Oliver Laric zählt zu den international profiliertesten Künstlern im Bereich digitaler Bildhauerei und arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Kunstgeschichte und Technologie. In seiner künstlerischen Praxis erforscht er die Fluidität von Bildern und Objekten in der zeitgenössischen Kultur.
Die Einzelausstellung in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Original, Reproduktion und Transformation. Im Zentrum steht dabei die Idee des Künstlers, dass auch tief in der kulturellen Identität verankerte Vorstellungen, Bilder, Formen und Mythen niemals abgeschlossen sind, sondern sich ständig im Prozess der Weiterentwicklung und Rekontextualisierung befinden.
Laric nutzt digitale Technologien, um historische Artefakte zu transformieren und weiterzudenken und eröffnet so neue Perspektiven auf museale Sammlungen und deren mögliche Zukunft. Larics künstlerische Haltung positioniert ihn weniger als „Schöpfer” im traditionellen Sinne, sondern vielmehr als „Vermittler”, der bestehende Materialien neu kontextualisiert und Verbindungen zwischen ihnen herstellt. Seine Zusammenarbeit mit Museen und Kulturinstitutionen zielt darauf ab, deren Sammlungen mittels digitaler Technologien öffentlich zugänglich zu machen, wodurch er zugleich die institutionelle Kontrolle über Kulturgüter herausfordert und nutzt. „Schwellenwesen“ ist somit nicht nur eine künstlerische Intervention, sondern auch ein Beitrag zur aktuellen Debatte um Zugänglichkeit, Digitalisierung und den Umgang mit unserem kulturellen Erbe.
Digitale Skulpturen im Dialog mit der Antike
Ein zentrales Element von Larics Arbeit ist der Einsatz von 3D-Scan- und 3D-Drucktechnologien, mit denen er Versionen historischer Artefakte und Skulpturen erstellt. Diese digitalen Modelle stellt er auf threedscans.com dem Publikum zur aktiven Gestaltung zur Verfügung und verschiebt damit den Fokus vom Besitz von Bildern und Objekten hin zu deren Zirkulation über geografische Grenzen hinweg. Dabei offenbaren sich Muster von Wiederholung und Variation, die sich durch verschiedene Kontexte und Epochen ziehen.
In „Schwellenwesen“ treten Werke der Antikensammlung in einen offenen Dialog mit eigens für diese Sonderpräsentation im 3D-Druck geschaffenen Skulpturen Larics. Diese sind nicht nur Neuinterpretationen, sondern auch Reflexionen über den Prozess der kulturellen Weitergabe und über die Wandelbarkeit von Bedeutungen im Laufe der Zeit. Larics Werke bewegen sich zwischen Antike und Gegenwart, zwischen musealem Kontext und digitalem Raum.
Im Mittelpunkt von Larics Interesse bei diesem Ausstellungsprojekt standen Mischwesen, also hybride Gestalten, die Merkmale unterschiedlicher biologischer oder symbolischer Kategorien in sich vereinen und diese gleichzeitig überwinden, insbesondere Mischformen aus Mensch und Tier oder zwischen verschiedenen Tierarten. Sie gehören zu den ältesten und verbreitetsten Motiven in der Mythologie, Kunst und Religion vieler Kulturen. Als Symbole für das Rätselhafte sind Hybridwesen Projektionsflächen menschlicher Begierden, Sehnsüchte und Ängste.
Für die Sonderpräsentation hat Laric gezielt Motive ausgewählt, die durch ihre Form, Geschichte oder ikonografische Vielschichtigkeit das Potenzial hatten, Ausgangspunkt neuer Arbeiten zu werden. Zu sehen sind unter anderem Skulpturen, die Bezug nehmen auf die Sitzende Sphinx mit Greifenkopf (römisch, 1.–2. Jh. n. u. Z.) und die Vierköpfige Sphinx (römisch, 2. Hälfte 2. Jh. n. u. Z.), die Laric seit seiner Kindheit fasziniert und die sich ebenfalls in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums befinden.
Darüber hinaus wurden Artefakte aus dem 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. aus dem British Museum in London (Horus), dem Archäologischen Museum in Iraklio auf Kreta (Pan), dem Archäologischen Nationalmuseum in Athen (Sirene), der Villa von Oplontis in Torre Annunziata (Zentaurin), dem Colchester Castle Museum in Colchester (Colchester Sphinx) und dem Louvre in Paris (Aion) gescannt.
Die insgesamt acht neu geschaffenen Werke weichen in Material und Maßstab von ihren historischen Vorlagen ab: Sie sind als durchscheinende Harzformen, als modulare Kompositionen oder als scheinbar unvollständige Fragmente gestaltet. Sie laden dazu ein, das Museum nicht nur als Ort des Bewahrens, sondern auch als Ort der permanenten Neubegegnung mit der Vergangenheit zu begreifen.
Oliver Laric wurde 1981 in Innsbruck geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Oliver Laric. Schwellenwesen
Bis zum 15. Februar 2026
Antikensammlung, Kunsthistorisches Museum