16. Mai 2020 - 9:09 / Ausstellung / Malerei / Online 
15. Februar 2020 26. Juli 2020

Die Ausstellung zeigt einen Einblick in das Schaffen des spanischen Künstlers (1881–1973) während des Zweiten Weltkriegs. Da Picasso seine Werke zumeist auf den Tag genau datierte, folgt die Ausstellung der Chronologie der Ereignisse.

Unmittelbar vor Beginn des Kriegs im September 1939 flieht Picasso von Paris in den Ort Royan an die Atlantikküste. Wenige Wochen nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht kehrt er im August 1940 in die besetzte Hauptstadt zurück und bleibt bis zur Befreiung im August 1944 in seinem Pariser Atelier in der Rue des Grands-Augustins.

"Ich habe nicht den Krieg gemalt, weil ich nicht zu der Sorte von Malern gehöre, die wie ein Fotograf etwas darzustellen suchen. Aber ich bin sicher, dass der Krieg Eingang genommen hat in die Bilder, die ich geschaffen habe." Pablo Picasso, 1944

Picasso erhält ein Ausstellungsverbot als "entarteter" Künstler und hat einen unsicheren Status als Ausländer. Trotzdem ist er verhältnismäßig privilegiert – im Vergleich zu den vielen, die massiv Hunger und Mangel erleben, verhaftet, interniert oder deportiert werden. Seine Berühmtheit verschafft ihm sogar Schutz vor den Übergriffen der Besatzer. Nach der Befreiung wird Picasso als Überlebender gefeiert und Fotos aus seinem Atelier gehen um die Welt. Picasso wird zur Ikone der Libération.

In seinen zahlreichen Werken aus dieser Lebensphase reagiert Picasso auf die Bedrohungen der Zeit. Jedoch setzt er sich nur indirekt mit dem Thema Krieg auseinander. Im Vordergrund stehen die klassischen Gattungen und Themen der Malerei. Picasso zieht sich ins Private zurück. So porträtiert er seine Lebensgefährtin Dora Maar. In den Werken und Briefwechseln zeigt sich, mit wem Picasso in Kontakt stand. Sichtbar werden die Orte seines Pariser Umfelds: sein Atelier, der Park und das Restaurant. In manchen Werken greift Picasso die Stilmittel seiner kubistischen Zeit auf. Die Deformationen der Körper und die düsteren Farben spiegeln jedoch auch – wie die Totenköpfe und Tierschädel jener Jahre – die Schrecken des Kriegs wider. Es sind zutiefst menschliche Widersprüche, die Picassos Leben und sein Werk in den Kriegsjahren prägen.

1939

Am 1. September beginnt der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen und damit der Zweite Weltkrieg. Am 3. September 1939 erklären Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg. Hunderttausende Menschen, darunter Künstlerinnen und Künstler, verlassen Paris aus Sorge vor einem Luftangriff der Deutschen. Bereits am 29. August flieht Pablo Picasso mit Dora Maar, seinem Sekretär Jaime Sabartés und seinem Chauffeur Marcel Boudin aus Paris nach Royan. Seine andere Lebensgefährtin Marie-Thérèse Walter und die gemeinsame Tochter Maya, geboren 1935, befinden sich bereits dort.

Zwischen September 1939 und Mai 1940, während der kampflosen Zeit des "Sitzkriegs", hält sich Picasso immer wieder in Paris auf. Am 15. November eröffnet das MoMA in New York die große Retrospektive "Picasso: Forty Years of his Art". Teil dieser Ausstellung, die wegen des Kriegs in Europa im Anschluss durch die USA reist, ist das monumentale Werk "Guernica" (1937). Dieses malte Picasso in direkter Reaktion auf die Bombardierung der nordspanischen Stadt durch deutsche Flugzeuge während des Bürgerkriegs in seinem Heimatland. So direkt wie in diesem Werk reagiert er in den Jahren des Zweiten Weltkriegs nicht auf die Ereignisse.

1940

Zu Beginn des Jahres mietet Picasso in der Villa Les Voiliers am Hafen von Royan Zimmer, um sich dort sein Atelier einzurichten. Nach einer langen Zeit der Prüfung wird sein Antrag auf französische Staatsbürgerschaft am 25. Mai abgelehnt. Am 10. Mai beginnt überraschend die deutsche Westoffensive. Innerhalb weniger Wochen fällt die deutsche Wehrmacht in Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und Frankreich ein. Acht bis zehn Millionen Französinnen und Franzosen fliehen vor den deutschen Truppen in Richtung Südfrankreich. Am 14. Juni besetzt die Wehrmacht das nahezu verwaiste Paris.

Am 22. Juni schließen Adolf Hitler und Regierungschef Philippe Pétain einen Waffenstillstand, der zu der Teilung des Landes in eine freie Zone im Süden mit der Hauptstadt Vichy und eine von den Deutschen besetzte Zone im Norden und an der Atlantikküste führt.
Am 25. August kehrt Picasso mit Dora Maar aus dem besetzten Royan nach Paris zurück, das er während des Kriegs nicht mehr verlässt. Bis zum Januar 1941 entstehen – bis auf wenige Illustrationen – keine Werke mehr.

1941

Die Malerin und Fotografin Dora Maar ist ab Juni 1940 Picassos bevorzugtes Modell. Die beiden haben sich im Winter 1935 kennengelernt und führen bis 1946 eine Beziehung.

Seit September 1940 werden in Paris Lebensmittelkarten ausgegeben. Picasso hat Möglichkeiten, der Rationierung und dem Mangel zu begegnen. Auf seinem Gut Boisgeloup, 80 km außerhalb von Paris, baut sein Verwalter Alfred Réty für ihn Gemüse an und schickt es ihm die Stadt. Am 11. Dezember 1941 erklärt Adolf Hitler den USA den Krieg. Bereits am 22. Juni überfällt das Deutsche Reich die Sowjetunion. Das Attentat eines Kommunisten in Paris auf einen Angehörigen der deutschen Besatzungstruppen in Paris löst eine Welle von Vergeltungsmaßnahmen aus. Seit ihrem Verbot im Herbst 1939 durch die Regierung unter Édouard Daladier wirkt die Kommunistische Partei Frankreichs im Untergrund. Sie wird Teil des sich bildenden Widerstands gegen die deutsche Besatzung und das Vichy-Regime.

1942

Seit Herbst 1940 gelten sowohl in der besetzten als auch der freien Zone Frankreichs antisemitische Gesetze. Unter vielem anderen führen sie zu Beschlagnahmungen jüdischer Sammlungen. 1942 beginnt die systematische Verfolgung von jüdischen Menschen. Ab dem 29. Mai ist das Tragen des gelben Sterns Pflicht. Mitte Juli findet in Paris die großangelegte Razzia "Rafle du Vél’d’Hiv" statt. Mehr als 12 000 Menschen werden verhaftet. Im Dezember befiehlt Adolf Hitler die Deportation aller Jüdinnen und Juden aus Frankreich.

Am 6. Juni attackiert der französische Maler Maurice de Vlaminck Picasso heftig in einem Artikel in der von den Deutschen kontrollierten Zeitung Comœdia. Er behauptet, Picasso sei schuld am Niedergang der französischen Malerei. Der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger, der als Hauptmann in Paris in der Abteilung für Feindaufklärung arbeitet, besucht Picasso am 22. Juli in seinem Atelier. Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika marschiert die deutsche Wehrmacht im November in die freie Zone Frankreichs ein.

1943

Im Restaurant Le Catalan, das sich wie das Atelier des Künstlers in der Rue des Grands-Augustins befindet, isst Pablo Picasso regelmäßig während des Kriegs mit Dora Maar und anderen zu Mittag. Dort lernt er im Mai 1943 die Malerin Françoise Gilot kennen. Die beiden leben nach dem Krieg in Südfrankreich und haben zwei Kinder miteinander. Auch Maar und Marie-Thérèse Walter leben im fußläufigen Umfeld im Stadtviertel SaintGermain-des-Prés nahe des südlichen Seine-Ufers. Im Januar 1941 hatte Picasso bereits seine Wohnung auf der anderen Seine-Seite aufgegeben, um während des Kriegs unnötige Wege zu vermeiden.

"Warum glauben Sie, datiere ich alles, was ich mache? Weil es nicht genügt, die Arbeiten eines Künstlers zu kennen, man muss auch wissen, wie und unter welchen Bedingungen er sie schuf." So äußert sich Picasso gegenüber dem befreundeten Fotografen Brassaï am 6. Dezember. Brassaï wie Gilot veröffentlichen nach dem Krieg ihre Erinnerungen an die Zeit und die Gespräche mit Picasso. So berichtet Gilot, dass Picasso meistens vormittags Gäste in seinem Atelier empfing und nachmittags arbeitete.

1944

Im April bombardieren die Alliierten Paris. Am 6. Juni, am D-Day, landen 1,5 Millionen britische und US-amerikanische Soldaten in der Normandie. Am 14. Juni hält Charles de Gaulle, ab 1945 erstmals Präsident Frankreichs, eine Rede auf befreitem französischem Boden. Im August finden heftige Straßenkämpfe in Paris zwischen Mitgliedern des französischen Widerstands, der Vichy-Regierung und den Deutschen statt. Am 25. August wird Paris mit Unterstützung der Alliierten befreit. Picasso, der die Zeit der Unruhen bei Marie-Thérèse Walter und Maya verbracht hat, geht am Tag der Befreiung in sein Atelier. Unmittelbar danach porträtieren ihn dort die befreundete Kriegsfotografin Lee Miller und viele andere. Die Fotos werden in der nationalen wie der internationalen Presse veröffentlicht, die Picasso zur künstlerischen Ikone der Befreiung erhebt. Pablo Picasso wird zu dem weltbekannten Künstler, der er heute ist. Wenige Wochen später, am 4. Oktober, tritt Picasso in die Kommunistische Partei Frankreichs ein.

Zwischen dem 6. Oktober und dem 15. November findet der Salon d’Automne – auch Salon de la Libération genannt – statt. Picasso zeigt in eigenen Räumen 79 Arbeiten.

1945

Die Zeit der deutschen Besatzung, die sogenannten schwarzen Jahre, ist 1944 zwar weitgehend überstanden, dennoch wird Royan am 5. Januar bei dem Versuch, auch diese Stadt zu befreien, nahezu vollständig zerbombt. Die französische Bevölkerung leidet unter den Folgen des Kriegs, unter Krankheiten und Hunger. Hunderttausende Häuser sind zerstört oder schwer beschädigt. Die industrielle und landwirtschaftliche Produktion erreicht nur weniger als die Hälfte der Vorkriegskapazität.

Am 27. Januar wird das Konzentrationsund Vernichtungslager Auschwitz von der sowjetischen Armee befreit. Adolf Hitler begeht am 30. April Selbstmord. Am 8. Mai kapituliert das Deutsche Reich, der Zweite Weltkrieg ist in Europa beendet.

Pablo Picasso. Kriegsjahre 1939 bis 1945
Einblick in das Schaffen des spanischen Künstlers
(1881–1973) während des Zweiten Weltkriegs. Da Picasso seine Werke zumeist
auf den Tag genau datierte, folgt die Ausstellung der Chronologie der Ereignisse.
15. Februar bis 26. Juli 2020

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  •  15. Februar 2020 26. Juli 2020 /
Pablo Picasso, Drei Schafschädel, 17.10.1939, Museo Nacional Centro de Arte Reina So-fia, © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Photographic Archives Museo Nacional Centro de Arte Reina
Pablo Picasso, Drei Schafschädel, 17.10.1939, Museo Nacional Centro de Arte Reina So-fia, © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Photographic Archives Museo Nacional Centro de Arte Reina
Pablo Picasso, Stilleben mit Stier-schädel, 5.4.1942, Kunstsammlung Nord-rhein-Westfalen, Düsseldorf, © Suc-cession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Foto: Walter Klein, Düsseldorf
Pablo Picasso, Stilleben mit Stier-schädel, 5.4.1942, Kunstsammlung Nord-rhein-Westfalen, Düsseldorf, © Suc-cession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Foto: Walter Klein, Düsseldorf
Pablo Picasso, Taube, 4.12.1942, Chinatusche, Auswaschungen und Gouache auf Büttenpapier, 64,8 x 46 cm, Musée national Picasso-Paris, © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Foto: © bpk / RMN - Grand Palais / Michèle Bellot
Pablo Picasso, Taube, 4.12.1942, Chinatusche, Auswaschungen und Gouache auf Büttenpapier, 64,8 x 46 cm, Musée national Picasso-Paris, © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Foto: © bpk / RMN - Grand Palais / Michèle Bellot
Installationsansicht, Pablo Picasso Kriegsjahre 1939 bis 1945, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Achim Kukulies
Installationsansicht, Pablo Picasso Kriegsjahre 1939 bis 1945, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Achim Kukulies