2. Februar 2009 - 3:40 / Walter Gasperi / Zoom

Im Frankreich der 1930er Jahre entwickelte sich mit dem "Poetischen Realismus" eine filmische Richtung, in der sich in der atmosphärisch dichten Schilderung von scheiternden Liebesbeziehungen die pessimistische Stimmung der Vorkriegszeit spiegelte.

"Quai des brumes" (1938), "Le jour se lève" (1939) – die Titel von zwei zentralen Filmen Marcel Carnés und – nie darf man bei diesem Regisseur die Nennung des Drehbuchautors vergessen – Jacques Préverts vermitteln schon einen visuellen Eindruck von der vorherrschenden Stimmung: Nebel und Morgendämmerung evozieren einen Schwebezustand, einen Moment, in dem noch alles möglich ist, allein die Hoffnungen erfüllen sich bei Carné nie.

Die pessimistische Grundhaltung ist unverkennbar eine Reaktion auf die großen sozialen Konflikte, die im Gefolge der Weltwirtschaftskrise auch Frankreich erfassten. Schauplatz der Filme Carnés/Préverts, aber auch von Jean Renoir und Julien Duvivier ist das proletarische Milieu, Protagonisten sind Arbeiter, die sich unglücklich verlieben und deren Beziehungen an den gesellschaftlichen Umständen schließlich scheitern. Gemeinsam ist diesen Filmen, zu denen auch Duviviers "Pépe le Moko – Im Dunkel von Algier" (1937) und Renoirs "La bête humaine" (1938) zu zählen sind auch Jean Gabin als Hauptdarsteller. Er spielt immer wieder einen Arbeiter, der durch tragische Umstände zum Mörder wird und am Ende selbst stirbt.

Unterschiedlich war dabei die Arbeitsweise der Regisseure. Während Renoir in "La chienne" (1931) oder in "Toni" (1935) an Originalschauplätzen drehte, um durch die Darstellung der "äußeren Wirklichkeit" durch realistische Umgebung und authentischen Ton in Verbindung mit einer einfachen Poesie des Volkes die "innere Wahrheit" zu vermitteln, wird in den Studioproduktionen Carnés/Préverts und Duviviers durch die effektvolle Arbeit mit Licht und Schatten und die vielfach von Alexander Trauner geschaffenen Dekors die Künstlichkeit geradezu betont. Hier geht es nicht um Abbildrealismus, sondern um die Evokation einer Stimmung des Fatalismus und der Ausweglosigkeit.

Prägend war diese Richtung des französischen Films damit freilich für den amerikanischen Film noir der unmittelbaren Nachkriegszeit, der vom Poetischen Realismus die fatalistische Grundstimmung und das Spiel mit Licht und Schatten übernahm. Beeinflusst wurde davon aber auch, vor allem durch die Werke Jean Renoirs, der italienische Neorealismus. Letzteres äußert sich auch darin, dass Luchino Visconti einerseits in den 30er Jahren bei Renoir als Assistent arbeitete, andererseits auch mit seinem ersten Film "Ossessione" (1942) James M. Cains "The Postman Always Rings Twice" neu verfilmte, den schon der Franzose Pierre Chenal 1939 unter dem Titel "Le dernier tournant" für die Leinwand adaptiert und damit ein letztes typisches Werk des Poetischen Realismus geschaffen hatte.



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Quai des brumes (Marcel Carné, 1938)
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Le jour se lève (Marcel Carné, 1939)
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Pépe le Moko ? Im Dunkel von Algier (Julien Duvivier, 1937)
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La bête humaine (Jean Renoir, 1938)