6. Oktober 2021 - 13:21 / Ausstellung / Malerei 
10. Oktober 2021 9. Januar 2022

René Acht war zu Lebzeiten (1920 - 1998), sowohl mit seinem informellen Werk der 1950er Jahre als auch mit den späten Scherenschnitten, ein international renommierter Maler und Graphiker. Trotzdem ist das Gesamtwerk des deutsch-schweizerischen Künstlers einer größeren Öffentlichkeit heute nur wenig bekannt.

Der Künstler setzte sich in der Nachkriegszeit intensiv mit der klassischen und zeitgenössischen Moderne in Frankreich sowie den Tuschzeichnungen des Künstlerfreundes Julius Bissier auseinander, schloss sich aber dann, ab Mitte der 1950er Jahre, dem internationalen Informel und dem französischen Tachismus an. Die Teilnahme an der "documenta II" und an der 5. "Biennale von Sao Paulo" 1959 machten ihn in der Schweiz, Deutschland und Frankreich bekannt.

Seit den 1960er Jahren gehen in Achts Welt des bewegten All-over, der erdigen Farbmaterie und organischen Strukturen zunehmend geometrische Formen und immer großzügiger angelegte, leuchtende Farbflächen ein. Mehr und mehr setzt sich eine reduzierte, flächige, konkret-konstruktive Bildsprache durch, die zunächst Nähen zur Malerei des "Hard Edge" aufweist. Zeitlebens hat sich René Acht nicht nur mit westlich europäischer Religion und Philosophie, sondern auch mit fernöstlichen Weisheitslehren auseinandergesetzt, die er synthetisch zu einem Ausgleich zu führen suchte. Die daraus folgende künstlerische Haltung beschrieb Acht mit dem Gegensatzpaar lyrisch-konkret. Im Zentrum der von ihm entwickelten archetypischen Gestaltformen stand bald die dem Quadrat verwandte "Figur: HAUS", die er in eine Welt komplexer, psychogrammartiger Zeichen überführte, um so im Bild die Dreiheit des Menschen aus Körper – Seele – Geist ausloten zu können.

1967/68 folgten die ungewöhnlichen, ganz eigenständigen Scherenschnitte in schwarzen Fotokarton, die, stark kontrastierend, auf weiße Papiere aufgelegt wurden – eine Technik und Gattung, die das späte Oeuvre des Künstlers bestimmte. Übernahm er anfangs noch Motive aus der Ölmalerei, ließ René Acht diesen Ansatz in den 1970er/80er Jahren zugunsten strengerer Schnitte, aber auch seiner Ausgriffe in die dritte Dimension der Plastik wegen, hinter sich. Und »so vereinen diese Werke in sich Dualistisches: Dunkel – Hell, Abendländisches – Fernöstliches, Eines – Vieles, Dingliches – Abstraktes« (Stefanie Faccani-Baumann). Noch einmal entwickelte Acht ein komplexes System verdichteter Zeichen und Faltungen, als deren wichtigste Gestaltform sich die Kubus-Kreuz-Form-Faltung (KKFF) erwies. Sie vermittelt, so René Acht, bipolar zwischen Klarheit und unendlicher Fülle.

Was zu Lebzeiten des Künstlers als radikaler Bruch im Werk wirken musste, steht heute für eine eigene künstlerische Haltung. René Acht suchte in all seinen Zeichen, die er als eine Art Gefäß verstand, die Widersprüche und Weiten menschlichen Seins zu verbinden. Form und Gehalt suchte er in eins zu setzen. Bildsprache und Bilderfindung waren ihm wichtig. Die Ausstellung im Kunstmuseum Singen spannt dazu den Bogen von den frühen Anfängen in den 1950er Jahren bis zu den letzten Scherenschnitten, die Ende der 1990er Jahre entstanden.

René Acht: Lyrisch – Konkret
10. Oktober 2021 bis 9. Jänner 2022

Städtisches Kunstmuseum Singen
Ekkehardstraße 10
D - 78224 Singen

W: http://www.kunstmuseum-singen.de/

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  •  10. Oktober 2021 9. Januar 2022 /
René Acht, o.T., 1995–97, Acryl auf Leinwand, 160 x 120 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © Nachlass René Acht, VG Bild -Kunst, Bonn 2021
René Acht, o.T., 1995–97, Acryl auf Leinwand, 160 x 120 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © Nachlass René Acht, VG Bild -Kunst, Bonn 2021
René Acht, Fabelwesen, 1958, Öl auf Leinwand, 130 x 100 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
René Acht, Fabelwesen, 1958, Öl auf Leinwand, 130 x 100 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
René Acht, Offenes Haus, 1970, Scherenschnitt, 100 x 70 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
René Acht, Offenes Haus, 1970, Scherenschnitt, 100 x 70 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
René Acht, Positivist, 1968, Öl auf Leinwand, 116 x 89,2 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
René Acht, Positivist, 1968, Öl auf Leinwand, 116 x 89,2 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
René Acht, KKFF mit Schatten, 1996, Scherenschnitt, Tusche, 60 x 60 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
René Acht, KKFF mit Schatten, 1996, Scherenschnitt, Tusche, 60 x 60 cm, Kunstmuseum Singen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021