Reba Maybury: „Wie dominiert man Gustav Klimt?”

„Wie dominiert man Gustav Klimt?” Das war eine der ersten Fragen, die sich Reba Maybury bei der Vorbereitung ihrer Ausstellung „I Come in Peace” stellte. Maybury ist Künstlerin, Autorin und politische Domina. In ihrer transdisziplinären Praxis hinterfragt sie die Schnittstellen von Feminismus, Sexualität, Arbeit und Macht. Ihre Ausstellung erstreckt sich über vier Schauplätze: die Fassade des Gebäudes, das Foyer, das Grafische Kabinett im Obergeschoss und den Raum des Beethovenfrieses. Die Künstlerin entwarf ein Projekt, das auf den Ort eingeht – nicht nur mittels architektonischer Eingriffe, sondern auch in seiner Auseinandersetzung mit der Geschichte der Institution.

Besucher:innen, die sich heute dem ikonischen Secessionsgebäude nähern, begegnen zwölf auf der Fassade angebrachten Benutzernamen. Diese sammelte die Künstlerin auf Online-Plattformen, auf denen Männer öffentlich ihre Erlebnisse mit Sexarbeitenden in Wien rezensieren. Die Inschriften sind in derselben goldenen Jugendstil-Schriftart gehalten, die bereits das Gebäude ziert, und fügen sich somit formal in die Architektursprache der Secession ein, während sie diese zugleich subtil irritieren. Ihre Anzahl ist ein bewusster Verweis auf die zwölf Gründungsväter der Institution. Indem Maybury diese digitalen Spuren zeitgenössischer, transaktionaler Intimität in die monumentale Oberfläche der Fassade einfügt, hebt sie die Unterscheidungen zwischen öffentlichem Gedenken, lokalen, privaten Begierden und den ihnen zugrunde liegenden Machtstrukturen auf.

Der Jugendstil mit seiner ausgeprägten erotischen Aufladung war historisch eng mit der Verdinglichung weiblicher Körper verbunden. Diese wurden oft eher als bloße dekorative Oberflächen denn als mit eigener Handlungsmacht ausgestattet mobilisiert. Diese ästhetische Logik ist untrennbar mit den institutionellen Bedingungen verbunden, unter denen sie entstand. Die Secession wurde von einer Gruppe von Künstlern – ausschließlich Männern – gegründet, deren vielgerühmte Visionen des modernen Lebens auf geschlechtsspezifischen Hierarchien von Sichtbarkeit und Urheberschaft beruhten. Obwohl Künstler*innen gelegentlich an frühen Ausstellungen teilnahmen, waren sie bis 1949 von der förmlichen Mitgliedschaft ausgeschlossen. Diese institutionellen Asymmetrien bilden einen entscheidenden Hintergrund für Mayburys Intervention und verorten ihre Kritik in traditionellen Machtstrukturen, die die Produktion, Ausstellung und Bewertung von Kunst nachhaltig geprägt haben und prägen.

In ihrer Tätigkeit unter dem Pseudonym „Mistress Rebecca” bricht Maybury mit patriarchalen Strukturen und kapitalistischen Begierden, indem sie beispielsweise die konventionelle Dynamik von Dominanz und Unterwerfung untergräbt. Von radikalem feministischem Denken inspiriert, thematisiert sie die Kommerzialisierung weiblicher Identität und untersucht, wie erotische Arbeit als Ort politischen Widerstands neu gefasst werden kann.

Wenn Maybury die Rolle der Domina einnimmt, fordert sie ihre Subs häufig dazu auf, ihre Mitschuld an struktureller Unterdrückung zu erkennen, indem sie sie anonyme Kunstwerke schaffen lässt. Im Foyer installierte die Künstlerin eine Glasdecke und wies einen ihrer Subs an, auf ein Gerüst zu klettern und die Oberfläche zu küssen. Die Glasdecke steht dabei metaphorisch für die strukturellen Hindernisse, die allen, die außerhalb der männlichen, heterosexuellen, weißen Hierarchie stehen, den Zugang zu Macht erschweren. Mit pointiertem Humor und bewusster Provokation bezieht sich das Werk auch auf Klimts „Der Kuss” und stellt dabei Fragen der Sichtbarkeit in den Vordergrund. Die durch die Bühnenbeleuchtung hervorgehobenen Lippenstiftflecken, die oft von Frauen und queeren Menschen hinterlassen werden, bleiben sichtbar. Maybury dramatisiert die Küsse von Männern, die in der Regel keine Spuren hinterlassen, zu unserer Unterhaltung.

Im Grafischen Kabinett liegen Kleidungsstücke in zwölf Haufen auf dem Boden verteilt. Im Laufe der Jahre haben verschiedene Subs Maybury im Zuge ihres sexualgewerblichen Vertrags ihre gesamte Bekleidung überlassen. Für die Arbeit Used Men (2021–2026) befahl Maybury einem ihrer Subs, die Galerie zu betreten, sich vollständig zu entkleiden und die Kleidungsstücke der anderen Subs anzuziehen. Anschließend wies sie ihn an, die Kleidungsstücke anderer Subs anzuziehen, einen Satz nach dem anderen, und sich wieder auszuziehen, sodass jeweils ein weiterer Kleiderhaufen auf dem Boden liegen blieb. Darüber hinaus weht eine Auswahl der beliebtesten Herrendüfte durch den ganzen Raum.

Bis heute zieht die Secession Besucher:innen aus aller Welt an, die Klimts Beethovenfries sehen wollen, der weithin als eines seiner Hauptwerke gilt. Für diese Ausstellung ließ Maybury eine Reihe ihrer Subs den Fries mit Malen-nach-Zahlen-Sets nachschaffen. Die entstandenen Bilder werden in einem Architekturmodell des Raumes im Maßstab 1:10 präsentiert. Indem sie das kanonische Kunstwerk von Klimt, dessen Modelle oft Sexarbeiterinnen waren, in einen arbeitsteiligen Prozess übersetzt, in dem spezielle künstlerische Fertigkeiten keine Rolle mehr spielen, erkundet die Arbeit Fragen von Urheberschaft, Genie und historischer Autorität. Über diese Geste schreibt die Künstlerin:

„Klimt ist schließlich ein prototypisches männliches Genie und offenbar genau so, wie ein Künstler sein sollte. Ich denke an Klimt und seine Freunde, die Gründer der Secession, ihre über die Maßen gefeierten Darstellungen von weiblicher Schönheit, heterosexueller Liebe und sogar Schwangerschaft und ihre absolute Distanz von diesen Dingen, während sie dafür verehrt werden, dass sie sich irgendwie diese Lebensbereiche zu eigen gemacht haben. Ich glaube, dass sie immer noch dafür verantwortlich sind, veraltete Vorstellungen von Liebe am Leben zu erhalten, und das kann gefährlich sein.“

Reba Maybury ist Künstlerin, Autorin und Domina und arbeitet manchmal unter dem Namen Mistress Rebecca. In ihren Arbeiten erkundet sie die Spannungen zwischen ihrer wahrgenommenen Stärke als Objekt der Fantasie und ihrem Versuch, diese Macht in der Wirklichkeit der Sexarbeit in etwas Greifbares zu verwandeln. Ein Großteil ihrer künstlerischen Praxis wird physisch von ihren Subs nach ihren Anweisungen umgesetzt, um die komplexe Lastenungleichverteilung in den Bereichen Sexarbeit, Geschlecht und unhinterfragten Ansprüchen zu verdeutlichen. Dies soll ihr Macht verschaffen, die über die Wünsche der Männer hinausgeht, sodass diese sie mehr als nur monetär vergüten. Ihre erste Novelle trägt den Titel "Dining with Humpty Dumpty" (2017), zuletzt erschienen sind "Faster Than an Erection" (2021 und 2024), "From Paris with Love" (2024) und "Pervert or Detective?" (mit Lucy McKenzie, 2025). Im Zentrum ihrer Praxis stehen die Themen Kapital, Arbeit, Sexualität, weibliche Perversion, Begehren, Banalität, Vergnügen und Bürokratie als Folter und Erniedrigung.

Reba Maybury
I Come in Peace
bis 31.5.2026
Grafisches Kabinett, Foyer, Fassade, Beethovenfries
Kuratiert von Haris Giannouras