Sa, 10.09.2005 / Bernhard Sandbichler / Erratum
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Eine bayerische Privatschule wirbt mit einem Irrtum Nietzsches um Stipendiaten. Für Richtigstellung des Irrtums sorgte Gerhard Polt. Ein Trend, der Schule macht. »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.«, hat Friedrich Nietzsche in seiner Abhandlung »Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert« behauptet.

An den ewigen Götzen, so heißt es darin, wolle er »mit dem Hammer wie mit einer Stimmgabel« rühren, um ihren hohlen Ton hörbar zu machen. Trotz dieser fragwürdigen Musikalitätsauffassung geistert das Nietzsche-Diktum als Zitat bis heute herum. Die »Zürich« zitiert es, wenn sie im Programmheft des Lucerne-Festivals als Sponsor auftritt, Anne-Sophie Mutter zitiert es, wenn sie im Proust-Fragebogen ihre »derzeitige Geisteshaltung« umschreibt und ein gewisser Hans-Peter Müller zitiert es, wenn er seinem Musikzitate-von-A-bis-Z-Buch (2003 bei Schott erschienen) einen Titel geben soll.

Die Max-Rill-Schule hat das Zitat nun prompt in einer Anzeige verwendet. Sie ist als staatlich anerkanntes Privatgymnasium mit Internat auf einem Schloss im bayerischen Reichersbeuern einquartiert und vergibt laut Anzeige Stipendien an musisch engagierte SchülerInnen. War das Leben dort auf dem Schloss bislang ein Irrtum, weil ohne Musik?, denkt man lesend; denn man denkt zum wiederholten Mal logisch: Ein Leben mit Musik wäre kein Irrtum (gewesen). Nietzsches Binsen- ist somit endlich Schulweisheit geworden. Aber gerade dagegen verwehrte sich unlängst der bayerische Sprachlogiker Gerhard Polt via Presse-Aussendung. Er unterstützt – so muss man wissen – gemeinsam mit dem Tübinger Klavierhaus Vögele und der Ulmer TV-Moderatorin und Autorin Amelie Fried die Kampagne der Max-Rill-Schule finanziell. Polt weist Nietzsches Eindimensionalität vehement zurück. »Ein Leben mit Musik ist ebenfalls ein Irrtum«, meint er, »ja, das Leben selber ist ein einziger Irrtum!« Da man in Schulen aber fürs Leben lerne, könne sich diese Institution doch wohl nicht gegen den Irrtum (und also gegen das Leben) wenden. Gerade der Irrtum mache die Schule doch lebensnah!

Die Max-Rill-Schule will jetzt zu Schulbeginn ihre Kampagne ändern. »«Ein Leben mit Musik ist ein Irrtum!» Gerhard Polt« soll es ab nun heißen; klingt weniger hammermäßig, aber dennoch flott. Polts Einwand hat sich im Übrigen weiter herumgesprochen. Der Schott-Verlag will Hans-Peter Müllers Buch bei der nächsten Auflage »Mit Musik ist das Leben ein Leben« titeln und somit den Anti-Logiker Polt statt des Logikers Nietzsche zitieren. Die Zürich ist etwas vorsichtiger und überlegt die Variante »«Mit Musik ist das Leben ein Leben (ein Irrtum).» Polt (Nietzsche)«. Lediglich Anne-Sophie Mutter hat ihre jetzige Geisteshaltung im Vergleich zur damals »derzeitigen« noch nicht deklariert. Soweit man weiß, lebt sie jedenfalls – mit Musik. Oder irre ich?

Und wenn schon! »Errare humanum est«, sagt Vater Hieronymus
(Epistulae 27,12), und wir sind schließlich alle bloß Menschen.

Quelle: http://www.max-rill-schule.de