Onyeka Igwe - Die Grenzen der Wiederherstellung des Archivierten

In Onyeka Igwes Praxis wird der instabile Grund des kolonialen Archivs offengelegt. Dieses erscheint nicht als festes Wissensdepot, sondern als Ort voller Spannungen, Undurchsichtigkeiten und nie aufgearbeiteter Gewalt. Ihre Filme und Installationen konfrontieren das Archiv mit dem, was fehlt, was unterdrückt oder unhörbar gemacht wurde. Igwe haucht oft als leblos behandelten Materialien – Zelluloidrollen, Bilddokumenten vergangener Bürokratien sowie verlassenen und vergessenen Räumen – neues Leben ein. Entstanden ist keine Rekonstruktion der Geschichte, sondern eine Einstimmung auf ihre Dissonanzen: eine sinnlich erfahrbare Geschichtsschreibung, in der koloniale Gewalt nicht der Vergangenheit angehört, sondern die Gegenwart nachhaltig prägt.

In der Secession entfalten sich zwei filmische Arbeiten in enger Beziehung zueinander. Das an der Fensterfront präsentierte Werk „No Archive Can Restore You“ (2020) fügt sich in die Architektur der Institution und das städtische Umfeld ein und verortet so sein Klang- und Bildfeld in den spezifischen Bedingungen seiner Präsentation. Der Film zeichnet die Nachwirkungen des britischen Kolonialismus in Nigeria anhand der verlassenen Niederlassung der ehemaligen Nigerian Film Unit in Lagos nach. Diese war einst eine wichtige Zweigstelle des Propagandaapparats der Colonial Film Unit. Das Gebäude ist heute verfallen. Das dort aufbewahrte Bildmaterial ist nur schwer zugänglich, was nicht nur auf dessen materielle Zersetzung, sondern auch auf einen allgemeinen Widerwillen, sich mit dessen Inhalten auseinanderzusetzen, zurückzuführen ist.

Anstatt diese verlorenen oder unzugänglichen Filme zu restaurieren, nähert sich Igwe ihnen auf indirekte Weise. Die Eröffnungssequenz zeigt in ruhigen Bildern das Äußere und die Innenräume des Gebäudes – Räume voller Staub, Spinnweben sowie zerfallender Akten und Filmdosen. Dabei wird das Archiv zugleich als materiell präsent und entzogen sichtbar. Während das Bild schließlich schwarz wird, ist eine dichte Klanglandschaft zu hören. Sie besteht aus Aussagen von Zeug:innen, Feldaufnahmen und Archivfragmenten, die an verschiedenen Orten in Nigeria und im Vereinigten Königreich gesammelt wurden. Das Werk greift die Antrittsrede von Nnamdi Azikiwe, einer der führenden Figuren der antikolonialen Bewegung und erster Präsident Nigerias im Jahr 1963, als Moment utopischer Verheißung auf. Zugleich werden darin Geschichten von Protest, Konflikt und Widerstand von der Kolonialherrschaft bis in die Gegenwart nachgezeichnet.

Ein Kernbestandteil des Films ist eine Chorkomposition, die von der Künstlerin und Musikerin Tanya Auclair arrangiert und von einem dreizehnköpfigen A-cappella-Ensemble aufgeführt wurde. Sie interpretiert Lieder neu, die mit dem Egba-Frauenaufstand von 1947 verknüpft sind – einem Protest gegen das koloniale Steuersystem unter der Führung der Abeokuta Women’s Union von Funmilayo Ransome Kuti. Anstelle von Einstimmigkeit setzt die kakophone Komposition auf Vielheit. Sie bildet einen Kontrapunkt zu den im Westen vorherrschenden Darstellungen Nigerias und artikuliert stattdessen eine polyphone, widerständige Art des Erinnerns und spekulativen Denkens, die das visuelle Regime des Archivs sprengt.

Der Titel des Films wurde von Julietta Singhs 2018 veröffentlichtem Buch „No Archive Will Restore You” inspiriert, das als Hybrid aus Essay, Memoiren und poetischer Theorie das Archiv radikal neu denkt – nicht als Sammlung von Dokumenten, sondern als etwas, das im und durch den Körper eingeschrieben ist. Der Titel ist programmatisch: Kein Archiv, ob institutionell oder anderweitig, kann das einmal Verlorene wiederherstellen. Anstelle von Rückgewinnung oder Kohärenz rückt Singh Bruch, Undurchsichtigkeit und das Fortbestehen dessen in den Vordergrund, was sich der Lektüre verweigert. Dieselbe Haltung klingt in Igwes Arbeit an, wenn sie die Grenzen der Wiederherstellung des Archivierten und die Unmöglichkeit hervorhebt, das Ausgelöschte oder Verleugnete vollständig zurückzugewinnen. Stattdessen beschwört der Film das herauf, was man als die „akustischen Schatten“ (Alexander Ghedi Weheliye) kolonialer Bewegtbilder auffassen könnte.

Zwei eigens für die Ausstellung entstandene neue Arbeiten vertiefen diese Untersuchung: ein Leuchtkasten mit aus dem Video „No Archive Can Restore You“ entnommenen Kadern sowie ein zweiter Film. Dieser übersetzt Klangregister in Bildunterschriften in der animierten, räumlichen Nachbildung des verlassenen Geländes der Nigeria Film Unit. Ohne archivarische Bruchstücke nehmen nun der Ton und seine schriftliche Übersetzung den Raum ein und werfen komplexe Fragen zu Transkription und Lesbarkeit auf.

In allen drei Arbeiten inszeniert Igwe die Begegnung mit dem Archiv als einen Raum des Unbehagens, in dem Wissen labil und relational bleibt und eher erfühlt als gesichert ist. Ihre Installation macht die affektiven und räumlichen Architekturen imperialer Macht wahrnehmbar und verweist zugleich auf deren Niedergang. Sie untergräbt die vermeintliche Unveränderlichkeit historischer Erzählungen und eröffnet einen Raum für Spekulationen und Formen der Zeug*innenschaft, die nicht auf Besitz beruhen. Auf diese Weise wird Forschung zu einer sowohl ethischen als auch poetischen Praxis: ein Mittel, um nicht die Vergangenheit vollständig wiederzugewinnen, sondern um zu ihren Überresten eine aufmerksamere und verantwortungsvollere Beziehung einzugehen.

Onyeka Igwe, geboren 1986 in London, UK, lebt in London.

Onyeka Igwe
No Archive Can Restore this Chorus of (Diasporic) Shame
Bis zum 30.08.2026
Kuratiert von Jeanette Pacher
Obergeschoss