26. April 2009 - 3:33 / Ausstellung / Archiv 
15. Februar 2009 3. Mai 2009

Der Tessiner Davide Cascio (*1976) sondiert Vergangenheit und Gegenwart nach Architektur-, Design-, Literatur- und Gesellschaftsentwürfen mit utopischem Potenzial. James Joyce’s Ulysses, Le Corbusiers Esprit Nouveau oder Yona Friedmans urbanistische Superstruktur-Modelle dienten ihm ebenso als Horizonte seiner Denkexpeditionen wie alltägliche Werbe- und Wunschwelten der 1960er und 70er Jahre.

In seinen Arbeiten prüft er die utopischen Ideologien auf ihren gesellschaftlichen Gehalt. Cascio verwendet einfaches Material wie Karton, Holz und Neonlicht und schafft damit allegorische Installationen, die Obsessionen, Hoffnungen und Träume des gesellschaftlichen Fortschritts spiegeln. Parallel zeigt er immer auch Collagen, in denen er verführerische Bilder aus Werbung und Fashion-Magazinen zu retro-futuristischen Szenarien kombiniert. Seine Arbeiten kommentieren das metaphysische Versprechen eines harmonischen, auf den Menschen abgestimmten Wohn- und Lebensraums, das in der Geschichte der Moderne wiederholt Konjunktur hatte und heute mit den Fragen um Mobilität und Hightech anhaltende Aktualität besitzt.

Im Kunsthaus Glarus wählt Cascio insbesondere die utopischen Architekturkonzepte des Theoretikers und Visionärs Yona Friedman als Startpunkt seiner Arbeiten. Ausgehend von der Rasterstruktur der Bodenplatten des Seitenlichtsaales baut er eine Rauminstallation, die sich auf Friedmans Ville spatiale bezieht. Friedmans Entwürfe waren als mehr-geschossige Raum-Rahmen-Gitter konzipiert, in weiten Abständen von Pfeilern getragen und als Brücken über bestehende Städte und Landschaften gelegt. Seine Architekturphilosophie ist stark auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtet und versteht Architektur als emanzipatorische Struktur. Seit den 1970er Jahren erweiterte er seine Wohn- und Lebensraumprojekte für Entwicklungsländer und Sozialprojekte mit Selbstversorgungs-Systemen. Er engagierte sich für die Vermittlung und Entwicklung einfachen Bauens unter Verwendung lokaler Materialien und Bauweisen und versuchte so die gesellschaftliche Utopie egalitärer sozialer Strukturen zu realisieren. Gemäss Friedmans Konzepten war die Lebensumwelt der Bewohner der Zukunft flexibel und mobil erweiterbar.

Cascio setzt diese Vorstellungen modellhaft um. Wie bei Friedman ist der Modul-Charakter der Installation im Kunsthaus Glarus imaginär unendlich erweiterbar. Der Glarner Volkspark im Aussenraum des transparenten Pavillonbaus des Kunsthauses bietet einen realen Hintergrund für die Installation und spielt auf die Einbettung in die Natur an, die auch bei den urbanistischen Projekten Friedmans von zentraler Bedeutung ist. Parallel integriert Cascio auch Arbeiten aus der Sammlung des Glarner Kunstvereins, etwa Hermann Hallers klassizistische Bronze-Figur Flora (1908) - ein schreitendes, nacktes, blumenstreuendes Mädchen - und deutet damit das archaische Thema des Verhältnisses des Menschen zu seiner gebauten Umwelt exemplarisch an.

Auch im Oberlichtsaal steht das Verhältnis des Menschen zur gebauten Umwelt im Vordergrund. Cascio baut zwei menschengrosse Türme aus Holz und Neonröhren. Ein kreisgeometrisches Element verbindet Sockel und Aufbau der Skulptur. Dieses Ornament findet Cascio auch in verschiedenen Arbeiten des Künstlers Urs Lüthi, die sich in der Sammlung des Glarner Kunstvereins befinden. Aus Lüthis Serie der universellen Ordnung integriert Cascio eine Gruppe von Arbeiten, die ebendiese Metapher der Harmonie von Mensch und Umwelt beinhalten. Die Sehnsucht nach Schönheit und Wahrheit, nach der Verbindung von Individuum und Universum, Mikro- und Makrokosmos findet sich auch in Cascio’s mentalen Denkräumen, in denen Utopien und Alternativentwürfe reflektiert werden.

Cascio gehört zur Generation von zeitgenössischen Künstlern, die präzise Referenzsysteme innerhalb der Geschichte der Moderne anlegen und sie zu neuen Formationen und Realitäten verflechten. Für die Betrachterinnen und Betrachter sind die komplexen Verweisformationen mit Referenzen auf Kunst und Architektur, Klassizismus, Moderne und Postmoderne, Konstruktivismus, Minimal und Pop Startpunkte eigener Denkexpeditionen.


A Portrait of the Man as a Building
15. Februar bis 3. Mai 2009

Kunsthaus Glarus
Im Volksgarten
CH - 8750 Glarus

T: 0041 (0)55 640 25 35
F: 0041 (0)55 640 25 19
E: office@kunsthausglarus.ch
W: http://www.kunsthausglarus.ch/

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  •  15. Februar 2009 3. Mai 2009 /
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A portrait of the man as a building, 2008. Collage auf Papier, 69,5 x 31.5 cm (Detail)
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A portrait of the man as a building, 2008. Collage auf Papier, 69,5 x 31.5 cm (Detail)