23. Juli 2009 - 5:05 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Das Geheimnis der Malkunst Pablo Picassos will Henri-Georges Clouzot in seinem legendären Dokumentarfilm aus dem Jahr 1956 ergründen. Dazu zeigt Clouzot praktisch nichts anderes als das Entstehen von Zeichnungen und Gemälden.

Während man die Poesie Rimbauds oder die Musik Mozarts nicht in Bildern fassen könne, sei das bei der Malerei möglich, erklärt ein einleitender Kommentar – und schon geht es in medias res. Nicht Picasso bekommt man zu Gesicht, sondern eine transparente Leinwand , auf deren Rückseite zunächst ein schwarzer Bleistiftstrich gezogen wird, dann weitere, bis sich Konturen ergeben – eine Zeichnung entsteht.

Keine Musik ist zunächst zu hören, nur das Kratzen des Stiftes und auch auf Farben wird verzichtet. Beides ändert sich aber, als die fertige Zeichnung weggeblendet wird und an ihre Stelle wieder eine weiße Leinwand tritt. Wieder wohnt man dem Entstehen eines Bildes, jetzt aber unterlegt von Musik bei – und schließlich kommt auch noch Farbe dazu.

Faszinierend sind diese Szenen, gewinnt man doch den Eindruck, der Maler erschaffe förmlich aus dem Nichts heraus nicht nur Mann und Frau oder einen Stier, sondern mit seinen Strichen und Bildern förmlich auch die Welt. – Und gleichzeitig kann er sie auch wieder zurückverwandeln, indem er seine Bilder korrigiert oder übermalt. Modelle benötigt Picasso dazu keine, er generiert die Bilder aus seiner schier unerschöpflichen Fantasie, aus den Dämonen, die ihn treiben.

Keine Erklärungen werden gegeben, einzig der künstlerische Akt wird mittels Stop-Motion-Technik zeitlich verkürzt 20 Mal dokumentiert. Dass Henri-Georges Clouzot im Grunde vom Thriller kommt, mit "Le salaire de la peur" (1952) und "Les diaboliques" (1955) Meisterwerke dieses Genres schuf, spürt man dann freilich in zwei Szenen, in denen der Regisseur den Maler gegen die Zeit anmalen lässt, da angeblich nur noch wenige Meter Film übrig seien. Ungemein spannend sind diese Szenen, die Abwechslung in den über 75 Minuten doch etwas ermüdenden und redundanten Prozess der Genese von Gemälden bringt.

Kühn ist "Le Mystere Picasso" freilich in seinem Mut zur Reduktion und zum Minimalismus. – Ein Film, der reduziert ist auf die Essenz der Malerei und der somit in seiner Konzentration und Reduktion den Zuschauer geradezu zwingt, sich selbst Gedanken über Kunstproduktion zu machen, ihm keine billigen Antworten – es sei denn die Kunstwerke selbst – anbietet.

So reduziert und karg wie dieser einzigartige Film über das künstlerische Schaffen ist im Grunde auch das Bonus-Material, das die von Pierrot Le Fou herausgegebene DVD bietet: Beliebig und dürftig wirkt die knapp einstündige TV-Dokumentation über den Friseur Picassos, die als einzige Ergänzung zu "Le Mystère Picasso" geboten wird.

Trailer zu "Le Mystère Picasso"



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