Mit ihrer eigenständigen, radikalen Bildsprache zählt Annegret Soltau zu den bedeutendsten Vertreterinnen der feministischen Avantgarde und der Body Art in den 1970er- und 80er Jahren.
Gesellschaftliche Normen, Körperpolitik und weibliche Identität sind zentrale Themen ihrer Werke. Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Schwangerschaft, Mutterschaft und Familie in diesen Jahrzehnten, in der sie komplexe Gefühlswelten, innere Konflikte und emotionale Zustände freilegt, ist einzigartig. Ihr Werk macht ihre weibliche Biografie konsequent zum Thema und bricht damit mit gesellschaftlichen Konventionen, die zum Teil noch immer gültig sind. Sie hinterfragt Rollenbilder und dekonstruiert Klischees über Mutterschaft und Familie. Bis heute brechen ihre Arbeiten Tabus, wenn sie uns eindringlich mit dem Altern des weiblichen Körpers und Fragen der Vergänglichkeit konfrontieren.
Auch technisch geht die Künstlerin ihren eigenen Weg: Sie entwickelt die für ihr Werk charakteristische Methode der Fotovernähung und -radierung. Immer wieder verstieß sie mit ihren Arbeiten gegen gesellschaftliche und ästhetische Konventionen und wurde von der Öffentlichkeit zensiert. Die Retrospektive rückt ihr Gesamtwerk ins richtige Licht, etabliert die Künstlerin als wichtige Stimme der Gegenwartskunst und zeigt, wie relevant ihre Arbeiten bis heute sind.
1967 begann Soltau ihr Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Danach ging sie nach Wien und schloss ihr Studium 1973 in der Meisterklasse von Professor Anton Lehmden an der Akademie der bildenden Künste ab. In den frühen 1970er-Jahren arbeitete sie vor allem grafisch. Sie erlangte Meisterschaft in der Technik der Radierung, die auch in ihrem späteren Schaffen wichtig blieb, da sie in einem sehr ähnlichen Prozess – der „Fotoradierung“ – Negative bearbeitete. Auch die Motive finden sich in ihren späteren Werken wieder.
Die feinen Linien in Soltaus frühen Radierungen wirken wie Fäden. Die visuelle Darstellung von umwickelten Figuren führt die Künstlerin 1976 in ihrer ersten Performance „Permanente Demonstration – Bewusstseinszustände” in der Darmstädter Galerie Kunstwerkstatt in die physische Realität über. Dabei werden Berührungen realisierter Linien im Raum auf Körper und Haut spürbar. Sie umwickelte die Körper und Gesichter einzelner Besucher:innen mit feinem schwarzem Nähgarn und verband sie miteinander. Bewegt sich eine Person, so spüren alle anderen, mit ihr versponnenen Personen diese Bewegung, sei sie auch noch so klein. Der Faden wird so zum Element der Verbindung, aber auch der Einengung und Eingrenzung.
Soltaus Performances markieren den Übergang zu einer neuen Schaffensphase. Der performative Aspekt bleibt wesentlich für ihr Werk, fokussiert sich in den folgenden Arbeiten aber zunehmend auf den eigenen Körper. Über die Dokumentation der Performances entdeckt Soltau die Fotografie als künstlerisches Medium. Sie wird, genauso wie der Faden, der in den folgenden Arbeiten dazu dienen wird, Abzüge und Fragmente miteinander zu vernähen, zu einem zentralen Element ihres Œuvres.
Unter den Feministinnen der 1970er-Jahre ist das Mutterwerden umstritten und gilt sogar als antifeministisch. Die Frauen wollten nicht auf ihre Mutterrolle reduziert werden, da damit oft ein Verschwinden aus der politischen Öffentlichkeit und Kunst einherging.
Annegret Soltau entscheidet sich für Kinder und macht ihre Schwangerschaft und Mutterschaft zum Thema ihrer Kunst. Damit tut sie etwas Revolutionäres: Sie stellt das in den Mittelpunkt, was in der Kunstgeschichte und in der Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg marginalisiert wurde – die „gewöhnliche“ Biografie einer Frau.
Soltau setzt sich schonungslos mit allen Facetten der Schwangerschaft und Mutterschaft auseinander. Sie verbildlicht nicht nur das Glück, sondern auch den Schmerz, die Ambivalenz und die Unsicherheit. Indem sie komplexe Gefühlswelten, innere Konflikte und emotionale Zustände freilegt, bricht sie ein Tabu und dekonstruiert radikal Klischees über Mutterglück und Familie. Die Dokumentation ihres Körpers und ihrer persönlichen Erfahrungen ist ein Spiegel übergeordneter gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Das Private wird damit politisch.
Die Veränderlichkeit und Bedingtheit der eigenen Identität ist ein wiederkehrendes Thema in Soltaus Werken. In ihrer Serie „Generativ” verbindet sie mehrere Generationen ihrer Familie miteinander. Fotofragmente von Körperteilen ihrer Tochter, ihres Sohnes, ihres Mannes und ihrer Mutter vernäht sie zu neuen, hybriden Körpern. Diese thematisieren einerseits die Verbundenheit und Kontinuität über mehrere Generationen hinweg, andererseits aber auch die Auflösung der eigenen Identität in der familiären Bindung.
Für mehrere Werkserien dient ihr Passbild als Ausgangsmaterial. In Personal Identity entfernt Soltau ihr Gesicht aus den Porträts und ersetzt es durch Objekte ihres alltäglichen Lebens. In Vatersuche ersetzt sie ihr Gesicht durch Dokumente und Spuren, die sie über ihren unbekannten Vater zusammengetragen hat. In N.Y. ersetzt sie ihr Gesicht durch Aufnahmen ihrer Zahnoperation. Faces. Wie fragmentarische Tagebücher geben die Werkserien Auskunft über Soltaus Lebensumstände, Erfahrungen und Vorlieben, aber auch über ihren Schmerz und die Leerstellen in ihrer Biografie. Sie thematisieren die Konstruktion von Identität ebenso wie die Frage, welche Aussagen materielle Spuren über die Identität einer Person treffen können.
Annegret Soltau
Unzensiert. Eine Retrospektive
Bis 28.06.26