22. Dezember 2011 - 3:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Oft wurde die Geschichte des Banditen Jesse James seit der Stummfilmzeit verfilmt. Nicholas Ray rollt das Leben vom Ende her in Rückblenden auf, zeichnet den Bank- und Zugräuber nicht als Robin Hood, sondern als einen, der durch historisch-gesellschaftliche Umstände ins Verbrechen getrieben wurde. In der zwölfteiligen Western-Reihe der SüddeutscheZeitung Cinemathek ist Rays 1957 gedrehter Klassiker auf DVD erschienen.

Alles ist praktisch schon vorüber, wenn der Film beginnt. Unvermittelt setzt "The True Story of Jesse James" mit dem Überfall auf die Bank von Northfield, Minnesota im Jahre 1878 ein. Im Debakel endet diese Aktion, ein Teil der Gang wird niedergeschossen, die restlichen werden gejagt. Jesse (Robert Wagner) und Frank James (Jeffrey Hunter) können sich noch in die Berge retten, doch die Verfolger sind ihnen auf den Fersen.

In der Stadt plant man schon einen Nachruf zu bringen, mehrere Varianten liegen schon längere Zeit bereit. Nicht wirklich greifbar scheint dieser Bandit letztlich, völlig divergierende Geschichten scheint es über ihn zu geben, die Grenzen zwischen Realität und Mythos scheinen zu verschwimmen.

So erzählt Nicholas Ray auch nicht aus einer Perspektive, sondern lässt – ähnlich wie Orson Welles in "Citizen Kane" – unterschiedliche Personen sich an Jesse James erinnern. Wie er in der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs zum Banditen wurde erzählt seine Mutter, gegenüber einem Reverend verteidigt Jesses Gattin seine Taten. Beide schildern ihn als "guten Jungen", der durch die Gewalt, die ihm und seiner Familie angetan wurde, ins Verbrechen getrieben wurde. Kritisch sieht ihn vor allem sein Bruder Frank, der in seiner Erzählung die Überfälle auf Züge und vor allem den Banküberfall im über 400 Meilen entfernten Northfield kritisiert.

Mit Franks Erzählung kehrt der Film zum Anfang zurück. Nun wird der Überfall in einen Kontext gestellt, wird ausführlich das Scheitern geschildert. Noch einmal können aber die Brüder entkommen. Bruchlos schließt sich an den Überfall der Beschluss Jesses an mit seiner Familie ein neues Leben zu beginnen, doch dazu kommt es nicht mehr.

Dass vier Jahre zwischen dem Banküberfall in Northfield und der Ermordung von Jesses James am 3. April 1882 liegen, verschweigt Nicholas Ray ebenso wie er viele Überfälle ausspart. Wie er die Erzählperspektive aufsplittet, so bleibt er auch bruchstückhaft in der Schilderung der Ereignisse. Einerseits kommt darin die Zerrissenheit von Jesse James zum Ausdruck, andererseits auch das letztlich Nicht-Fassbare dieser Person.

Immer wieder sieht man im Film Zeitungsschlagzeilen und –berichte. Aber was ist Realität und was Fiktion? Auch das Bild vom "American Robin Hood" – sogar Präsident Theodore Roosevelt bezeichnete Jesse James so -, vom – wie der deutsche Titel vorgibt - "Rächer der Enterbten", das mehrmals im Film bemüht wird, stellt Ray in Frage.

Zwar zahlt der Bandit aus dem Beutegut für eine Frau die Hypothek für ihre Farm, doch nimmt er das Geld gleich darauf wieder dem Gläubiger ab. Die Not und die Rebellion gegen Ungerechtigkeit, die aus Jesse James einen Banditen machten, rückt auch zunehmend in den Hintergrund, bald ist es – im Gegensatz zu seinem Bruder Frank – die Lust an Überfällen und am Töten, die ihn zu immer neuen Verbrechen treibt.

Ein zwiespältiges und widersprüchliches Bild des legendären Verbrechers zeichnet Ray so und zeigt auch, wie er mit seinem Tod sofort zum Mythos wird: Sein Leben und Sterben wird von einem Sänger besungen, Schaulustige klauen im Haus des Ermordeten Souvenirs.

Reflexion über den Western und seine mythischen "Helden" ist "The True Story of Jesse James" damit, gleichzeitig ein typischer Nicholas-Ray-Film. Wie in seinem Debüt "They Live by Night" oder seinem Kultfilm "Rebel Without a Cause" steht auch hier ein zerrissener junger Mann im Mittelpunkt, der sich wie alle Ray-Figuren letztlich nur nach Heimat und einem ruhigen Familienleben sehnt. "Home Sweet Home" steht in der Schlussszene auf einem Schild im Hause der James-Familie, doch gerade neben diesem Schild wird er von Bob Ford von hinten erschossen.

Mit Blick auf dieses Bild seines Protagonisten setzt sich freilich auch Ray über historisch verbürgte Fakten hinweg. Denn als Jesse James im Alter von 34 Jahren ermordet wurde, plante er nicht sich zur Ruhe zu setzen, sondern bereitete gerade einen weiteren Raubüberfall vor. – "The True Story" bleibt eine Fiktion, nur sein Bild von Jesse James kann Ray zeigen, darin ist dieser Film aber wiederum ein klassischer Autorenfilm.

Extras bietet die Ausgabe der SüddeutscheZeitung Cinemathek abgesehen von einem hervorragenden Klappentext des Filmjournalisten Hans Schifferle wie gewohnt keine. Neben der originalen amerikanischen Sprachfassung verfügt die DVD auch über eine deutsche Synchronfassung, Untertitel gibt es allerdings keine.



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