Oliver Laric - Die Infragestellung von Authentizität und Einzigartigkeit

Die künstlerische Praxis von Oliver Laric bewegt sich seit den frühen 2000er Jahren an der Schnittstelle von Video, Skulptur, digitalen Medien und Archivarbeit. Dabei geht es weniger um die Vorstellung eines autonomen Werks als vielmehr um die Frage, wie Bilder, Objekte und Informationen zirkulieren, transformiert und neu codiert werden.

Laric begann früh damit, seine Arbeiten online zu veröffentlichen und sie so außerhalb institutioneller Kontexte sichtbar zu machen. Seine Videos wurden geteilt, weiterverarbeitet, kopiert und (unfreiwillig) in kommerzielle Zusammenhänge überführt. Diese Offenheit wurde zu einem zentralen Prinzip seiner Arbeit: Das Werk bleibt nicht abgeschlossen, sondern setzt sich in seiner Rezeption, Zirkulation und Reproduktion fort. In Larics Arbeiten werden Bilder als fluide Formen verstanden, die ihre Funktion, ihren Kontext und ihre politische Lesbarkeit fortwährend verändern. Diese Perspektive bestimmt auch Larics Beschäftigung mit Archiven. Besonders in digitalen Archiven wird die Frage virulent: Wer verfügt über Daten? Wer hat Zugriff? Und welche ökonomischen und politischen Interessen strukturieren ihre Verfügbarkeit? Vor diesem Hintergrund gewinnt auch Larics langjährige Beschäftigung mit Selbstarchivierung besondere Bedeutung.

Seit 2012 entwickelt er mit www.threedscans.com offene 3D-Archive, in denen Scans historischer Skulpturen und Artefakte frei zugänglich gemacht werden. Die digitalen Datensätze können heruntergeladen, reproduziert und weiterverarbeitet werden. Damit verschiebt Laric die Idee des Archivs von einer konservierenden Sammlung hin zu einem produktiven, kollaborativen Werkzeug. Archive dienen somit nicht allein der Bewahrung, sondern werden selbst zu Ausgangspunkten neuer künstlerischer Produktion.

Die Ausstellung im Dock 20 knüpft an diese Fragestellungen an und fokussiert Larics Arbeit mit Video, Medienbildern und Archivmaterialien. Gezeigt werden vier Videoarbeiten und vier Posterarbeiten, die sich allesamt mit Archiven und Formen kollektiver Bildproduktion beschäftigen.

Für eine neue Videoarbeit sammelt Laric Daumenkino-Sequenzen, die marginal an den Rändern in internationalen (Lehr-)Büchern, Zeitschriften und Romanen platziert sind. Er animiert die kleinen, oft humorvollen Randnotizen als Protagonistinnen zu einem Stop-Motion-Video. Durch das Sammeln, Ordnen und die Neumontage des Materials entstehen visuelle Erzählungen, die zwischen persönlicher Recherche, kollektiver Erinnerung und medialer Geschichte oszillieren.

Ein weiterer Fokus liegt auf Clip-Art-Grafiken der 1990er und frühen 2000er Jahre. Dieses Bildmaterial wurde ursprünglich für die digitale Kommunikation, Präsentationen oder das Desktop-Publishing entwickelt und erscheint wie ein visuelles Archiv der frühen Internetkultur. Indem Laric diese Motive erneut aufgreift, untersucht er, wie sich ihre Ästhetik und Bedeutung im Laufe der Zeit verändert haben. Die Arbeiten bewegen sich zwischen nostalgischer Rückschau und gegenwärtiger Relektüre. Sie stellen die Frage, ob diese Bildwelten heute als historische Dokumente erscheinen oder weiterhin zeitgenössisch lesbar sind.

Die Posterarbeiten nehmen innerhalb der Ausstellung eine besondere Rolle ein. Sie fungieren als verdichtete Bildarchive, in denen verschiedene Materialien, Referenzen und Themen zusammengeführt werden. Zugleich stehen sie für Larics Interesse an Formen der Verbreitung und Zugänglichkeit. Während Skulpturen und Installationen häufig an institutionelle und ökonomische Bedingungen gebunden sind, versteht Laric das Poster als offenes, reproduzierbares Medium mit niedriger Schwelle zur Verfügbarkeit. Es ist für ihn nicht nur Begleitmaterial, sondern ein eigenständiger Träger von Wissen, Erinnerung und Bildpolitik, der sich selbst distribuiert, da die Besucher:innen die Poster mitnehmen können.

Larics Arbeiten machen diese Bedingungen sichtbar, ohne sie eindeutig zu bewerten. Stattdessen eröffnen sie einen Raum, in dem sich Bilder, Daten und Geschichten in immer neuen Konstellationen begegnen.

Oliver Laric ist Künstler und Mitbegründer des Kunstblogs vvork.com (2006–2012) sowie Gründer der Datenbank für urheberrechtsfreie 3D-Modelle threedscans.com (seit 2012). Seine Arbeiten wurden international gezeigt, u. a. in der Secession Wien, im Schinkel Pavillon Berlin, im SCAD Museum of Art Savannah, im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck, im Kunsthistorischen Museum Wien, bei der São Paulo Biennale, im Centre Pompidou Paris und im New Museum New York.

Oliver Laric: „Save For Later“
bis 12.9.2026