1. September 2019 - 5:31 / Film / Retrospektive 
5. August 2019 13. Oktober 2019

No Future reloaded! Das Metro Kinokulturhaus präsentiert mit Punk Cinema die räudige Geschichte der letzten nicht-digitalen Subkultur (Zitat William Gibson), die immer schon mehr war als Irokesenfrisur und Komasaufen. 29 Filmprogramme – von Kunstwerk über Rockdoku bis zum Grindhouse-Streifen – spüren diesem verweigerungsfrohen Zeitgeist nach, der den Mainstream wie kein anderer formte, ohne Zähne und Widerstandsgeist zu verlieren. 50 Jahre sind vergangen, seitdem der »Sommer der Liebe« mit Altamont und Charles Manson endete und Punk mit MC5 und Iggy Pop & The Stooges begann. Armageddon-Glamour trifft Arbeiterkino. Sex’n’Drugs knallen auf Pop Politics. Gewalttätig. Aufständisch. Wild. Und schön.

»We’re all prostitutes!« »Rise above!« »Ich sprenge alle Ketten!« Die Ästhetik des Punk kennt jeder: Parolen, Party, Widerstand. Lärm, Schocks und Subversion. Das Leben ist billig. Violence is funny. Kunst kann jeder. Hauptsache Bürgerschreck und auf laut. Heute annektiert man den Begriff gern und falsch für Börsenhaie, Schlagersterne im Combat-Look und USPräsidenten. Als Synonym für das große Scheiß-mir-nix.

Die Welt des Punk aber kennt viele, ganz andere Mütter, Aussagen und Schattierungen: 1969, also vor rund 50 Jahren, endete der »Sommer der Liebe«, der friedliebende Blumenkindertraum der Generation Baby Boomer. Dann kamen der Tote vom Rolling-Stones-Konzert in Altamont, die CharlesManson-Morde, das Kent-State-Massaker. Dazu die blutigen TV-Bilder aus Vietnam, die atomare Gefahr, Studentenaufstände, Umweltverschmutzung, Wirtschaftskrise und Terror. Sie alle brachten den Krieg, oder zumindest die Ahnung davon, wieder zurück in die Städte.

Die Jugend träumte fortan von Nihilismus, Aktivismus und schnellen Räuschen statt von Schmetterlingen und LSD. Die Debüt-Rockalben von MC5 und Iggy Pop & The Stooges erschienen und wurden zu ersten Bibelwerken des Punkrock, lange bevor Lenny Kaye, Gitarrist der Patti Smith Group, 1972 den Begriff für einen Musikstil formulierte. Und lange bevor mit dem Charterfolg der Sex Pistols 1976 von England aus der Triumphzug des Punk einsetzte.

Drei Akkorde. Ungekünstelt. Laut. Provokant. Genial dilletantisch. Egal ob Ramones, Dead Kennedys, Exploited oder Die Toten Hosen: die feuchtfröhlichen Kampflieder zum Untergang konterkarierten den grauen Bürgermief genauso wie das bunte, karrierebesessene Leben der aufkommenden Generation Yuppie. Ähnlich war das Kinogeschehen, das die Subkultur begleitete. Man himmelte alles an, was die Zivilisation in Schatten, Schutt und Asche sah: 50s-Monsterfilme. Film noir.

Rockermovies. Man fand Camp, Grindhouse, Schmutz, Schund und Porno genauso schmuck wie Brecht’sches Polittheater, Wiener Aktionismus, semidokumentarisches Arbeiterkino, Pop-Art und die kritische Medientheorie eines Marshall McLuhan. A Clockwork Orange, If, Taxi Driver, Videodrome und Female Trouble wurden zur Hauptinspiration. Das Punkkino selbst blieb bewusst ungelenk, aus der Hüfte geschossen, spontan und proletarisch. Von der bunt pöbelnden Politsatire, der Brutal-Avantgarde des »Cinema of Transgression«, Musikdokus, die auf Sozialreportage treffen, ausziselierten Meisterwerken des New-Wave-Arthouse bis zu Kommerz und Genrefilmen, die mit Punk als Zeitgeistfahne hantieren: alles ist möglich! Hauptsache, es bleibt rebellisch. Damals identifizierte man sich mit Abfall, Pöbel und Gesocks, um sich der Scheinheiligkeit und Korruption der Saubermannwelt von Thatcher, Reagan und Nixon zu verweigern. 2019 wiederholen und intensivieren sich diese Krisen in neuem Gewand. Aus Saigon wird Syrien. Aus Watergate Ibiza. Eine blendende Zeit, diesem Punk Cinema eine ausführliche Visite abzustatten.

Filmliste (Auswahl)
Retrospektive PUNK CINEMA

The great Rock’n’Roll Swindle (Julian Temple, GB 1980)
The Decline Of Western Civilization (Penelope Spheeris, US 1981)
Smithereens (Susan Seidelman, US 1982)
Liquid Sky (Slava Tsukerman, US 1983)
Atemnot (Käthe Kratz, A 1984)
Decoder (Muscha, BRD 1984)
Repo Man (Alex Cox, US 1984)
Wiener Brut (Hans Fädler, A 1985)
Sid And Nancy (Alex Cox, US 1986)
Persepolis (Vincent Paronnaud/Marjane Satrapi, F/US 2007)
Premiere: Es ist zum Scheissn (Thomas Reitmayer, A 2019)

Eröffnung
Freitag 5.9., 19:30: Filmvorführung Sid And Nancy
anschließend Bühnengespräch mit Regisseur Alex Cox

Punk Cinema. Die rebellische Leinwand
5. September bis 13. Oktober 2019
Kuratoren: Paul Poet, Neil Young

Metrokino Wien
Johannesgasse 4
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 512 18 03
F: 0043 (0)1 512 18 03-15
E: metrokino@filmarchiv.at
W: http://www.filmarchiv.at/

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  •  5. August 2019 13. Oktober 2019 /
Atemnot (Käthe Kratz, A 1984)
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Decoder (Muscha, BRD 1984)
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Es ist zum Scheissn (Thomas Reitmayer, A 2019)
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Liquid Sky (Slava Tsukerman, US 1983)
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Persepolis (Vincent Paronnaud/Marjane Satrapi, F/US 2007)
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Repo Man (Alex Cox, US 1984)
Repo Man (Alex Cox, US 1984)
Sid And Nancy (Alex Cox, US 1986)
Sid And Nancy (Alex Cox, US 1986)
Smithereens (Susan Seidelman, US 1982)
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The Decline Of Western Civilization (Penelope Spheeris, US 1981)
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The great Rock’n’Roll Swindle (Julian Temple, GB 1980)
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Wiener Brut (Hans Fädler, A 1985)
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