Photo Brut – Aus der Sammlung Bruno Decharme

Was, wenn jemand über Jahrzehnte hinweg eine überwältigende Anzahl von Fotografien mit kleinen Buchstaben beschriftet? Was, wenn sich ein Automechaniker als Kleopatra, Papst Johannes Paul II. oder Hollywoodstar verkleidet und nicht nur in diese, sondern in hunderte, tausende Rollen schlüpft? Was, wenn jemand Unmengen von Fotos sammelt, sie zerschneidet, neu zusammenfügt und daraus faszinierende Gebilde schafft?

Die Ausstellung im Foto Arsenal Wien präsentiert solche leidenschaftlichen Auseinandersetzungen mit künstlerischen Prozessen von Autodidakt:innen, die jenseits eines normativen Kunstverständnisses eigenständige fotografische Kunst und Bildwelten hervorbringen. Menschen mit psychischen oder physischen Erkrankungen, gesellschaftliche Außenseiter:innen oder verborgene Produzent:innen eröffnen neue künstlerische Fragestellungen und kreative Wege. So entstehen mitunter über Jahrzehnte hinweg Werke von großer ästhetischer Relevanz, die sich nicht an einem akademischen Kanon, gesellschaftlichen Normen oder den Regeln des Kunstmarkts orientieren, sondern der Verarbeitung von Gefühlen dienen.

Ähnlich wie die Kunstrichtung der Art Brut ist auch die Photo Brut von individuellen Leidenschaften, marginalisierten Lebenssituationen und extremen Umständen geprägt. Diese Werke tragen häufig Spuren persönlicher Erfahrungen, da die Künstler:innen aufgrund psychischer Erkrankungen und Diagnosen eingesperrt oder weggesperrt wurden oder sich freiwillig aus der Gesellschaft zurückgezogen haben. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, sich mit den Lebensgeschichten der einzelnen Art-Brut- und Photo-Brut-Künstler:innen sowie den physischen und psychischen Umständen, die ihren Schaffensprozess geprägt haben, vertraut zu machen. Die Ausstellung reflektiert Selbstermächtigung und Wertschätzung durch Kunst sowie den gesellschaftlichen Umgang mit Normen und Formen psychischer Erkrankungen.

1948 prägte der Künstler Jean Dubuffet (1901–1985) erstmals den Begriff „Art Brut“ (zu Deutsch: „rohe“, „raue“ oder „unpolierte“ Kunst) für die Gründung einer Gruppe. Damit sind Arbeiten gemeint, die außerhalb der etablierten Kunstwelt und ihrer Institutionen entstehen – teilweise sogar, ohne dass sich die Urheber:innen selbst als Künstler:innen verstehen. Dubuffet verwendete die Bezeichnung für eine unmittelbare, oft verstörende Kunst von Psychiatriepatient:innen, Gefangenen und Menschen in sozial prekärer Lage, die er wegen ihrer eindringlichen Wirkung schätzte. Der Begriff „Photo Brut” etablierte sich als „fotografischer Zweig” hingegen erst ab den 2000er Jahren.

Das Foto Arsenal Wien ermöglicht erstmals in Österreich einen Einblick in über 40 künstlerische Prozesse aus mehr als zehn Nationen, die auf einer der größten Sammlungen der Photo Brut basieren. Diese hat der französische Filmemacher Bruno Decharme seit über 40 Jahren zusammengetragen.

Photo | Brut. Feeling Photography – From the Bruno Decharme Collection
bis 6. September 2026