12. Juni 2019 - 7:51 / Ausstellung 
26. Mai 2019 29. September 2019

Die Präsentation der Landesgalerie Niederösterreich ist die erste Museumseinzelausstellung der Künstlerin. Das Projekt wurde mit Renate Bertlmann seit dem Spätsommer 2016 entwickelt, lange bevor sich die Aufmerksamkeit für die Künstlerin mit dem Empfang des großen österreichischen Staatspreises und der Nominierung zur ersten Künstlerin mit einer Einzelausstellung im österreichischen Pavillon der Biennale Venedig markant verstärkt hat.

Das Schaffen von Renate Bertlmann reflektiert seit mehr als 50 Jahren die Eckpfeiler unseres kulturellen Lebens, wobei der Reichtum an Perspektiven, aber auch an Kunstgattungen, Themen und Inhalten das gesamte Dasein erfasst. Die Künstlerin sieht ihre Standortbestimmung als Liebende. „Amo ergo sum“ (Ich liebe, also bin ich) ist Ausgangspunkt und Umriss ihres künstlerischen Schaffens, wobei sich Liebe im Sinne der Künstlerin als ganzheitliche Sinneserfahrung darstellt. Die Themen erstrecken sich von Geschlechterrollen bis zur Religion und zu den Ritualen, die den Tod des Menschen rahmen. Die Künstlerin schlüpft dabei vielfach in die unterschiedlichsten Rollen und nimmt Verwandlungen vor.

Renate Bertlmann sah schon zu Beginn der 1970er Jahre zwei Rettungswege aus dem „inneren Gefängnis“, das sie als Frau und Künstlerin im Österreich der Nachkriegszeit empfand: Feminismus und Spiritualität. Hier ruht meine Zärtlichkeit – Titel einer Grabskulptur als namengebendes Werk der Ausstellung – ist Ausdruck des Schaffens jenseits der Körperlichkeit. Das Ich spiegelt sich in Eigenarten der Zuneigung, Empathie und Sensibilität. Dass eine zentrale Wahrheit des Menschen jenseits des Körpers liegt, spiegelt sich im Konzept der monumentalen Urnenwand. Diese wurde zur Hüterin von intimen Geheimnissen, die ihr siebzig Menschen anvertraut haben. „Die Urnen-Nischen sind Orte der Stille, denen wir Intimes anvertrauen. Sie werden zu Räumen, in denen das Verbergen zum Bergen von Kostbarem, von Verletzlichem, von Ur-Eigenstem wird.“ (Renate Bertlmann)

Die Ausstellung der Landesgalerie, die von der Künstlerin selbst kuratiert wurde, verbindet neue Arbeiten mit legendären Werken der 1970er und 1980er Jahre wie EL-ELLA Herzsänfte (1986) oder Hier ruht meine Zärtlichkeit (1976), die zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen waren.

Gleichzeitig mit der ersten Museums-Einzelpräsentation in Krems ist Renate Bertlmann die erste Künstlerin, die alleine im österreichischen Pavillon der Biennale di Venezia ausstellt. Ein Privileg, das bisher nur Männern vorbehalten war.

Femininismus und Spiritualität als künstlerische Prinzipien

Seit Jahrzehnten hat die Künstlerin Renate Bertlmann ihren Standpunkt immer neu definiert. Dies erschwert eine Einordnung ihres Werkes bis heute. Die Eingliederung in das feministische Kunstschaffen jedoch hatte schon früh internationale Anerkennung zur Folge und erfasst das zentrale politische Wirken der Künstlerin, konnte aber nicht ausreichend zu einem ganzheitlichen Verständnis des Werkes beitragen. In Wahrheit geht das Schaffen von Renate Bertlmann über den Feminismus hinaus und reflektiert unser gesamtes Dasein. Die Künstlerin stellt den aggressiv konfrontativen Gestus des Geschlechterkampfes zwar dar, nimmt aber nicht daran teil. Der Blick auf unsere Gesellschaft schließt dabei jenen feinen Humor mit ein, der die Kunst Renate Bertlmanns insgesamt begleitet.

Renate Bertlmann scheut sich nicht, Tabuzonen wie Religion und Sexualität zu betreten. In der monumentalen Kreuzigungsdarstellung wird der geschundene Corpus Christi zum Bild einer erlösenden Hingabe und Zärtlichkeit. Im Rollenspiel Renée ou René versucht sie, sich in die männliche Triebhaftigkeit einzufühlen und männliche und weibliche Verhaltensmuster zu hinterfragen. In der Mumie mit der vergoldeten Eichel ironisiert sie die Verehrung des Gliedes als Sinnbild der männlichen Omnipotenz.

Der Auftritt als Braut erfolgt ebenfalls mit Ironie, das Instrument dafür ist der pointierte Einsatz von Elementen des Kitsches. Mit der gezielten Einbindung von Folklore- und Trash-Elementen erschließt die Künstlerin genau jenes Augenzwinkern, das weite Teile ihrer Kunst begleitet. Auch der eigene Erfolg wird solcherart ironisiert, wie uns die Künstlerin als „Henne, die goldene Eier legt“ in einer Skulptur darlegt. Dass neben der Henne der Hahn nicht fehlen darf, versteht sich dabei von selbst.

Das Schaffen der Künstlerin ist mutig und gleichermaßen einfühlsam. Ihr politisches Engagement war hingegen die expressivere Komponente. Sie führte zur Gruppe IntAkt (Internationale Aktionsgemeinschaft bildender Künstlerinnen), brachte frühe Erfolge wie die Teilnahme an Valie Exports legendärer Ausstellung Magna. Feminismus: Kunst und Kreativität im Jahr 1975 und vielbeachtete internationale Performances in Bologna, Düsseldorf und New York. Ebenso international war und ist Bertlmanns Engagement für die großen Anliegen ihrer Zeit, vom leidenschaftlichen Kampf für die Freilassung von Angela Davis, deren Look Bertlmann als Zeichen ihrer Solidarität übernommen hatte, bis hin zur #MeTooBewegung der Gegenwart. Der ganz große internationale Durchbruch der Künstlerin erfolgt gerade jetzt. Gabriele Schor hat als Promoterin (auch zahlreicher anderer Künstlerinnen) mit der Einzelausstellung und dem begleitenden Buch großen Anteil daran, dass Renate Bertlmann dabei ist, eine Weltkarriere zu starten.

Aller bisherigen Erfolge zum Trotz ist die Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich Bertlmanns erste Museums-Einzelpräsentation. Die Ausstellung von Renate Bertlmann bereichert den thematischen Schwerpunkt der Selbstdarstellung in großartiger Weise, weil sie eine ungemein mutige Künstlerin präsentiert, die mit ihrem Schaffen zeitgemäßer nicht sein könnte. Die Werke und deren Inhalte treffen den aktuellen Diskurs im Zentrum. Dies nicht nur deshalb, weil das Geschlechterverhältnis in dessen Absurdität und Ungerechtigkeit noch nicht aufgelöst ist, sondern auch wegen des Tons, der in der künstlerischen Erzählung gewählt ist. Eine fein ausbalancierte Sprache, die mit großer Sensibilität agiert und ohne plakative Angriffe auskommt. Auch wenn der Geschlechterkampf thematisiert wird, geschieht das bei Renate Bertlmann mit Augenzwinkern und Ironie, dem Konfrontativen ist die Aggression genommen. Die konservative Forderung nach einem geschlechterspezifischen Handeln macht vielfach Männer und Frauen gleichermaßen zu Leidtragenden einer kulturellen Fehlentwicklung, Täter- und Opferbilder werden nicht auf Personen, sondern auf die Geschlechterrollen verteilt.

Die Ausstellung steht in Beziehung zur Schau „Ich bin alles zugleich“, die gleichzeitig mit Bertlmanns Personale in der neuen Landesgalerie Niederösterreich eröffnet. Dies ist eine Folge der gemeinsamen Idee, die Selbstdarstellung als Generalthema auf den Ausstellungsraum zu übertragen. Damit erschließt die Selbstbestimmung Renate Bertlmanns symbolhaft den Ausstellungsraum der neuen Landesgalerie Niederösterreich, der im Erdgeschoss einen Dialog mit dem Außenraum vornimmt. Sinnbildlich wird hier gezeigt, wie sehr das neue Museum den Künstlerinnen gewidmet ist. Dass Renate Bertlmann den Anfang macht, ist kein Zufall. Mit ihr haben nun (nicht nur) österreichische Künstlerinnen ein Role Model. Renate Bertlmann zeigt ihnen (und auch uns), dass Zornigkeit, Kampf und konsequentes Handeln mit Gelassenheit, Empathie und Humor zusammenfinden können, dass lange anhaltendes Unverständnis ihres Umfelds sich zu Anerkennung entwickeln kann und dass am Ende ein ganz großer Erfolg möglich ist.

Renate Bertlmann: Hier ruht meine Zärtlichkeit
26. Mai bis 29. September 2019
Kuratorin: Renate Bertlmann

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  26. Mai 2019 29. September 2019 /
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer,  Artifex Gallina Aurea, 2015 Präpariertes Huhn, Eier vergoldet, Polyurethanschaum, Plexiglas, Perspex 45,5 × 65,9 × 45,9 cm Privatbesitz © Renate Bertlmann
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Artifex Gallina Aurea, 2015 Präpariertes Huhn, Eier vergoldet, Polyurethanschaum, Plexiglas 45,5 × 65,9 × 45,9 cm Privatbesitz © Renate Bertlmann
Renate Bertlmann. Hier ruht meine Zärtlichkeit Ausstellungsansicht, Landesgalerie Niederösterreich 2019 © Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Artifex, Ingeniosus Virilis, 2019 / Präparierter Hahn, Fun Präser, Plexiglas, Schnabel und Krallen vergoldet, 56,5 × 81 × 57 cm © Renate Bertlmann
Renate Bertlmann. Hier ruht meine Zärtlichkeit Ausstellungsansicht, Landesgalerie Niederösterreich 2019 © Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Corpus Impudicum Arte Domitum, 1984 Silikonkautschuk, Goldblättchen, Mullbinden, Plexiglas 48,5 × 121 × 49,5 cm Courtesy Richard Saltoun Gallery, London © Renate Bertlmann
Renate Bertlmann. Hier ruht meine Zärtlichkeit Ausstellungsansicht, Landesgalerie Niederösterreich 2019 © Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
Renate Bertlmann. Hier ruht meine Zärtlichkeit Ausstellungsansicht, Landesgalerie Niederösterreich 2019 © Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
El-Ella Sänfte, 1986 Polyurethanschaum, Schwanenflügel, Flitter, Holz, Plexiglas 132 × 265 × 74 cm © Renate Bertlmann
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Gezeigtes Werk: Hier ruht meine Zärtlichkeit, 1976 Plexiglas, Holz, Klebebuchstaben 150 × 110 × 170 cm Privatbesitz © Renate Bertlmann
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Perlenbraut, 1983/2019 Schnullermaske, Schleier, Perlendevotionalie in Vitrine, 235 × 86,5 × 38 cm © Renate Bertlmann
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Renée ou René – Onanie 1977 Faksimile – Digitalprint auf FineArt Baryta 235 × 127 cm Landessammlungen NÖ © Renate Bertlmann
-
Corpus Impudicum Arte Domitum, 1984 Silikonkautschuk, Goldblättchen, Mullbinden, Plexiglas 48,5 × 121 × 49,5 cm Courtesy Richard Saltoun Gallery, London © Renate Bertlmann
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Urnenwand, 1978/2019 Plexiglas, Holz, Urnenzylinder, Urnenbeigaben 260 × 680 × 26 cm © Renate Bertlmann
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
-
Vier Jahreszeiten, 1988 Mixed Media, Flitter, Folie auf Holz 33 × 27 cm © Renate Bertlmann
Renate Bertlmann. Hier ruht meine Zärtlichkeit Ausstellungsansicht, Landesgalerie Niederösterreich 2019 © Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
Renate Bertlmann. Hier ruht meine Zärtlichkeit Ausstellungsansicht, Landesgalerie Niederösterreich 2019 © Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
© Kunstmeile Krems, Foto: Claudia Rohrauer
Renate Bertlmann Porträt 2018 © Kunstmeile Krems, Foto: Lukas Beck
Renate Bertlmann Porträt 2018 © Kunstmeile Krems, Foto: Lukas Beck