12. Oktober 2019 - 5:50 / Musik / Geschichte 
15. März 2019 26. Januar 2020

POP 1900–2000 unternimmt Streifzüge durch die Welt der steirischen Popularmusik und wählt damit einen stilistisch breiten und historisch weit gefassten Zeitraum. Die Ausstellung führt chronologisch durch 100 Jahre populäre Musik – im Fokus stehen ausgewählte Protagonistinnen und Protagonisten sowie Bands und Formationen, musikalische Genres sowie singuläre Ereignisse steirischer Popgeschichte.

Zahlreiche Fotografien, Film- und Videoaufnahmen, medientechnische Geräte sowie Instrumente und gefilmte Interviews mit Schlüsselpersonen, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der steirischen Musikszene ermöglichen eine Annäherung an das Thema aus verschiedenen Perspektiven. Vielstimmig reiht sich Bekanntes an weniger Bekanntes, mitunter auch Vergessenes und ermöglicht eine Auseinandersetzung – nicht zuletzt mit der eigenen popkulturellen Sozialisation. In die Musikwelt eintauchen kann man mit eigenen Kopfhörern (mit kleinem Klinkenstecker) oder mit den Leihkopfhörern vor Ort.

Zu allen Zeiten gab es das Populäre in der Musik. Doch die Möglichkeit, Töne und Klänge zu konservieren und dauerhaft verfügbar zu machen, revolutionierte die Hör- und Konsumgewohnheiten ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die rasante Entwicklung technischer Massenkommunikationsmittel beschleunigte diesen Prozess zusätzlich. Zuvor war der Genuss populärer Musik mit ihrer Entstehung unmittelbar verbunden, nun wurde sie zum festen Bestandteil des Alltags und prägte fortan die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Die steirische Popgeschichte lässt sich auf unterschiedliche Weise erzählen. Immer ist sie aber eine Geschichte der Menschen und ihrer Musik, ihrer Lebensgeschichten und Lebenswelten. Wechselseitig überlagert und ergänzt mit zeit- und kulturhistorischen Informationen, konstruieren sich dabei vielstimmige Erzählungen: Sie öffnen Gedankenbrücken zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen und offenbaren kulturhistorische Zäsuren und Umbrüche.

Über 60 teils noch nie gezeigte Film- und Videodokumente aus den Jahren 1906 bis 1999 sowie rare Tonaufnahmen und teilweise nicht veröffentlichte Musikstücke der steirischen Popgeschichte reihen sich an Bekanntes und Beliebtes. Medientechnische Geräte vom Phonographen über die Bandmaschine bis hin zum Discman zeigen die technischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts und die damit verbundenen veränderten Hörgewohnheiten. Interviews mit Protagonistinnen und Protagonisten, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – etwa Lore Krainer, Dieter Glawischnig, Goldie Ens, Thomas Spitzer, Wilfried, Gert Steinbäcker oder Eva Ursprung – geben Einblick in die steirische Musik- und Lebenswelt der 1930er– bis 1990er-Jahre.

Tonwalze, Schellackplatte und erste Musikvideos
Bereits in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nahmen steirische Künstler/innen wie Alexander Girardi, Mirzl Hofer, „Die Obersteirer“ oder auch diverse Kapellen ihre Musik auf Tonwalze, vor allem aber Schellackplatte auf. Ihre Operettenschlager, Volkslieder und Jodler, Walzer und Märsche konnten damit orts- und zeitunabhängig, in öffentlichen wie auch privaten Räumen von einem (Massen-)Publikum konsumiert werden. Der rasante Aufstieg der Phonoindustrie sowie das frühe Kino spielten bei der Popularisierung von Musik in dieser Zeit eine wichtige Rolle. In sogenannten „Tonbildern“ – eine Vorform der späteren Musikvideos – traten Musiker/innen vor die Kamera und sangen lippensynchron zu einer Schellackaufnahme. Diese wurde dann gemeinsam mit dem projizierten Film im Kino gezeigt. Weltweit sind nur sehr wenige Tonbilder in Bild und Ton überliefert. Eine kleine Sensation ist deswegen ein erhaltenes Tonbild aus der Zeit um 1908: Zu sehen und zu hören ist Mirzl Hofer, eine preisgekrönte Jodlerin aus Graz, die auf verschiedenen Bühnen sowohl in Österreich als auch im Ausland das Publikum begeisterte.

Die viel gerühmten „wilden 20er-Jahre“ waren ein Phänomen der Metropolen – vor allem nach Berlin zog es all jene, die in der leichten Musik Erfolg hatten oder haben wollten. Schlager und Tanzmusik kratzten an der Vorherrschaft der klassischen Musik, Grammophone und Schellackplatten wurden leistbar. Die Entwicklung des Radios sowie die Einführung des Tonfilms Ende der 1920er-Jahre ließen die Popularität der Musiker/innen auf bislang unbekannte Weise steigen. Auch steirische Musikschaffende profitierten davon, zum Beispiel Austin Egen, der zwischen 1927 und 1931 zu den meistbeschäftigten Schlagersängern Deutschlands zählte, Robert Stolz oder die „Comedy Harmonists“ – eines der Nachfolgeensembles der berühmten „Comedian Harmonists“, dem mit Rudolf Mayreder und Hans Rexeis auch zwei gebürtige Steirer angehörten und das u. a. auch mit Josephine Baker eine Platte aufnahm.

Aderlass in der Musikwelt
In der Zeit des Nationalsozialismus kam es zu einem regelrechten Aderlass in der Musikwelt. Viele Musiker/innen verloren ihre Arbeitsgrundlage und emigrierten gezwungenermaßen – andere wurden in Konzentrationslagern ermordet. In diffamierender Weise als „angelsächsisch-jüdische Hot-Musik“ oder „Nigger Jazz“ bezeichnete Musikrichtungen galten nun als „entartet“ bzw. „artfremd“ und mit dem Verbot des Abhörens ausländischer Radiosender wurde einer aufkeimenden Jazzentwicklung auch in der Steiermark ein Ende gesetzt. Das nationalsozialistische Regime setzte auf Eskapismus durch Unterhaltungskultur. Die in Knittelfeld geborene Lizzi Waldmüller war mit mehreren Hauptrollen und Hits einer jener großen Stars dieser „leichten Unterhaltung“, die im Dienste der NS-Propaganda stand und vom Grauen des Krieges und des Gewaltregimes ablenken sollten.

Zwischen Volksmusik und „Mini-Woodstock“
Nach dem Zweiten Krieg kam es zu einer Internationalisierung der steirischen Hörgewohnheiten. Durch den Einfluss der Alliierten war Jazz wieder angesagt und wurde im Radio sowie live von heimischen Jazzensembles gespielt. Es etablierte sich eine vielfältige Jazzszene – 1965 wurde die erste Jazz-Ausbildungsstätte Europas gegründet und Graz entwickelte sich zur „Jazzhauptstadt Österreichs“. Ein steirischer Jazzpionier der 1930er- und 1940er-Jahre war Walter Koschatzky, späterer Leiter der Neuen Galerie Graz und der Albertina in Wien. Der Rundfunk erlebte in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einen enormen Aufschwung und auch volksmusikalische Klänge nahmen in der Programmgestaltung einen wesentlichen Platz ein. Lokale steirische Volksmusikgruppen wie das „Edler Trio“ oder die steirische Meisterjodlerin Gisela Meissenbichler mit Partner Ingaz Gletthofer wurden dadurch bekannt. Das Fernsehen verstärkte diesen Effekt zusätzlich. Die „Kern Buam“, die schon 1954 mit dem Steirischen Brauch einen Radio-Talentewettbewerb gewonnen hatten, traten ab Ende der 1960er-Jahre regelmäßig im ORF auf. Mit wechselnder Besetzung blieben die „Kern Buam“ bis in die 2000er-Jahre eine der erfolgreichsten Volksmusikgruppen Österreichs.

In den 1960er-Jahren kam es zu einer regelrechten „Lärmrevolution“: Beatmusik, E-Gitarre, EBass und treibende Beats prägten den neuen Sound, der langsam auch im Repertoire der Tanzbands und in die Jukeboxen Einzug hielt. Die Bands spielten anfangs „steirisch und modern“ (z. B. „White Stars“), ehe sich erst Ende der 1960er-Jahre auch die ersten genuinen Rockbands wie „Music Machine“, „Magic“ oder „Hide & Seek“ zusammenfanden und etablierten. Ein Höhepunkt der steirischen Popgeschichte stellt sicherlich das „Mini-Woodstock“ in Poppendorf im Jahr 1971 dar. Hier traten rund 20 heimische Bands, u. a. „Mephisto“ oder „Deep Water“, erstmals bei einem großen Open Air auf. Wenn es einen hippiesken Moment in der steirischen Popgeschichte gibt, dann war es wohl dieser!

Keimzelle des Austropop und Explosion der alternativen Szene
Nach einem Jahrzehnt, in dem Beat- und später Rockmusik vor allem live dargeboten wurde, stand in den 1970er-Jahren das Aufnehmen und Produzieren von Tonträgern im Mittelpunkt. Andi Beit gründete gemeinsam mit Boris Bukowski das „Magic Sound Studio“, in dem neben „Magic“ auch erste Demos der EAV und „Opus“ aufgenommen wurden. Mehr und mehr Tonträger steirischer Musikschaffender erschienen (z. B. „Musyl & Joseppa“, „Turning Point“, „Magic“, Goldie Ens). Alles kumulierte schließlich 1984: In diesem Jahr wurde Live is Life von „Opus“ aufgenommen, die EAV, STS und KGB hatten ihre ersten Hits. Die steirische Musikszene entwickelte sich für einige Jahre zur Keimzelle des „Austropop“ und wurde im gesamten deutschsprachigen Raum intensiv rezipiert.

Daneben entwickelte sich in den 1980er-Jahren eine bunte Bandszene in der Steiermark. Neue internationale Genres wie Heavy Metal, New Wave oder Punk etablierten sich nun langsam. Mit „rosi lebt“ und „Eva&Co“ traten verstärkt auch Frauen als musikalische Protagonistinnen in den Vordergrund. Es wurde mehr und mehr experimentiert, erste Musikvideos entstanden und neue Instrumente wie die Drummachine erlaubten völlig neue Sounds. Ab den 1990er-Jahren ebbte der große Erfolg der Austropopper etwas ab, es entstand aber eine Vielzahl an Bands, die der alternativen Szene entstammen. Leistbare Computer, die nun auch zur Aufnahme und als LiveInstrumente dienten, ließen die Musikszene förmlich explodieren. Es schien so, als würden plötzlich alle Musik machen. Einige steirische Bands wie „Fetish69“, „Sans Secours“ oder „Orange Baboons“ konnten auch international Erfolge erzielen.

POP 1900–2000
Populäre Musik in der Steiermark
15. März 2019 bis 26. Jänner 2020



  •  15. März 2019 26. Januar 2020 /
„Mirzl Hofer das Stimm-Phänomen von der Alm“, Verlag GGCO, um 1910,  Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Familie Wegscheidler
„Mirzl Hofer das Stimm-Phänomen von der Alm“, Verlag GGCO, um 1910, Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Familie Wegscheidler
Schlauch (Graz), 1994,  Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Garfield Trummer
Schlauch (Graz), 1994, Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Garfield Trummer
Kern Buam auf großer Österreich-Tournee mit dem ersten Bus, 1962,  links hinten: Fritz Edtmaier, links vorne: Jodlerduo Louis Kerschbaumer und Hilde Meixner Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Hotel Kern Buam
Kern Buam auf großer Österreich-Tournee mit dem ersten Bus, 1962, links hinten: Fritz Edtmaier, links vorne: Jodlerduo Louis Kerschbaumer und Hilde Meixner Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Hotel Kern Buam
Alexander Girardi, „I hob’ zwa harbe Rapperl …!“, B.K.W.I., undatiert  Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Familie Wegscheidler
Alexander Girardi, „I hob’ zwa harbe Rapperl …!“, B.K.W.I., undatiert Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Familie Wegscheidler
Deep Water, Poppendorf, 1971,  Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Eduard Hois
Deep Water, Poppendorf, 1971, Fotograf/in unbekannt, Privatbesitz Eduard Hois
The Coolerators (Mautern), 1983,  Foto: Gerhard Batz, Privatbesitz Johannes Silberschneider
The Coolerators (Mautern), 1983, Foto: Gerhard Batz, Privatbesitz Johannes Silberschneider
Unbekannter Fotograf, Salonkapelle „Original Sparinis“, 1920er,  Privatsammlung Weigel
Unbekannter Fotograf, Salonkapelle „Original Sparinis“, 1920er, Privatsammlung Weigel
Unbekannter Fotograf, rosi lebt, Ilse Prager, Doris Koller, Eva Ursprung, Iti Prager und Andreas Wildbein im Proberaum in Graz Gösting, 1983,  Privatsammlung Eva Ursprung
Unbekannter Fotograf, rosi lebt, Ilse Prager, Doris Koller, Eva Ursprung, Iti Prager und Andreas Wildbein im Proberaum in Graz Gösting, 1983, Privatsammlung Eva Ursprung
Peter Stangl, Magic 69, Feldbach, ca. 1970,  Privatsammlung Peter Stangl
Peter Stangl, Magic 69, Feldbach, ca. 1970, Privatsammlung Peter Stangl
Unbekannter Fotograf, the white boys, Graz 1920er,  Privatsammlung Oskar Moser
Unbekannter Fotograf, the white boys, Graz 1920er, Privatsammlung Oskar Moser
STS, 1985,  Foto: Helmut Utri, Privatbesitz Gert Steinbäcker
STS, 1985, Foto: Helmut Utri, Privatbesitz Gert Steinbäcker
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner