6. Februar 2009 - 2:46 / Ausstellung / Grafik 
3. Juli 2008 8. Februar 2009

Mit der Kabinettausstellung "Total Manoli? - Kein Problem!" erinnert das Jüdische Museum Berlin seit dem 3. Juli 08 an deutsch-jüdische Unternehmer in der Zigarettenindustrie und dokumentiert zugleich den rasanten Aufstieg der Zigarette im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die Rolle von Berlin und Dresden als wichtigste Zentren der deutschen Zigarettenindustrie wird ebenso beleuchtet wie Familien- und Unternehmensgeschichte.

Die Ausstellung veranschaulicht sowohl den Wandel der Vermarktungsstrategien im Ersten Weltkrieg als auch den wirtschaftlichen Konzentrationsprozess in den 1920er Jahren und die "Arisierung" der wenigen noch verbliebenen Firmen im Nationalsozialismus. Die rund 140 Exponate - darunter Werbeplakate und -filme, Zigarettendosen, Aschenbecher sowie historische Fotos - gewähren Einblick in die innovativen Werbestrategien der Branche.

"Total Manoli" - in den 1920er Jahren war das im Berliner Volksmund eine gängige Redewendung. Wer "total Manoli" war, war etwas wirr im Kopf - denn so erging es einem, wenn man der ersten phasengesteuerten und sich drehenden Leuchtreklame Berlins für die Zigarettenmarke "Manoli" mit den Augen folgte. Kurt Tucholsky ließ sich davon 1920 sogar zu dem Gedicht "Total Manoli" inspirieren, das mit den Worten endet: "Ihr seid doch alle, alle, alle etwas durchgedreht." Ein exakter Miniaturnachbau des "Manoli"-Rades nach einer Anleitung aus dem Jahr 1904 und mit 300 Lämpchen wird nun Museumsbesucher in die Kabinettausstellung locken.

"Kein Problem" hatte die Zigarettenindustrie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: Um 1900 begann der Siegeszug der Zigarette und bescherte der Branche einen rasanten Aufschwung. Das Wachstum der Städte und die Beschleunigung der Lebens- und Arbeitsrhythmen förderten die Nachfrage nach billigeren und schnellen Rauchmitteln - für die Zigarre fehlten Zeit und Geld. Mehr als 500 Firmen lieferten Nachschub für den steigenden Bedarf an "blauem Dunst".

Die Hauptstandorte der deutschen Zigarettenindustrie waren Dresden und Berlin. In Berlin hatte sich bereits im 19. Jahrhundert die für ihre Qualität gerühmte Zigarrenfirma "Loeser & Wolff" etabliert, die mit Walter Kempowskis Roman "Tadelloeser & Wolff" in die deutsche Literaturgeschichte einging. Ab 1900 folgten zahlreiche Zigarettenfirmen, die zu einem großen Teil von zumeist aus Osteuropa eingewanderten jüdischen Unternehmern gegründet wurden, wie etwa "Garbaty", "Manoli" und "Massary". Zu ihnen gehörten auch die Firmen der Familie Rochmann, die um 1870 aus Warschau in die deutsche Hauptstadt zog. Was als Heimarbeit im Familienkreis begann, führte zur Gründung zweier Firmen - "Phänomen" und "Problem" - in Berlin und eines Tabakgeschäfts in London.

Kaum eine andere Branche nutzte die Mittel der Reklame so intensiv wie die Zigarettenindustrie. Namhafte Künstler wie Lucian Bernhard, Julius Gipkens oder Leonhard Fries steuerten ihre Ideen bei. Vom Blechplakat bis zum Sammelbildchen, von der künstlerisch gestalteten Dose bis zum Werbefilm wurden alle Mittel genutzt, um das Publikum auf Markennamen einzuschwören.

Als neue Zielgruppe nahm man die moderne Frau ins Visier - mit eigens entwickelten leichteren Tabakmischungen und speziellen Marken. Die Firma "Massary" setzte zudem die Sängerin und Schauspielerin Fritzi Massary als Werbefigur ein, die emanzipierte Städterinnen zum Rauchen animieren sollte. Um die Gesundheit der Raucher und Passivraucher machte man sich noch keine Sorgen, sondern warb arglos mit dem Slogan "Köstlich bis zum letzten Zuge". Im Ersten Weltkrieg löste patriotisches Feldgrau manch bunte Reklame ab. Die Markennamen wurden eingedeutscht, so dass aus der Marke "Duke of Edinbourgh" auf einmal die "Flaggengala" wurde.

Das Schicksal dieser Zigarettenfirmen und der jüdischen Unternehmerfamilien ist exemplarisch für die deutsch-jüdische Geschichte: Sie erlebten den Aufschwung, die Blütezeit und den Konzentrationsprozess in den Jahren der Weltwirtschaftskrise mit. An deren Ende blieben nur noch wenige Firmen übrig, die in der NS-Zeit enteignet wurden. Die Familie Rochmann etwa verkaufte ihre Firma "Problem" bereits in der Weimarer Republik, im Zuge des wirtschaftlichen Konzentrationsprozesses. Ihre zweite Firma, "Phänomen", fiel 1937 der "Arisierung" zum Opfer. Die Familienmitglieder, die nicht rechtzeitig emigrieren konnten, wurden 1942 und 1943 deportiert.


Total Manoli? - Kein Problem!
3. Juli 08 bis 8. Februar 09

Jüdisches Museum Berlin
Lindenstraße 9-14
D - 10969 Berlin

T: 0049 (0)30 25993-300
F: 0049 (0)30 25993-409
E: info@jmberlin.de
W: http://www.juedisches-museum-berlin.de/

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Werbebild der Firma Manoli für die Zigarettenmarke 'Gibson Girl', Berlin ca. 1900-1914. © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
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Lucian Bernhard (1883-1972), Plakat für Zigaretten der Firma Manoli, Berlin 1911. © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
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Leonhard Fries, Werbeplakat der Zigarettenfirma Massary für die Marke 'Massary Perle', 1926. © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
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Entwurf für ein Werbeplakat der Zigarettenfabrik Problem, zwischen 1912-1929. © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
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Werbespielzeug der Zigarettenfabrik Problem für die Marke 'Moslem', Berlin ca. 1912-1925. © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe