19. Februar 2008 - 3:29 / Walter Gasperi / Filmriss
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Gavin Hood kritisiert in seinem Politthriller die amerikanische Praxis der Verhaftung, Verschleppung und Folterung von Bürgern, die des Kontaktes zu Terroristen verdächtigt werden. – Packend inszeniert, macht es sich der südafrikanische Regisseur aber doch zu leicht, wenn er als Opfer einen unzweifelhaft Unschuldigen wählt und sich die Kritik im Happy End verflüchtigt.

Seit den 1970er Jahren kamen aus den USA keine Filme mehr, die so direkt und scharf auf tagespolitische Ereignisse reagierten. Lag damals aber noch eine gewisse Distanz zu den realen Ereignissen wie dem Watergate-Skandal (1972) oder dem Vietnamkrieg (1964 – 1973) und ihrer filmischen Verarbeitung ("All the President´s Men" [1976]; "Deer Hunter" [1978] und "Apocalypse Now" [1979]), so setzen sich heute Filmemacher kritisch mit laufenden Ereignissen auseinander.

"Operation Kingdom" beleuchtet im Gewand eines Actionthrillers die Verflechtungen von USA und Saudiarabien, Robert Redford fordert in "Von Löwen und Lämmern" seine Mitbürger auf, sich in gesellschaftspolitische Prozesse einzumischen und zu engagieren, und die Irakkriegsfilme von Brian de Palma ("Redacted") und Paul Haggis ("In the Valley of Elah") werden in den nächsten Monaten folgen.

Der Südafrikaner Gavin Hood, der für sein Jugenddrama "Tsotsi" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhalten hat, kritisiert nun in seinem ersten amerikanischen Film die Praktiken des CIA: Mit "Extraordinary Rendition" ("außerordentliche Übergabe") wird die Verschleppung von Terrorverdächtigen in mit den USA kooperierende arabische Länder bezeichnet, die dort von den einheimischen Behörden gefoltert werden, um Geständnisse zu erpressen. Der CIA fungiert dabei "nur" als Beobachter, denn Amerika foltert keine Menschen.

Kraftvoll und dynamisch ist der Beginn von "Rendition - Machtlos", wenn der seit 20 Jahren in den USA lebende ägyptischstämmige Chemieingenieur Anwar El-Ibrahimi (Omar Metwally) auf dem Rückflug von einem Kongress in Südafrika beim Zwischenstopp in Washington vom CIA abgefangen, verhaftet und verhört wird, parallel dazu seine hochschwangere Frau mit Sohn vergeblich auf seine Ankunft wartet und auf einer dritten Erzählebene in einem nicht näher bestimmten nordafrikanischen Staat (einmal ist eine Aufschrift "Tunis" zu lesen) bei einem Selbstmordanschlag 19 Menschen darunter ein CIA-Agent ums Leben kommen.

Weil El-Ibrahimi im Verhör nicht die gewünschten Auskünfte gibt, wird er auf Befehl der Leiterin der Abteilung (Meryl Streep) in das Land verschleppt, wo sich der Anschlag ereignete. Während El-Ibrahimis Frau verzweifelt über Kontakte zu einem befreundeten Politiker Auskunft über das Verbleiben ihres Mannes zu erhalten versucht, wird dieser in einem dunklen Keller unter grausamer Folter verhört. Dem jungen amerikanischen Analysten, der dabei als Beobachter fungiert, kommen allerdings zunehmend Zweifel an einer Schuld El-Ibrahimis und an diesen Methoden auf.

Zeichnet Hood mit dem von Jake Gyllenhaal gespielten Ermittler, dessen Ambivalenz und Schwanken, dadurch dass meist eine Hälfte seines Gesichts in Dunkel getaucht wird, auch visuell vermittelt wird, der von Meryl Streep eiskalt angelegten CIA-Chefin und Alan Arkin als Politprofi faszinierende Figuren und überzeugt auch Reese Witherspoon als El-Ibrahimis Gattin, so wirkt ein weiterer dritter Erzählstrang schwach und aufgesetzt.

Denn parallel zu den verzweifelten Bemühungen der Gattin und den düsteren Folterszenen, die an Torture Porns wie "Hostel" oder "Saw" erinnern, hart, aber in der Distanzierung frei von jedem Voyeurismus sind, erzählt Hood auch noch eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen gegen ihren patriarchalischen Vater rebellierenden Arabermädchen und einem islamistischen Jungen. – Auf dieser Ebene fehlt einfach jede Perspektive und jeder Hintergrund, die erzählerische Wendung am Schluss hat es dann aber doch wieder in sich.

"Rendition - Machtlos" bietet packendes und engagiertes Kino, bleibt aber in der Beschreibung der Ursachen und Hintergründe letztlich doch sehr flach und macht es sich – wie vor zwei Jahr Michael Winterbottom in "The Road to Guantanamo" – leicht, wenn der Film nie einen Zweifel an der Unschuld des Verschleppten aufkommen lässt. Nicht die menschenrechtswidrige Praxis an sich wird hier angegriffen, sondern nur die Verschleppung und Folterung Unschuldiger. – Gegen diese zu sein, fällt leicht. Nicht aufgeworfen wird aber die zweifellos brisante Frage, ob man einen überführten Terroristen verschleppen und foltern darf, um Informationen über geplante Anschläge zu erhalten.

Zudem gibt es in "Renditon - Machtlos" ein mainstreamtaugliches Ende, mit dem die ganze zuvor aufgebaute Empörung und der Zorn über diese Missstände wieder abgeschwächt oder sogar weggewischt werden. – Statt Verunsicherung und Misstrauen gegenüber der Rechtstaatlichkeit zurückzulassen, scheint am Ende alles wieder gut und es kann weiter gehen, als ob nichts gewesen wäre.

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Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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