20. August 2009 - 5:06 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Unverkennbar ein Film von Quentin Tarantino ist schon sein 1992 entstandenes Debüt. Vieles von dem, was die späteren Filme des 1963 geborenen Amerikaners auszeichnet, findet sich schon in diesem harten Gangsterfilm über einen missglückten Überfall: Lakonische Dialoge, brutale Gewalt gemixt mit trockener Komik und das Aufbrechen der linearen Erzählstruktur. – Universum-Film hat "Reservoir Dogs" im Rahmen ihrer 50-teiligen Edition "Große Kinomomente" auf DVD herausgebracht.

Sechs Gangster in schwarzem Anzug, weißem Hemd und schmaler Krawatte in einem Diner beim Smalltalk. Es geht um Popsongs, schmutzige Witze und schließlich ums Trinkgeld und die Ausbeutung von Kellnerinnen. Die Kamera umkreist ständig das Sextett sowie zwei Männer in Shirts, die offensichtlich auch zur Gruppe gehören, schafft eine geschlossene Situation und gewährt kaum Überblick über den gesamten Raum.

Mit einem harten Schnitt folgt der Vorspann und dann ist der Coup – erst später wird man erfahren, dass es um einen Überfall auf ein Schmuckgeschäft (?) und um Diamanten ging – schon mächtig schief gegangen: Mr White (Harvey Keitel) versucht mit dem durch einen Bauchschuss schwer verletzten Mr. Orange (Tim Roth) – nur Decknamen verwenden die Gangster, wissen nichts voneinander – auf dem Rücksitz zu einer verlassenen Lagerhalle zu gelangen. Unruhig schwenkt die Kamera auf dieser Fahrt, auf der Mr. White seinen Kollegen zu beruhigen versucht, hin und her.

Die äußere Bewegung kommt im Lagerhaus zum Stillstand. Bald stoßen Mr. Brown (Quentin Tarantino) und Mr. Pink (Steve Buscemi) zu White und Orange und fieberhaft wird nach den Ursachen für das Scheitern des Coups gesucht, werden Fragen von Vertrauen und Verrat aufgeworfen. Lange Totalen isolieren die Gangster in dem in grünliches Licht getauchten großen und leeren Raum, einem huis clos par excellence. Der Schauplatz wird zur Bühne und theatralisch agieren auch die Gangster. Ausgeliefert sind sie der Situation, im staatlichen Gefängnis mögen sie noch nicht sein, doch die Welt wird ihnen zum Gefängnis.

Aufgebrochen wird diese Einheit von Ort und Zeit durch drei Rückblenden, die mit dem Namen des jeweiligen Protagonisten betitelt sind. Stück für Stück bringen diese Szenen Licht in die Vorgeschichte und langsam fügt sich das Puzzle zu einem Gesamtbild. Eine Dinerszene, die schon die ungleich berühmtere Szene aus "Pulp Fiction" vorwegnimmt, gibt es hier ebenso wie eine Dreierkonstellation der Gangster, die den Italo-Western zitiert. Und der Plot an sich ist natürlich von anderen großen Filmen über das Scheitern eines Überfalls durch Verrat wie John Hustons "Asphalt Jungle" oder Stanley Kubricks "The Killing" inspiriert.

Nur brutaler, trockener und cooler läuft bei Tarantino alles ab. En detail und in Echtzeit zeigt er beispielsweise wie ein Gangster einen als Geisel genommenen Polizisten foltert, ihm ein Ohr abschneidet und ihn mit Benzin übergießt – Mitleid mit seinen Figuren kennt Tarantino dabei nicht, bleibt auch angesichts der Grausamkeit seiner Figuren trocken und lakonisch und mixt in die Gewalt über Smalltalk oder den tänzelnden Gang Mr. Browns zur Folterszene und über 70er Jahre-Songs eine bittere Komik in das brutale Geschehen. - So meisterhaft wie der Amerikaner dieses Spiel beherrscht, wird dadurch freilich aus dem trashigen Material eine kunstfertige Reflexion nicht nur über Vertrauen und Verrat, sondern auch über Gewalt und ihre Folgen.

An Bonusmaterial bietet die DVD-Ausgabe neben einem schmalen Booklet zur Produktion von "Reservoir Dogs" geschnittene Szenen und Probeaufnahmen, sowie einen Audiokommentar von Quentin Tarantino und Mitgliedern seines Teams, auf dem die Entstehung einzelner Szenen und deren formale Gestaltung erläutert wird.



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Reservoir Dogs (Quentin Tarantino, 1992)
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