Passanten zwischen den Steinen – das Werk als Denkraum

Die von Thomas Demand kuratierte Gruppenausstellung kreist um Bilder, die nicht einfach zeigen, sondern die Wirklichkeit, auf die sie verweisen, zugleich hervorbringen. Wahrnehmung als Konstruktion, Erinnerung als Montage, das Bild als Form von Geschichte. In dieser Bewegung wird das Werk selbst zum Denkraum – nicht als Abbild, sondern als Anordnung von Sichtbarkeit.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Werk von Omer Fast: eine Aufnahme vom Set von „Schindlers Liste“ (1993). Sie zeigt fröhliche Kompars:innen vor der Nachbildung eines Konzentrationslagers – einen Ort, der zugleich historische Referenz und filmische Rekonstruktion ist. Das Bild dokumentiert ein Ereignis, jedoch nicht das, was es auf den ersten Blick zu zeigen scheint. Es markiert eine Verschiebung zwischen Dokument, Inszenierung und Erinnerung. Diese Distanz zum Realen berührt auch indirekt Thomas Demands eigene künstlerische Praxis: Ausgehend von medial überlieferten Bildern rekonstruiert er Orte und Situationen aus Papier und Karton und hält sie anschließend fotografisch fest. In der Übersetzung vom dreidimensionalen Modell ins zweidimensionale Bild wird die Konstruiertheit der Wirklichkeit erfahrbar.

„Passants parmi les pierres” versammelt unter anderem Arbeiten von Luigi Ghirri, Sibylle Bergemann, Tacita Dean, Jürgen Jürges, Fischli & Weiss, Mohamed Bourouissa, Jeff Wall und Carrie Mae Weems sowie weitere Positionen aus den Bereichen Fotografie, Film und Skulptur. Sie alle bewegen sich zwischen Reportage und Rekonstruktion, zwischen beobachtetem Moment und inszeniertem Bild sowie zwischen historischem Ereignis und seiner Darstellung.

Die 27 für diese Ausstellung ausgewählten Arbeiten sind auf unterschiedliche Weise miteinander verwandt. Sie teilen Aspekte des Bildaufbaus und der räumlichen Setzung sowie in vielen Fällen die scheinbar beiläufige, fast unbemerkte Präsenz der Kamera. Häufig erscheinen Figuren vor Architektur, oft von der Kamera abgewandt. Sie legen eine Beziehung zu den sie umgebenden Räumen nahe, die sich bei näherem Hinsehen jedoch eher als Vermutung denn als gesicherter Zusammenhang erweist.

Für die Ausstellung hat Thomas Demand Archive, Sammlungen und Werkzusammenhänge aus seinem künstlerischen Umfeld durchgesehen und sich mit den meisten teilnehmenden Künstler:innen direkt über deren Beiträge verständigt. Einige Arbeiten wurden eigens für diesen Anlass produziert, andere erscheinen in einem neuen, mitunter überraschenden Kontext. Zwischen ihnen entstehen Beziehungen, die weniger narrativ als strukturell lesbar sind: als Korrespondenzen von Blick, Raum, Erinnerung und Inszenierung.

Die von Clemens J. Setz verfassten Bildlegenden bilden eine eigenständige sprachliche Ebene im Raum. Sie erklären die Bilder, Skulpturen und Filme nicht, sondern begleiten sie mit einer offen subjektiven Kommentierung – als Assoziation, Erinnerung, Beobachtung oder kurze Erzählung. Damit fordern sie die Betrachter:innen zu einer eigenen Lesart auf, statt eine vermeintlich objektive Faktenlage zu behaupten.

Thomas Demand (* 1964 in München) zählt zu den international einflussreichsten Künstlern, die sich mit dem Verhältnis von Bild, Erinnerung und Wirklichkeit auseinandersetzen. Er vertrat Deutschland auf der 26. Biennale von São Paulo und nahm mehrmals an der Biennale von Venedig teil (2003, 2007, 2010, 2011, 2012, 2017). Seit 2011 ist Demand Professor an der HFBK Hamburg. Er lebt und arbeitet in Berlin und Los Angeles und ist neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch als Kurator aktiv.

Clemens J. Setz (* 1982 in Graz) ist Schriftsteller und Übersetzer und lebt in Wien. Seine Texte zeichnen sich durch eine besondere Sensibilität für Wahrnehmung, Sprache und assoziative Verknüpfungen aus – Qualitäten, die sich auch in seinen Beiträgen zu „Passants parmi les pierres” widerspiegeln.

Zeitgleich zur Ausstellung Passants parmi les pierres ist der Künstler Thomas Demand im MAK – Museum für angewandte Kunst mit der Einzelausstellung Thomas Demand. Räume, die von gestern träumen” vertreten (27.05.2026–24.01.2027).

Passants parmi les pierres
bis 20. September 2026
kuratiert von Thomas Demand