

Über den am 28. Oktober 1919 in St. Pölten geborenen Bernhard Wicki ist schon zu Lebzeiten viel geschrieben worden. Sein extremer Perfektionismus war mindestens so legendär wie sein Drang nach Unabhängigkeit. Seine Schauspieler verehrten ihn, während er hinter der Kamera durchaus als gefürchtet galt – insbesondere, wenn er selbst vor ihr bei jüngeren Kollegen in Erscheinung trat. Sein 100. Geburtstag ist gibt Anlass, diese faszinierende – und mittlerweile immer mehr in Vergessenheit geratene – Persönlichkeit in einer umfassenden Retrospektive zu beleuchten. Sie steht nicht nur für eine außergewöhnliche Karriere, sondern vermutlich wie keine andere auch für das Kino der BRD bis 1989.

Gleich zu Beginn von Wickis Laufbahn, als er mit knapp 19 Jahren ans Schauspielhaus Berlin zu Gustav Gründgens kommt, steht eine Zäsur: Als Mitglied einer kommunistischen Jugendschaft wird er von den Nazis mehrere Monate lang im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Die schrecklichen Erlebnisse dort prägen den jungen Mann für den Rest seines Lebens: Die deutsche Tragödie ist so untrennbar mit seinem späteren Werk verbunden wie seine antifaschistische Grundhaltung. Nach seiner Entlassung studiert er am Max Reinhardt Seminar in Wien Schauspiel und Regie. Erste Engagements lassen, obwohl weiterhin unter Beobachtung der Nazis, nicht lange auf sich warten, und so zieht es ihn noch vor Kriegsende in die Schweiz, wo er in Zürich und Basel auf der Bühne steht.

Langsam wird auch das Kino auf Wicki aufmerksam, doch Angebote für tragende Rollen bleiben anfangs aus. An der Seite von Maria Schell und unter der Regie Helmut Käutners gelingt ihm als jugoslawischer Partisanenführer Boro in Die letzte Brücke 1954 der Durchbruch. Käutner ist es auch, der ihm nach und nach das Regiehandwerk näherbringt, doch zunächst reüssiert er weiterhin als Schauspieler unter Größen wie Pabst, Staudte oder Jugert. Schon sein Debüt Warum sind sie gegen uns? (1958) wird als unsentimentaler Abgesang auf die Adenauer-Jahre gefeiert, doch mit seinem zweiten Film, der bildmächtige Antikriegsfilm Die Brücke (1959), setzt er sich ein Denkmal und sorgt über die Landesgrenzen hinweg für Furore. Während er mit der zu Unrecht weitgehend vergessenen Wirtschaftswundersatire Das Wunder des Malachias (1961) nicht an diesen Erfolg anschließen kann, ist man indessen in Hollywood auf Wicki aufmerksam geworden. Für Darryl F. Zanucks D-Day-Spektakel The Longest Day (1962) dreht er die deutschen Passagen, in der Dürrenmatt-Adaption The Visit (1964) stehen Ingrid Bergman und Anthony Quinn vor seiner Kamera, und bei Morituri (1965) geraten er und Marlon Brando aneinander. Glücklich wird er in der kommerzialisierten amerikanischen Filmwelt aber nicht.

Bei seiner Rückkehr in die BRD Mitte der 1960er-Jahre hatte sich die Kinolandschaft verändert. Wicki – weder »Oberhausener« noch »Papas Kino« zugehörig – verbündet sich mit dem Fernsehen, um sein nächstes Projekt, die Joseph-Roth-Verfilmung Das falsche Gewicht (1971), zu realisieren. Doch die früheren Erfolge bleiben unerreicht. Als Darsteller veredelt er zahlreiche Filme und Fernsehserien, das so verdiente Geld steckt er wiederum in seine eigene Arbeit, um seine Visionen möglichst kompromisslos umsetzen zu können. Das Spinnennetz (1989, ebenfalls nach Joseph Roth), ein in elf kräfteraubenden Jahren erkämpftes Herzensprojekt, wird schließlich zu seinem Vermächtnis und fügt die Fäden seines Schaffens auf gewaltige Weise zusammen: »Deutschland ist wohl mein Dreh- und Angelpunkt – ohne dass ich es will.« Wicki stirbt mit 80 Jahren am 5. Jänner 2000 in München.

Filmliste (Auswahl)

Die letzte Brücke (Helmut Käutner, A/YU 1953)
Kinder, Mütter und ein General (László Benedek, BRD 1955)
Die Zürcher Verlobung (Helmut Käutner, BRD 1957)
Madeleine und der Legionär (Wolfgang Staudte, BRD 1957)
Warum sind sie gegen uns? (Bernhard Wicki, BRD 1958)
Die Brücke (Bernhard Wicki, BRD 1959)
La Notte (Michelangelo Antonioni, I 1961)
Das Wunder des Malachias (Bernhard Wicki, BRD 1961)
Die Eroberung der Zitadelle (Bernhard Wicki, BRD 1977)
Das Spinnennetz (Bernhard Wicki, BRD 1989)

Retrospektive. Bernhard Wicki
Kurator: Florian Widegger
11. September bis 15. Oktober 2019

Metrokino Wien
Johannesgasse 4
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 512 18 03
F: 0043 (0)1 512 18 03-15
E: metrokino@filmarchiv.at
W: http://www.filmarchiv.at/

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  •  11. September 2019 15. Oktober 2019 /
Bernhard Wicki
Bernhard Wicki
Das Spinnennetz (Bernhard Wicki, BRD 1989)
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Das Wunder des Malachias (Bernhard Wicki, BRD 1961)
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Die Eroberung der Zitadelle (Bernhard Wicki, BRD 1977)
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Die letzte Brücke (Helmut Käutner, A/YU 1953)
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Die Zürcher Verlobung (Helmut Käutner, BRD 1957)
Die Zürcher Verlobung (Helmut Käutner, BRD 1957)
Kinder, Mütter und ein General (László Benedek, BRD 1955)
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La Notte (Michelangelo Antonioni, I 1961)
La Notte (Michelangelo Antonioni, I 1961)
Madeleine und der Legionär (Wolfgang Staudte, BRD 1957)
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Warum sind sie gegen uns? (Bernhard Wicki, BRD 1958)
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