Die Landesgalerie Niederösterreich präsentiert eine umfassende Einzelausstellung der Künstlerin Regula Dettwiler. Die in der Schweiz geborene Künstlerin, die seit rund 30 Jahren in Österreich lebt, setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis mit floralen Motiven und botanischen Phänomenen an der Schnittstelle zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit auseinander. Die Ausstellung ist eine Annäherung an das, was uns Menschen mit Blumen zutiefst verbindet. Erinnerungen, Emotionen – und der Wunsch, das Flüchtige festzuhalten.
Florale Motive begleiten uns im Alltag, sprechen unsere Sinne an und sind Träger persönlicher Erinnerungen. Sie stehen für Freude und Trauer, Liebe und Verlust. Ob als Geschenk, als letzter Gruß oder als stumme Zeugen eines Moments. Mit ihrer Arbeit eröffnet Regula Dettwiler einen poetischen Dialog über Vergänglichkeit und den menschlichen Versuch, Natur zu konservieren.
Der erste Teil der Ausstellung versammelt getrocknete und gepresste Blüten und Gewächse, die von Menschen aus Krems und Umgebung zur Verfügung gestellt wurden. Diese Pflanzen symbolisieren jeweils eine Emotion, ein Gefühl oder ein besonderes Ereignis, das die Besitzer:innen mit der Pflanze verbinden. Dettwiler erstellt daraus ein Herbarium in der Tradition naturkundlicher Pflanzendarstellungen, indem sie die gepressten und getrockneten Pflanzen auf Papierbögen montiert. Die wissenschaftliche Klassifikation ersetzt sie durch eine poetisch-erzählerische Kategorisierung. Anstelle botanischer Systematik treffen wir nun auf narrative Kategorien, die nach den sieben menschlichen Basisemotionen geordnet sind: Glück, Freude, Trauer, Überraschung, Ekel, Angst oder Wut.
Das „Herbarium der Gefühle“ versammelt über 110 Herbarbelege, die auf Pulten im Raum und an den Wänden präsentiert werden. Einige der Einreichungen stammen von Schulkindern aus dem Bezirk Krems. Die Belege erzählen berührende und lustige Anekdoten. So etwa, wie aus einem Christbaum eine Yuccapalme wurde, wie Wiesenblumen an das Fußballspielen im eigenen Garten erinnern oder wie die Chilipflanze an eine zerbrochene Beziehung. Auch zu Gedichten regte die Natur an.
Der zweite Teil der Ausstellung ist eine künstlerische Intervention mit gebrauchten Plastikblumen, die einst als Friedhofsschmuck dienten. Kunstblumen sind Symbole der Dauerhaftigkeit. Auf Gräbern sollen sie das Gedenken an die Toten bewahren. Doch irgendwann werden auch sie dem Abfall überlassen. Für das Projekt wurden mit Unterstützung von Friedhofsverwaltungen, beispielsweise in Krems, Mautern oder Rossatz, mehr als 15.000 gebrauchte Plastikblumen gesammelt. Aneinandergereiht erstreckt sich das Material auf eine Länge von über 3,5 Kilometern. Regula Dettwiler hat diese artifiziellen Blüten in ein raumgreifendes Stillleben verwandelt. Zu unterschiedlich dicken Bündeln zusammengefasst, hängen sie von der Decke und entfalten die opulente Blütenpracht eines imaginären Gartens. Dennoch bleiben sie ein Trugbild und ein Echo der Natur.
Dettwiler spielt mit dem Unterschied zwischen echten und aus Plastik hergestellten Blumen sowie ihrem Symbolgehalt. Echte Blumen repräsentieren als Produkte der Natur das Leben, die Vergänglichkeit und die Schönheit in ihrer reinsten Form. Ihre Schönheit ist jedoch flüchtig: Sie blühen und verwelken und machen uns unsere eigene Sterblichkeit bewusst. Künstliche Blumen hingegen sind Produkte menschlicher Kreativität. Sie repräsentieren den Wunsch, die Schönheit festzuhalten und die Vergänglichkeit zu überwinden. Sie sind somit Symbole der Beständigkeit und der Kontrolle, die wir über die Natur ausüben möchten.
Mit natürlichen und künstlichen Pflanzenmaterialien vereint die Ausstellung zwei Archive der Erinnerung. „Unvergesslich” ist ein großer Gefühlsspeicher privater Gemütsbewegungen, die im Museum für eine begrenzte Zeit öffentlich werden. Mit feinem Gespür für Materialität und Symbolik macht Regula Dettwiler deutlich, wie tief florale Formen in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben sind. Ihre Arbeiten werfen auch einen kritischen Blick auf den Umgang mit Ressourcen und die zunehmende Kommerzialisierung der Natur.
Regula Dettwiler, 1966 in Oberkulm im Kanton Aargau (Schweiz) geboren, begann ihre künstlerische Ausbildung an der Hochschule Luzern. Von 1991 bis 1996 vertiefte sie ihr Studium der Bildhauerei bei Bruno Gironcoli an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre künstlerische Laufbahn wurde durch zahlreiche Auslandsaufenthalte und Stipendien geprägt, die sie unter anderem nach Chicago, Paris, Montreal und Japan führten. Heute lebt und arbeitet sie in Wien sowie in Kleinriedenthal (Niederösterreich). Sie ist in den Bereichen Zeichnung, Installation, Skulptur und Kunst im öffentlichen Raum tätig. In ihren Werken beschäftigt sie sich häufig mit der Aneignung und Vereinnahmung der Natur durch den Menschen.
Regula Dettwiler
Unvergesslich
Bis zum 1. März 2026