6. Dezember 2019 - 5:10 / Film / Retrospektive 
6. Dezember 2019 23. November 2019

Die Überraschung war einigermaßen groß, als am 10. Oktober der Träger des Literaturnobelpreises 2019 bekannt gegeben wurde. Peter Handke hatte in dieser Form wohl kaum mehr einer auf der Rechnung. All seinen literarischen Verdiensten zum Trotz – zu sehr im Abseits wähnte man ihn angesichts seiner politisch zumindest diskutablen Äußerungen und Positionierungen zu den Kriegen am Balkan. Das Filmarchiv Austria gratuliert dem streitbaren Autor, der auch im Kino seine Spuren hinterlassen hat, mit einer umfassenden Schau zu seinen wesentlichen Arbeiten, die ab Ende der 1960er-Jahre entstanden sind.

Peter Handke und das Filmarchiv Austria verbindet eine besondere Beziehung. Nach einer ersten Retrospektive im Dezember 2007 eröffnete das neue Metro Kinokulturhaus im Oktober 2014 mit einer Schau, die Handkes eigenes Verhältnis zum Medium Film und seine Liebe zum Kino reflektierte. Der Literat als Moviegoer, sozusagen. Dass dieser Literat im Kino nicht nur als Drehbuchautor für einige wegweisende Filme seines Freundes Wim Wenders verantwortlich war, sondern auch selbst immer wieder eigene wie fremde Stoffe inszeniert hat, ruft dieses Programm nun in Erinnerung.

Was im breit gefächerten Schaffen des 1942 im kärntnerischen Griffen geborenen Künstlers auffällt, von seinem ersten Roman "Die Hornissen" (1966) bis hin zu seinen Dramen, Drehbüchern und Regiearbeiten, ist die besondere Bedeutung der Sprache. Während der Homo politicus Handke häufig – und gerade in letzter Zeit – als konfliktfreudiger, manchmal auch lautstarker Sprachjongleur auftritt, besticht sein Œuvre durch ruhige, leise Töne. Unerlässlich erforscht er darin menschliche Wahrnehmung, ergründet Bewusstseinszustände und Empfindungsmöglichkeiten und sucht so, in seinen Figuren wie in seinen Lesern, Denk- und Gefühlsprozesse auszulösen. In seinem Band "Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990" schreibt er: "Das Poetische kommt einfach: aus einem genaueren, inständigeren Hören (Hinhören), einem genaueren, erwartungsvollen, geduldigen Schauen (Hinschauen), aus einem Spüren, einem Aufspüren, aus einem Auf-sich-übergehen-Lassen – etwa jetzt des Schütterns der Moorerde, des Moorgrunds unter mir, als gerade der Traktor auf der Straße vorbeifuhr."

Die Faszination des Kinos wohnt auch Handkes Werk inne: Etwa, wenn seine Protagonisten die Namen von Schauspielern tragen, oder häufig selbst ins Kino gehen wie in Wim Wenders Langfilmdebüt der Tormann Josef, der von einem Italowestern in den nächsten Howard-Hawks-Film wechselt. Mit Wenders, den er 1966 nach einer Aufführung seiner "Publikumsbeschimpfung" in Oberhausen kennenlernt, verbindet ihn seither eine intensive Freundschaft – zusammen drehen sie den Kurzfilm "3 amerikanische LPs", der auf besondere Weise die wesentlichen Themen und Interessen der beiden Künstler auf die Leinwand bringt. Nach seinem eigenen Langfilmdebüt wird es um Handke als Regisseur wieder einige Jahre ruhiger, bis er es 1978 mit seiner Romanverfilmung "Die linkshändige Frau" sogar in den Wettbewerb von Cannes schafft. Seitdem hat Handke noch zwei weitere Male auf dem Regiestuhl Platz genommen und in jeweils eigenwilliger Weise seinen Blick auf die Welt in Kinobilder übersetzt, die es nun wieder zu entdecken gilt.

Filmliste

3 amerikanische LPs (Wim Wenders, BRD 1969)
Die Abwesenheit (Peter Handke, F/E/BRD 1992)
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (Wim Wenders, BRD/A 1972)
Der Himmel über Berlin (Wim Wenders, BRD/F 1987)
Falsche Bewegung (Wim Wenders, BRD 1975)
Griffen – Auf den Spuren von Peter Handke (Bernd Liepold-Mosser, A 2012)
Der Kurze Brief zum langen Abschied (Herbert Vesely, BRD 1976)
Die Linkshändige Frau (Peter Handke, BRD 1978)
Das Mal des Todes (Peter Handke, A 1985)
Peter Handke: Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte (Corinna Belz, D 2016)
Proszenium – Chronik der laufenden Ereignisse (Peter Handke, BRD 1971)
Wunschloses Unglück (Wolfgang Glück, A 1974) gemeinsam mit Forum Dichter Graz (Ferry Radax, A 1967)

Retrospektive Peter Handke
6. bis 23. Dezember 2019 im Metro Kinokulturhaus
Kurator: Ernst Kieninger

Metrokino Wien
Johannesgasse 4
A - 1010 Wien

W: http://www.filmarchiv.at/

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3 amerikanische LPs (Wim Wenders, BRD 1969)
3 amerikanische LPs (Wim Wenders, BRD 1969)
Proszenium – Chronik der laufenden Ereignisse (Peter Handke, BRD 1971)
Proszenium – Chronik der laufenden Ereignisse (Peter Handke, BRD 1971)
Proszenium – Chronik der laufenden Ereignisse (Peter Handke, BRD 1971), Setfoto
Proszenium – Chronik der laufenden Ereignisse (Peter Handke, BRD 1971), Setfoto
Das Mal des Todes (Peter Handke, A 1985)
Das Mal des Todes (Peter Handke, A 1985)
Der Himmel über Berlin (Wim Wenders, BRD/F 1987)
Der Himmel über Berlin (Wim Wenders, BRD/F 1987)
Der kurze Brief zum langen Abschied (Herbert Vesely, BRD 1976)
Der kurze Brief zum langen Abschied (Herbert Vesely, BRD 1976)
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (Wim Wenders, BRD/A 1972)
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (Wim Wenders, BRD/A 1972)
Die linkshändige Frau (Peter Handke, BRD 1978), Setfoto
Die linkshändige Frau (Peter Handke, BRD 1978), Setfoto
Die linkshändige Frau (Peter Handke, BRD 1978), Setfoto
Die linkshändige Frau (Peter Handke, BRD 1978), Setfoto
Falsche Bewegung (Wim Wenders, BRD 1975)
Falsche Bewegung (Wim Wenders, BRD 1975)
Forum Dichter Graz (1967), Setfoto
Forum Dichter Graz (1967), Setfoto
Griffen – Auf den Spuren von Peter Handke (Bernd Liepold-Mosser, A 2012)
Griffen – Auf den Spuren von Peter Handke (Bernd Liepold-Mosser, A 2012)
Die Abwesenheit (Peter Handke, F/E/BRD 1992)
Die Abwesenheit (Peter Handke, F/E/BRD 1992)
Die Abwesenheit (Peter Handke, F/E/BRD 1992), Setfoto
Die Abwesenheit (Peter Handke, F/E/BRD 1992), Setfoto
Peter Handke: Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte (Corinna Belz, D 2016)
Peter Handke: Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte (Corinna Belz, D 2016)
Wunschloses Unglück (Wolfgang Glück, A 1974) gemeinsam mit Forum Dichter Graz (Ferry Radax, A 1967)
Wunschloses Unglück (Wolfgang Glück, A 1974) gemeinsam mit Forum Dichter Graz (Ferry Radax, A 1967)
Peter Handke, Polaroid
Peter Handke, Polaroid