15. Oktober 2013 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Wie reagiert man als Eltern auf die Entführung seines Kindes? Der Protagonist von Denis Villeneuves düsterem Thrillerdrama nimmt die Sache selbst in die Hand, als die Polizei einen Verdächtigen wieder freilässt. Aber wie lebt man damit, wenn sich der Verdächtige womöglich als unschuldig erweist. - Getragen von einem großartigen Ensemble bietet "Prisoners" nicht nur 150 Minuten Hochspannung, sondern diskutiert auch intensiv moralische Fragen.

Im leicht verschneiten Wald in der Nähe einer Kleinstadt in Pennsylvania ist Keller Dover (Hugh Jackman) mit seinem Sohn auf der Jagd, zeigt ihm, wie man ein Reh erlegt, während er dazu ein "Vater unser" betet. Auch ein Kreuz in seinem Wagen und um seinen Hals verweisen auf seinen Glauben, gleichzeitig hat er aber auch schon ein geradezu paranoides Sicherheitsbedürfnis: "Sei auf jeden Ernstfall vorbereitet", lehrt er seinen Sohn auf der Heimfahrt, die in eine uniforme amerikanische Vorstadtsiedlung führt.

Randvoll mit Vorräten sind die Regale von Dovers Keller, auch eine Gasmaske fehlt nicht. Doch dann bricht an Thanksgiving auf die Familie etwas herein, worauf niemand vorbereitet sein kann. Ein gemütlicher Abend mit einem befreundeten Paar hätte es werden sollen, doch plötzlich ist die sechsjährige Tochter der Dovers und die gleichaltrige Tochter des anderen Paares verschwunden. Eine Suchaktion in der Nachbarschaft bleibt erfolglos, der Verdacht einer Entführung erhärtet sich und die Polizei wird eingeschaltet.

Mit dem geistig zurückgebliebenen Alex (Paul Dano), der sein heruntergekommenes Wohnmobil in der Gegend geparkt hat, wird rasch ein Verdächtiger verhaftet, doch Detective Loki (Jake Gyllenhaal) muss ihn wegen Mangels an Beweisen bald wieder freilassen. Keller Dover will sich damit aber nicht abfinden, nimmt selbst Alex gefangen, bringt ihn in das leerstehende und sanierungsbedürftige Haus, das er von seinem Vater geerbt hat, und versucht mit zunehmend härterer Folter von ihm zu erfahren, wo die beiden Mädchen sind.

Die Methoden Dovers können dabei durchaus auch über die private Geschichte hinaus Assoziationen an das Vorgehen der USA gegen Terrorverdächtige nach 9/11 wecken. Fragen von Recht und Gerechtigkeit, von Grenzen des moralischen Handelns werden hier aufgeworfen, aber sichtbar wird auch, wie leicht die dünne Schicht der Zivilisiertheit zerbricht und ein biederer Bürger zu verbrecherischer Selbstjustiz greift.

Auch den Vater des zweiten Mädchens weiht Dover in seine Aktion ein. Beteiligt sich dieser zunächst an diesem Verhör, zieht er sich davon zurück, als Dover brutaler vorgeht. Doch er schaut nur weg, die Zivilcourage den verzweifelten Vater zurückzuhalten oder anzuzeigen bringt er nicht auf.

Gefangen sind hier eben nicht nur die beiden Mädchen auf der einen Seite und Alex auf der anderen Seite, sondern auf unterschiedliche Arten auch Dover und der Polizist Loki. Ist der Vater ein Getriebener seiner Verzweiflung, schränken den Handlungsspielraum Lokis einerseits die Regeln im Polizeibetrieb, andererseits aber auch seine Neigung zu cholerischen Anfällen ein. Und immer ist es auch die Vergangenheit, sind es schwere Schicksalsschläge, die die Menschen aus der Bahn werfen, sie zu gewissen Handlungen treiben.

Ein Klima der Beklemmung und Hoffnungslosigkeit evoziert Villeneuve auch durch die atmosphärisch dichte Einbettung in die winterlich kalte Kleinstadt. Stets grau ist der Himmel, karg die Vegetation und immer wieder regnet oder schneit es. Weitgehend auf fahle Braun- und Grautöne reduziert sind die Bilder von Kameramann Roger Deakins.

In äußerst konzentrierter Inszenierung stellt Villeneuve vor diesem kleinstädtischen Hintergrund nicht nur dem zur Tat schreitenden Vater den akribisch ermittelnden und keine vorschnellen Schlüsse ziehenden Loki gegenüber, sondern verwischt im überraschenden Finale auch die Grenzen von Täter und Opfer. Rot leuchtet hier nur eine Signalpfeife, doch unklar bleibt über das Filmende hinaus, ob man den Pfeifenden auch hört.

Geradliniger als Villeneuves zwischen Zeitebenen und Erzählsträngen pendelnder "Incendies - Die Frau, die singt" ist dieser meisterhafte Mix aus Thriller und Charakterdrama inszeniert. Langsam entwickelt der Franko-Kanadier in seiner ersten Hollywood-Produktion zunächst die Handlung, steigert erst im Finale das Tempo. Hochspannung ist dennoch trotz der epischen Länge von 150 Minuten durchgängig garantiert, denn perfekt greift bei Aaron Guzikowkis Drehbuch ein Rädchen ins andere. Kein Detail ist überflüssig, sondern die Handlung wird mit einer Konsequenz und einem Ernst entwickelt, die "Prisoners" große Dichte und Wucht verleihen.

Das liegt freilich auch an der differenzierten Figurenzeichnung und dem bis in die Nebenrollen exzellenten Ensemble. Hier gibt es keine Schwarzweißmalerei, keine Guten und Bösen, sondern ambivalent und zerrissen und gerade deshalb interessant sind diese Charaktere: Hugh Jackman spielt körperbetont und expressiv den Vater, Jake Gyllenhaal legt Detective Loki dagegen als introvertierten Einzelgänger an, der aber auch mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen hat, die sich schon physisch im nervösen Zucken seiner Augen äußern. Irritationen versteht auch Paul Dano als Alex immer wieder auszulösen, am stärksten identifizieren kann man sich vielleicht mit Viola Davis und Terrence Howard, die die Eltern des zweiten entführten Mädchens spielen und den "Rächer" gewähren lassen. Fast alles klärt sich am Ende auf, doch eine Frage muss jeder für sich selbst beantworten: "Wie würde ich in so einem Fall reagieren?"

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu "Prisoners"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



Ähnliche Beiträge


Incendies - Die Frau, die singt 14. Februar 2012 - 4:30

25335-25335prisonersplakat.jpg