Philipp Hochmairs Buchvorstellungs-Performance im Volkstheater

Dass es eine Lesung sein würde, hat gewiss niemand erwartet, doch was Philipp Hochmair auf der Wiener Volkstheaterbühne aufführt, elektrisiert und erstaunt das Publikum. Als „Bühnenterrorist, Text-Fanatiker, körpersprachlicher Hochseilakrobat“ beschreibt ihn der Verlag. „Kraftstrotzend und leidenschaftlich“ wird er all dem bei seiner Performance zur Biografie gerecht.

Vor dem schweren Brokatvorhang ein kleines Tischchen, aus dem Lausprecher erklingt eine weibliche Stimme. Dann kommt er doch, Hochmair, mit Sonnenbrille, und setzt sich. „Sie haben die Autorin Katharina von der Leyen das Vorwort aus unserem Buch lesen gehört“, sagt er mit kärntnerisch gefärbtem Dialekt. Er habe es nicht geschrieben, doch Hochmair will uns heute ein Gefühl vermitteln, was diese Biografie über ihn erzählt. Der Vorhang öffnet sich, die Band spielt schräge Musik, „Ich habe mich mit meinen Rollen infiziert !!!!“. Und er liest uns doch vor, nämlich das von ihm verfasste Nachwort im Buch. „Wer bin ich überhaupt! Frage ich mich jetzt“ und „Viele Träume gingen in Erfüllung. Aber es ist auch klar: Erfüllung ist nie die Erfüllung, und das Glück ist immer nur ein Moment …“ 

Hochmair erzählt von der elterlichen Schallplattensammlung, aus der ihn die Balladen des österreichischen Schauspielers Albin Skoda faszinierten, die er mitsprach, nachsprach, in seinem Kinderzimmer. Das Erweckungserlebnis hatte er am nahegelegenen Friedhof, wo er sich gerne aufhielt und passend dazu Goethes „Totentanz“ lernte. Eine spontane Gelegenheit ergab sich sodann in der Schule und auf die Frage, wer ein Gedicht aufsagen könne: Hochmair sprang auf den Tisch und rezitierte inbrünstig … da hörte niemand mehr die Pausenglocke – und im Volkstheater das Publikum gebannt zu.

Nach der Matura verlangte der Vater, dass die Söhne Geld verdienen sollten. Philipp entwickelte ein Theaterstück aus der Erzählung „Der selbstsüchtige Riese“ von Oskar Wilde, „probte zuhause, schrie herum, bastelte sich rote Riesen-Ohren und tourte dann – ganz nach heutigem Konzept des ‚Werther!‘ oder ‚Jedermann Reloaded‘ – durch die Schulen, Kindergärten der Umgebung“. Und bei einer Jedermann Reloaded Show läutete im August 2018 das Telefon – Moretti erkrankt … 

„Am liebsten auf der Bühne schlafen, Textbuch essen, im Kostüm leben und reisen, als selbstrekrutierter Kunstkrieger, als kreativer Soldat“: Hochmair spielte am Burgtheater, am Hamburger Thalia-Theater, bei den Salzburger Festspielen. Nach seinem spektakulären Einspringen bei ebendiesen „kam gar nichts. Sie haben Lars Eidinger gefragt. Aber ich bin doch der Jedermann!“ Hochmair rotiert am Volkstheaterbühnenparkett, inzwischen nur noch mit hautfarbener Unterhose bekleidet – „Albin Skodas Unterhose habe ich als Geschenk bekommen …!“ – und es eskaliert, umnebelt auch die ZuschauerInnen: Ein steiler Absturz ins Bodenlose, er wird zum homosexuellen Stricher auf St. Pauli, der sich in 24-Stunden Kneipen seiner Alkoholsucht hingibt, kämpft sich zurück, macht eine Entziehungskur … Das allerdings ist in der Biografie nicht nachzulesen … nur ein fiktionales Intermezzo, denn das Publikum liebt anscheinend Krisen. 

Doch dann die zweite Chance: 2024 wird Hochmair der neue, hochbejubelte Jedermann! „Mit meiner Rolle als Jedermann am Domplatz in Salzburg ist etwas mit mir passiert: Jedermann hat mir meine Identität gegeben“. So reflektiert dies klingen mag, das Finale ist schrill und schräg: Jamsession der Band „Die Elektrohand Gottes“, Hochmair rennt im Magic Mushroom-Taumel – eine Therapie, die er in Amsterdam erfahren hat (wer´s glaubt …) – fast nackt auf der Bühne hin und her, durch die Publikumsreihen, klettert auf die Zuschauerbalkone … „Danke an alle, die mich geformt haben … Danke fürs tolle Leben … Danke Volkstheater … Danke Publikum …!“

Hochmair, wo bist du?
Katharina von der Leyen / Philipp Hochmair, Biografie
Mit zahlreichen privaten Bildern und Illustrationen
256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Christian Brandstätter Verlag, Wien
ISBN: 978-3-7106-0900-8