Wenn der Punkt als erste Bewegung auf dem Weg zur Linie betrachtet wird – wie es Kandinsky getan hat –, dann ist der Galerie.Z mit Renate Krammer eine Punktlandung gelungen. Die bei Graz lebende und arbeitende Künstlerin befasst sich schließlich seit rund 20 Jahren ausschließlich mit der Linie. Um genau zu sein: Mit der waagrechten, geraden Linie. „Renate Krammer – Linien“ lautet dementsprechend der Titel der Ausstellung. Jetzt könnte man spekulieren, ob sich die Künstlerin an dieser extremen Fokussierung inzwischen nicht abgearbeitet hat. Oder man könnte sich fragen, wie lange sie daran noch festhalten möchte. Ihre Antwort darauf ist ebenso verblüffend wie unmissverständlich: „Für mich ist die Beschäftigung mit der Linie - als elementares Mittel der künstlerischen Gestaltung - eine Herausforderung, da gerade mit der Reduktion auf die Linie in ihrem reinen ursprünglichen Zustand nicht Einschränkung sondern unbegrenzte Formen - und Ausdrucksmöglichkeiten entstehen.“
Die Linie als formale und inhaltliche Basis
Dabei verlief Renate Krammers Weg zu dieser frappierenden Erkenntnis keineswegs linear. So startete sie ihre künstlerische Karriere erst, nachdem sie – einer dringlichen Empfehlung ihrer Eltern folgend – Betriebswirtschaft und Wirtschaftspädagogik studiert hatte. Nach jahrelanger Tätigkeit bei einem Steuerberater und als Lehrerin entschied sie sich, ihren ursprünglichen Berufswunsch zu realisieren und Malerin zu werden. Anstatt im Erwachsenenalter die Akademie in Wien zu absolvieren, was sie für unpassend hielt, eignete sie sich ihr Wissen in verschiedenen Kursen an. Als besonders prägend erwies sich dabei die Begegnung mit dem Künstler und Kunsttheoretiker Paul Rotterdam, der sie mit dem Minimalismus vertraut machte.
Über die entsprechend vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik gelangte sie zur Überzeugung, dass die von ihr intendierte Abkehr von einer abbildenden Kunst mittels der Malerei nicht gelingen kann. Dafür hielt sie die Zeichnung für geeignet. Und die beginnt bekanntermaßen mit dem Punkt. In Bewegung gesetzt, resultiert daraus die Linie.
Auf Punkt und Linie reduziert
Seitdem ist die waagrechte Linie der Hauptakteur in Renate Krammers vielfältigem Œuvre und kein sekundäres Element mehr, das ein anderes Element (ein Objekt) abzubilden vorgibt. Anstatt die beabsichtigte Formlosigkeit zu erreichen, eröffnete sich ihr ein neuer Kosmos an Formen. Obwohl – oder vielmehr weil – die Künstlerin die Linie von der Darstellung befreit und in ihrer Absolutheit einsetzt, schafft sie ein eigenes Universum. Alles scheint mit horizontalen Linien zum Ausdruck gebracht werden zu können. Mit recht geringen Mitteln – hauptsächlich Bleistifte und Papier – schafft die Künstlerin ein facettenreiches Werk. Die in Zeilen angeordneten Linien zieht sie ausschließlich freihändig, wodurch sie deren Dichte, Rhythmus, Druck und Stärke beeinflusst. Die Motorik der Hand, der Finger, die Bewegung des Arms bestimmt den Duktus ganz wesentlich, was für die Lebendigkeit der Arbeiten sorgt. Bewusst gesetzte Unregelmäßigkeiten wie abrupte Unterbrechungen, Lücken, Aussparungen oder Leerstellen steigern diese Wirkung. Räumliche Illusionen erzielt die experimentierfreudige Kärntnerin zudem mit gekonnt platzierten Überlagerungen.
Beeindruckende Varianz
Dass für sie der Prozess des Entstehens gleich bedeutsam ist wie das Ergebnis, erschließt sich eindeutig. Jedenfalls sei ein besonderer Zugang erforderlich, gibt sie zu bedenken. Neben der eigenen Stimmungslage nennt sie objektive Fakten wie unterschiedliche Bleistiftstärken oder die Beschaffenheit des Papiers (strukturiert oder glatt) als Faktoren, die erhebliche Unterschiede hervorbringen können. Darauf müsse man sich einlassen, ist sie überzeugt. Angesichts ihrer Ausdauer und konsequenten Erforschung der Möglichkeiten der horizontalen Linie ist es nicht überraschend, dass sie die maximale Reduktion als nahezu unerschöpfliche Inspirationsquelle erachtet.
Die Anzahl an Blättern, gefüllt mit kräftigen, zarten, hellen, dunklen, langen, kurzen, unterbrochenen oder durchgehenden Strichen zeugt davon. Offensichtlich trifft der von Paul Klee in seinem Œuvrekatalog notierte Spruch des römischen Gelehrten Plinius exakt auf Renate Krammers Arbeitsweise zu: „Nulla dies sine linea – kein Tag ohne Linie“.
Als wäre der Variantenreichtum an Zeichnungen mit freihändig gezogenen Linien nicht schon überwältigend genug, lotet die Künstlerin die Möglichkeiten von Linie und Papier weiter aus. Im nächsten Schritt materialisiert sie die Linie, indem sie Maulbeerbaumpapier in Streifen reißt. Die so entstandenen Papierlinien klebt sie Schicht für Schicht auf Zeichenpapier oder schichtet sie eng in Plexiglas-Boxen übereinander. Die so entstehenden Linienbilder lassen sich einerseits dem Bereich der Grafik zuordnen. Andererseits entsprechen sie auch der Definition eines Objekts. Das Potenzial der Konzentration auf die waagrechte Linie hat Renate Krammer damit sicher noch nicht ausgeschöpft. Wir dürfen also gespannt auf ihre nächsten Projekte warten. „Renate Krammer – Linien“ ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie aus einem knappen Vokabular und extremer Reduktion maximale Varianz entstehen kann.
Renate Krammer
Linien
03.09.2026 - 03.10.2026
Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 03. Sept. 2026, 19:30 Uhr
Es spricht Margot Prax