7. März 2020 - 9:15 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
7. März 2020 11. Oktober 2020

Die erste von zwei Ausstellungen, die sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur befassen. Die künstlerischen Positionen beider Ausstellungen untersuchen die Beziehung von Mensch und Natur und entwerfen potentielle Zukunftsszenarien des Lebens auf der Erde.

Die im ersten Teil gezeigten Werke beleuchten Formen der Aneignung von Umwelt zur Gewinnung von Macht und Ressourcen. Sie zeigen die Folgen für die Natur und für soziale Zusammenhänge. Auch hinterfragen sie naturkundliche Wissenskonzepte, die im Zuge der machtvollen Aneignung von Umwelt entwickelt werden.

Ein wiederkehrendes Thema in der Ausstellung ist die industrielle Bearbeitung der Umwelt sowie die Gewinnung von Ressourcen. Ursula Biemann befasst sich in diesem Kontext mit globalen Zusammenhängen des Klimawandels. Ihr Video "Deep Weather" (2013) vereint Aufnahmen von Teersandlandschaften in Kanada, aus denen Öl gewonnen wird, und Filmmaterial, das BewohnerInnen Bangladeschs beim Bau eines Walls gegen die Überflutung des Landes dokumentiert. Die Künstlerin zeigt Hintergründe und Effekte des Klimawandels; ihre künstlerischen Betrachtungen verdeutlichen planetarische ökologische Verbindungen und stossen eine Bewusstmachung der politischen Verantwortlichkeit an.

Monira Al Qadiri beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Ölindustrie auf die Kultur verschiedener Regionen; sie visualisiert mittels ihrer skulpturalen Abstraktionen von Ölbohrköpfen die Ablösung der Perlenwirtschaft durch die Ölförderung am Persischen Golf. Das Projekt "Be Dammed" (seit 2012) der Künstlerin Carolina Caycedo befasst sich mit den verheerenden Auswirkungen von hydroelektrischen Staudämmen in Flüssen sowie der Privatisierung von Wasser auf soziale und ökologische Zusammenhänge. Die Künstlerin nimmt den Lebensraum um Flüsse in Latein und Nordamerika sowie politischen und performativen Aktivismus für dessen Erhaltung in den Fokus. Reena Saini Kallats malerische und skulpturale Fiktionen visualisieren schliesslich eine Landschaft, in der die Natur als symbolisches Vorbild einer Welt gilt, in der Ländergrenzen und staatliche Konflikte um Ressourcen überwunden werden.

Die Werke der Ausstellung fragen vor dem Hintergrund der machtvollen Aneignung von Natur, wie Wissen über Natur erlangt und vermittelt werden kann, wenn sich der Mensch in einer Vormachtstellung glaubt. In seiner Installation "The Library for the Birds of Zürich" (2016/20) versammelt Mark Dion diverse vogelkundliche Bücher in einem grossflächigen Käfig. Da es sich um eine Bibliothek für Vögel handelt, flattern tatsächlich Zebrafinken und Kanarienvögel umher. Neben Büchern finden sich Objekte zur Jagd. Der Künstler zeigt, dass die Geschichte der Naturwissenschaften nicht trennbar ist von der Geschichte der Inbesitznahme der Tiere. Gleichzeitig wird die Idee, Vögel mit dem menschlichen Wissensschatz über deren Herkunft zu beschenken, als absurdes und anmassendes Vorhaben entlarvt: Die Vögel nutzen den Käfig nach ihren eigenen Gesetzen.

Die Ausstellung zeigt, dass die Geschichte der Umwelt und ihrer Entwicklung zugleich eine des Menschen ist. Damit stellt sich nicht nur die Frage, wie und in welchen Kontexten Wissen über Natur entstand – sondern auch, wieviel die Natur über den Menschen erzählen kann. Die Künstlerin Maria Thereza Alves verfolgt den Weg von Pflanzen, die unbeabsichtigt mit Handels- und Sklavenschiffen in andere Länder transportiert wurden und sich als Zeuge menschlicher Migration über den Globus verbreiteten. In ihrer Installation versammelt sie geografisches Material wie auch Pflanzen, die den Weg von europäischen Häfen nach New York fanden.

Zugleich imaginiert die Ausstellung zukünftige Formen des Wissens über Natur. In seiner Virtual-Reality-Installation "Re-Animated" (2018) lässt der Künstler Jakob Kudsk Steensen den Kauaʻi ʻŌʻō, eine ausgestorbene Vogelart, in digitaler Gestalt wiederaufleben und versetzt ihn in eine Nachbildung der hawaiianischen Insel Kauai, die die BesucherInnen mittels VR-Brille entdecken können. Der Künstler entwirft so eine virtuelle Welt, in der wir vergangene und zerstörte Naturformen digital rekonstruieren und sie damit archivier- und erlebbar machen.

Die Werke der Ausstellung beleuchten Geschichten und eine mögliche Zukunft des Beziehungsgeflechts zwischen Mensch und Umwelt. Sie verstehen den Menschen als Teil, nicht als Zentrum der Welt und öffnen Perspektiven, die das Potential einer Bewusstmachung über das Zusammenleben auf der Erde betonen. Sie regen zur intensiven Auseinandersetzung an, indem sie fragen: Wie spüren wir die Natur, mit welchen Mitteln beschreiben wir sie? Wie nehmen wir unsere Verantwortung gegenüber dem Planeten wahr? Wie stellen wir uns das Zusammenleben auf der Erde vor? Allen geht es letztendlich um eine Zukunft, in der das Leben lebenswert ist.

Potential Worlds 1: Planetary Memories
7. März bis 11. Oktober 2020

Migros Museum für Gegenwartskunst
Limmatstrasse 270
CH - 8005 Zürich

T: 0041 (0)44 277 20 50
F: 0041 (0)44 277 62 86
E: info@migrosmuseum.ch
W: http://www.migrosmuseum.ch/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  7. März 2020 11. Oktober 2020 /
Ursula Biemann, Subatlantic, 2015, Videostill, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst
Ursula Biemann, Subatlantic, 2015, Videostill, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst
Mark Dion, The Library for the Birds of New York, 2016, Sammlung Migros Museum für Gegenwarts- kunst, Installationsansicht / Installation view Tanya Bonakdar Gallery, 2016
Mark Dion, The Library for the Birds of New York, 2016, Sammlung Migros Museum für Gegenwarts- kunst, Installationsansicht / Installation view Tanya Bonakdar Gallery, 2016
Almagul Menlibayeva, Astana.Departure, 2016-2019, Videoinstallation, Videostill, Courtesy American-Eurasian Art Advisors LLC
Almagul Menlibayeva, Astana.Departure, 2016-2019, Videoinstallation, Videostill, Courtesy American-Eurasian Art Advisors LLC
Jakob Kudsk Steensen, Re-Animated, 2018/2019, VR Installation, VR Screenshot, Courtesy the artist
Jakob Kudsk Steensen, Re-Animated, 2018/2019, VR Installation, VR Screenshot, Courtesy the artist
Monira Al Qadiri, Divine Memory, 2019, Videostill, Courtesy the artist
Monira Al Qadiri, Divine Memory, 2019, Videostill, Courtesy the artist