Packende Uraufführung: The Passion of the Common Man

Auf der Werkstattbühne gibt es immer hochkarätige zeitgenössische Werke, und diesmal übertrifft das „weltliche Oratorium über das menschliche Leiden“ – ein Auftragswerk der Bregenzer Festspiele an den isländischen Komponisten Daníel Bjarnason – wieder alle Erwartungen. Der Chor des Bayerischen Rundfunks bereichert dieses Erlebnis noch im Vorfeld mit einem beziehungsreichen Bachkonzert in der Kirche St. Gallus.

Das Libretto schrieb der aus Kanada stammende, in Brooklyn lebende, Puliltzer-Preisträger (für Musik) Royce Vavrek, für Inszenierung und Design auch von Anfang an mit im Team, die englische Theaterpraktikerin Netia Jones. „Passion of the Common Man“ greift die Struktur von Bachs Passionen – vollständig erhalten sind nur die Johannes-Passion und die Matthäus-Passion – auf und erzählt gleichzeitig eine Geschichte, die frappant gegenwärtig ist. Vier Solostimmen, Chor, Kammerorchester und Sound – der musikalische Ansatz war für Daníel Bjarnason (der auch dirigiert) zunächst, das Ganze als eine Art Spektakel, als ein öffentliches Ritual zu begreifen. „Die Idee, den Bach-Choral ‚Komm, süßer Tod‘ zu verwenden, der immer wiederkehrt, ist dabei zentral“, allerdings mit einem anderen Text, der sinngemäß lautet: „O weinende Welt, warum weinst du?“

„Lasst mich euch von der weinenden Welt erzählen“, so die Master of Ceremonies, und der Chor: „Die Welt in Flammen. Eine Welt aus Glut. Die Welt des Eises, Der Kälte, an die sich keiner erinnert.“ Die legendäre schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter übernimmt eine zentrale Rolle, die – ähnlich dem Evangelisten – das Ritual in Gesang und Sprache begleitet. Die Hauptfigur ist The Surrogate – der Auserwählte oder Stellvertreter – er soll den Schmerz für die Masse erfahren und geopfert werden. „Was soll ich für euch sehen?“ Der britische Tenor Aaron Godfrey-Mayes – bei La traviata am See Giuseppe und im Opernstudio 2025 in Cenerentola – gibt abgeklärt den zum Leiden Berufenen und bei Verabreichung der dritten Intensität, mitreißend den Sterbenden. The Alternate steht als Ersatz zur Verfügung. Sie kann noch von ihrer eigenen Erfahrung berichten, von Schmerz, Angst, und Verlust. Ergreifend singt die junge finnische Sopranistin Emma Kajander von unerwiderter Liebe. Auch The Companion – der Begleiter des Auserwählten – trägt noch Erinnerungen an die unberechenbare Natur in sich, sehnt sich nach den Gefühlen aus der Vergangenheit, nach der Erde, die er als Bauer bestellt hat. Überzeugend, der südafrikanische Bariton Jacques Imbrailo.

Die vier Figuren sind Teil einer sterilen Welt, die von der unbewohnbar gewordenen Natur entkoppelt ist. Ein drei Seiten umfassendes, hohes Stahlregal voller saftig grüner Salatpflanzen in Nährlösung, zweitausend an der Zahl, bildet den futuristischen Raum. In diesem dystopischen Kosmos befinden sich die weißgewandeten Personen voneinander getrennt in ihren Kabinengerüsten, angeschlossen am anästhesierenden Elixier, das sie in permanenten Zustand gedämpfter Freude versetzt. Auch der Chor ist betäubt und treibt als narkotisierte Masse am Geschehen vorbei. Am Ende der Aufschrei: „JOY!“ Blutrünstig wird der Zustand der Freude proklamiert und gleichzeitig ein Mensch getötet.

Bachkonzert mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks

Keine bessere Besetzung als den Chor des Bayerischen Rundfunks hätte man für die Uraufführung dieses beklemmenden, hochdramatischen Oratoriums wählen können. Mit seiner klanglichen Homogenität und stilistischen Vielseitigkeit – von der mittelalterlichen Motette bis zu den zeitgenössischen Werken, vom Oratorium bis zur Oper – zählt dieser Chor zu den besten der Welt und feiert überdies auch sein 80-jähriges Jubiläum. Und nicht von ungefähr war eine Woche zuvor ein sehr besonderes Konzert in der Bregenzer Kirche St. Gallus angesetzt, unter dem Titel „Im Herzen des Barocks“ mit Meisterwerken aus drei Generationen der Musikerfamilie Bach.

Neben Motetten seiner Onkel Johann Michael Bach und Johann Christoph Bach, dazu noch seines Sohns Carl Philipp Emanuel Bach, war natürlich Johann Sebastian Bachs „Jesu, meine Freude“ das große Highlight. Während die Kantaten vor allem für den Gottesdienst entstanden, wurden Motetten meist zu besonderen Traueranlässen komponiert. Was für ein großartiges monumentales Werk, was für ein unendlich schöner Sound des Bayerischen Rundfunkchors unter der Leitung von Peter Dijkstra, begleitet von Orgel und Violone. Immer wieder treten andere Sängerinnen und Sänger solistisch vor. Und dann erklingt überirdisch-herzzerreißend die Tenor-Stimme von Gabriel Sin „Komm, süßer Tod“, aus dem Musicalischen Gesang-Buch (1736). Da ahnten wir noch nicht, dass der Nachklang aus diesem Bach-Chorkonzert wenige Tage später so tief berührend wieder hervorgeholt werden sollte.  

Passion of the Common Man
Ein weltliches Oratorium über das menschliche Leiden im 21. Jahrhundert
Uraufführung (2026)
Daníel Bjarnason, Royce Vavrek
Musikalische Leitung: Daníel Bjarnason
Inszenierung, Design: Netia Jones

Sopran: Emma Kajander
Mezzosopran: Anne Sofie von Otter
Tenor: Aaron Godfrey-Mayes
Bariton: Jacques Imbrailo
Chor des Bayerischen Rundfunks
Ensemble des Symphonieorchester Vorarlberg

Im Herzen des Barocks
Chor des Bayerischen Rundfunks
Johann Christoph Bach, Johann Michael Bach
Johann Sebastian Bach, Carl Philipp Emanuel Bach
Musikalische Leitung: Peter Dijkstra
Orgel, Truhe-Orgel: Max Hanft
Violone, Gambe: Günter Holzhausen
Laute: Axel Wolf